München soll grüner werden Schweben bald Blumen über dem Viktualienmarkt?

Mehr als 800 Quadratmeter Grünfläche würde die Innenstadt so gewinnen – in zweiter Ebene. Kleines Bild: ein Stadtbegrünungspavillon in der Realität. Foto: Visualisierung: GKR, Foto: Bernd Wackerbauer

Bunte Pflanzendächer statt kahler Markisen: Der Stadtrat prüft eine Begrünung der Standl am Viktualienmarkt – nach dem neuen Konzept einer Münchner Firma.

München - Normalerweise werden in Gewächshäusern die Klamotten etwas klamm, die Brillengläser beschlagen leicht, die Haare kräuseln sich sanft. Die Luft riecht nach feuchter Erde und saftigem Grün – schließlich sollen es die Pflanzen gut haben.

In einem Gewächshauskomplex in Feldmoching ist das anders. Die Pflanzen bei der Firma GKR sehen zwar alle sattblättrig aus – die Luft fühlt sich aber an, wie die in einem besseren normalen Büro.

Hier stehen Pflanzen, die seit 2016 nicht mehr gegossen wurden

Denn hier beim Hydrokulturen-Unternehmen GKR läuft alles ein wenig anders. Hier wachsen Topfpflanzen, die teilweise seit anderthalb Jahren nicht mehr gegossen wurden. Und wiederum andere, die man fast nicht mehr als Topfpflanzen bezeichnen kann, sondern schon Bäume nennen muss – Olive, Kastanie, Orange –, aber deren Topf so winzig klein ist, als stünde da ein zartes Zimmerpflänzchen vor einem.

Kein Wunder, dass sich die Stadt München für diese Technologie interessiert. Seit GKR-Chef Wolfgang Plattner im November 2017 das dahinterstehende Pflanz- und Bewässerungssystem im Stadtrat vorgestellt hat, prüft die Stadt, ob sie auf diese Weise neue Grünflächen im öffentlichen Raum schaffen kann.

Plattner hat im November den Viktualienmarkt als Beispielfläche genommen: Anstatt der kahlen Markisen vor den Standln, so seine Planung, könne man dort seine Begrünungspavillons aufstellen – mit allen einheimischen Pflanzen, die man sich so vorstellen kann.

"Mindestens 800 Quadratmeter Fläche, die wir dem Grün gestohlen haben, könnten wir ihm so zurückgeben", sagt Plattner. Und dass man das muss, davon ist er überzeugt – das ist seine Motivation für die Arbeit, die er seit zehn Jahren in die Entwicklung dieses Systems steckt. Um etwas zu tun gegen die Probleme, die die große Nachverdichtung und damit der Grünschwund mit sich bringt: schlechtere Luft, mehr Feinstaub, weniger Wildtiere und Insekten, weniger Erholungsfaktor für die Menschen.

"Und die Pavillons sind eine Chance, die Innenstadt massiv und effizient zu begrünen", sagt Plattner. Effizient vor allem deshalb, weil dafür niemand alle paar Tage literweise Wasser in der Stadt herumfahren müsste – denn die Pflanzsysteme auf den zwei bis dreieinhalb Meter hohen Pavillons besitzen einen geschlossenen Wasserkreislauf. Sie sind so konzipiert, dass das Regenwasser für die Pflanzen ausreicht: Ein nicht sichtbares Becken sammelt es, ein Überlaufschutz reguliert es. Durch eine Metallabdeckung verdunstet das Wasser nicht einfach, sondern kondensiert und fällt wieder auf die Wurzelballen.

Einen Pilotversuch mit Pavillons soll es in der Stadt geben

Die Pflanzentöpfe mit extra Luftlöchern schweben in einer Halterung über dem Wasser und stehen nicht darin, sodass die Wurzeln nicht verfaulen können. Und die Wurzeln selbst sind auch nochmal eine Besonderheit: Dadurch, dass das Wasser so nah ist, entwickeln die Blumen, Büsche und auch Bäume keine massiven Trieb- und Haltwurzeln, mit denen die Pflanze normalerweise Feuchtigkeit sucht, sondern nur feine Nährstoffwurzeln. Sie braucht also viel weniger Platz im Topf.

Die Pavillons in Modularbauweise, stellt Plattner sich vor, könnten zum Beispiel auch in der Leopoldstraße stehen, vor den Cafés oder auf Flachdächern wie von Tankstellen und Supermärkten.

Ob es bald schwebende Pflanzen geben wird auf dem Viktualienmarkt: Die Stadt hält sich bedeckt. Das Vergabeverfahren laufe, teilte das Baureferat auf AZ-Anfrage mit, Details zu Standorten seien nicht entschieden. Mit der Beauftragung einer Firma sei im Sommer zu rechnen, mit dem Beginn eines Pilotversuchs ab Herbst.

Plattner jedenfalls geht es nicht schnell genug voran: "Ich möchte schon gern, dass München die Pavillons als Weltpremiere aufstellt", sagt er. "Aber wenn die Stadt nicht will – interessiert sind auch noch andere Städte." Zum Beispiel Stuttgart, Hamburg, Berlin. Aber die haben nun einmal keinen Viktualienmarkt.

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