München Schwul und ganz normal

Farbtupferl auf dem Marienplatz: Die Drag-Queens sind nicht gerade repräsentativ für die schwule Realität, gehören aber zu jedem CSD. Foto: Imago

MÜNCHEN - Vor 40 Jahren fand der "Christopher Street Day" statt - seitdem feiern die Schwulen ihre Sexualität und demonstrieren für ihre Rechte: Was der Münchner Szene-Wirt Dietmar Holzapfel über Klischees, Heteros und Parallelleben sagt.

„Stonewall Inn“ hieß das Lokal, Christopher Street die Straße, in der der Aufstand losbrach. Vor 40 Jahren, am 28. Juni 1969 war’s, als sich New Yorker Homosexuelle erstmals massiv gegen die ständigen Kontrollen, Razzien und Demütigungen durch die Polizei wehrten. Weltweit und jährlich erinnert seitdem der Christopher-Street-Day (CSD) an dieses Ereignis. Einer, der beim Münchner CSD mitmischt (heuer am 11./12. Juli), ist Dietmar Holzapfel, Wirt der legendären Szene-Location „Deutsche Eiche“.

AZ: Herr Holzapfel, ist der CSD im liberalen München überhaupt noch notwendig?

Ja! Zugegeben: München ist schon eine Insel der Glückseligen. Wir machen das aber auch stellvertretend für die Regionen, in denen Schwule und Lesben immer noch diskriminiert werden, ganz zu schweigen von den Ländern, in denen ihnen sogar die Todesstrafe droht. Außerdem gibt es immer noch genug Vorurteile, zum Beispiel in der Schule. Ich war ja selber Lehrer.

Ist das Schreibgerät kaputt, heißt es dort zum Beispiel „So ein schwuler Füller“.

Richtig, wobei ich das jetzt nicht so schlimm finde, weil es eher gedankenlos als diskriminierend gemeint ist.

„Es gibt schwule Friseure, Mathematiker und Fließbandarbeiter“

Welches Vorurteil nervt Sie am meisten?

Dass Homosexuelle automatisch als feminin gelten. Das ist Unsinn. Die meisten treten genauso maskulin wie Heteros auf. Natürlich fallen die weniger auf. Es gibt schwule Friseure, Mathematiker und Fließbandarbeiter.

Auf dem CSD paradieren jedes Jahr schrille, halbnackte Menschen durch die Stadt. Schürt das nicht die Klischees, die an den anderen 364 Tagen abgebaut wurden?

Gegenfrage: Was zeigen Sie denn als großes Foto zu diesem Interview?

Eine ziemlich bunte Drag-Queen auf dem Marienplatz.

Sehen Sie. Bei dieser Wahrnehmung spielen die Medien eine große Rolle. Wer wird fotografiert, wen will man sehen? Natürlich weniger die 0815-Besucher und eher welche, die sich zum Beispiel in unglaublicher Arbeit ein irres Kostüm gebastelt haben. Das verwischt den Eindruck der Masse. Aber es schauen ja zum Glück auch viele heterosexuelle Münchner vorbei und bilden sich ein eigenes Urteil.

Trotzdem scheint es eher um Party als um Politik zu gehen.

Auch Buntes kann Inhalt haben. Aber es stimmt, dass gerade junge Schwule und Lesben vieles als Selbstverständlichkeit sehen, was von der älteren Generation mühsam erkämpft wurde. Vor rund 40 Jahren war Homosexualität in Deutschland noch strafbar, und unter Hitler sind sie ins KZ gekommen.

Toller Papa Patrick Lindner

Wo gibt es noch konkret politischen Verbesserungsbedarf?

Zum Beispiel bei der Erbschaftssteuer. Konkretes Beispiel: Mein Partner oder ich müssten im Todesfall des Anderen das Hotel verkaufen, um die bezahlen zu können.

Sollten Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen?

Dem stehe ich grundsätzlich positiv gegenüber. Ich kenne das Kind von Patrick Lindner und weiß, wie toll er es erzogen hat. Das Argument, dass ein Kind beide Geschlechterrollen brauche, hat doch mit der Realität nichts zu tun. Die vielen alleinerziehenden Eltern sind nur ein Beispiel. Außerdem kann man als Mann oder Frau durchaus beide Bedürfnisse erfüllen.

Warum haben manche Menschen, vor allem Männer, so ein Problem mit dem Thema Homosexualität?

Das hat viel mit Verdrängung zu tun. Ich glaube, dass in jedem Mann ein Stückchen Homosexualität steckt. Schauen Sie doch zum Beispiel mal, was im Bierzelt ab einem gewissen Alkoholpegel abgeht, wie da herumgeschmust wird. Wer mit seiner Sexualität im Reinen ist, hat kein Problem mit Schwulen und Lesben.

Händchenhalten im Gärtnerplatzviertel

Was können Homosexuelle selber tun, um Vorurteile abzubauen?

Einfach offen und selbstverständlich damit umgehen.

Also sich outen?

Das muss jeder selbst wissen. Viele trauen sich noch nicht und erfinden für den Kollegenkreis ein heterosexuelles Parallelleben. Das ist traurig.

In den 90ern gab es „Zwangsoutings“...

Das ist kein Weg! Außer jemand hetzt öffentlich gegen Homosexuelle. Weiß ich etwas von einem Doppelleben Ratzingers, melde ich mich. (lacht)

Ist es problemlos möglich, in München Hand in Hand durch die Straßen zu laufen – als Mann mit einem Mann?

Im Gärtnerplatzviertel dreht sich nicht mal mehr jemand um, am Stadtrand sieht das schon anders aus, auf dem Land sowieso. Bei uns vor dem Hotel in der Reichenbachstraße erlebt man die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Das ist wirklich herrlich, besser als Kino.

Wann wird Homosexualität Normalität sein?

Dann, wenn wir nicht mehr drüber reden müssen.

Interview: Timo Lokoschat

 

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