München bekommt neues Stadtviertel Freiham: Mega-Projekt mit Streitpotenzial

Emily Engels ist Rathaus-Reporterin der Abendzeitung.
Bis zu 7.000 Wohnungen sollen im zweiten Bauabschnitt entstehen, den der Stadtrat gestern einen großen Schritt vorangebracht hat. Insgesamt soll das neue Stadtviertel Freiham Nord möglichst autoarm und umso radl- und fußgängerfreundlicher gestaltet werden. Foto: Visualisierungen: Hild und K Architekten BDA, München mit Sergison Bates architects LLP, London

Der Stadtrat hat am Mittwoch einen wichtigen Schritt für Freiham Nord beschlossen. Doch es gibt große Kritiker – nicht nur aus dem Bezirksausschuss Aubing.

 

Es ist ein wichtiger Schritt für die weitere Planung des Mega-Projektes Freiham Nord. Auf Europas größtem Neubaugebiet soll hier ein komplett neues Stadtviertel in Größe einer Kleinstadt entstehen – mit über 25.000 Einwohnern. Der erste Bauabschnitt wird bereits seit 2016 umgesetzt. Den zweiten Bauabschnitt hat am Mittwoch der Stadtrat ein großes Stück vorangetrieben: Auf Grundlage des Wettbewerbssiegerentwurfs für den Abschnitt hat er als nächsten Schritt beschlossen, einen Bebauungsplan aufstellen zu lassen.

7.000 Wohnungen im neuen Münchner Stadtviertel Freiham

Der Gewinnerentwurf von "Hild und K Architekten BDA", München, mit "Sergison Bates architects LLP", London, sieht Gebäude mit vier bis acht Geschossen vor. Es sollen 7.000 Wohneinheiten gebaut werden – sogar mehr, als ursprünglich mit 5.000 bis 6.000 vorgesehen.

Entstehen soll ein Mix aus Wohnen für Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und Lebensformen. Geplant sind unter anderem auch zehn Häuser für Kinder, eine Mittelschule, eine Grundschule und ein Schulschwimmbad. Parallel dazu hat Stadtbaurätin Elisabeth Merk (parteilos) am Mittwoch ein Mobilitätskonzept für Freiham vorgestellt. Dabei geht es grundsätzlich darum, den Autoverkehr auf ein "notwendiges Mindestmaß" zu reduzieren – und den Fuß- und Radverkehr sowie den ÖPNV zu stärken (AZ berichtete). Die S-Bahnlinien 4 und 8, der geplante U-Bahnanschluss sowie ein engmaschiges Busnetz sollen Freiham künftig gut an Stadt und Umland anbinden.

Ob die im Wettbewerbsentwurf geplante Anzahl an Wohnungen mit Blick auf die verkehrliche Anbindung und die Umweltfragen (etwa Frischluftschneisen) wirklich umsetzbar sind, will das Planungsreferat in einem nächsten Schritt prüfen.

CSU: Erst U-Bahn-Erschließung, dann Wohnungsweiterbau

Gleichzeitig war vor allem die Verkehrsfrage am Mittwoch im Planungsausschuss des Stadtrates einer der größten Streitpunkte. Für Zündstoff sorgte zunächst die CSU-Fraktion mit ihrem Antrag, in dem sie forderte, dass der zweite Realisierungsabschnitt erst dann in Betrieb gehen könne, wenn die Erschließung mit der U-Bahn gesichert ist.

Das könnte sich allerdings noch etwas länger hinziehen. Denn die U5-Verlängerung nach Freiham soll nach derzeitigem Stand frühestens Mitte 2030 kommen. Geklärt ist auch noch nicht, wer die Kosten (750 Millionen Euro) trägt.

SPD hält CSU-Antrag für Freiham "skandalös"

SPD-Fraktionschef Christian Müller schoss deshalb gegen den CSU-Antrag: "Den Wohnungsbau auf diese Art und Weise aufhalten zu wollen, halte ich für skandalös." Er fasste zusammen: "Ihr bringt verkehrspolitisch nichts zustande, eure Mär davon, dass alle sich noch ihr Verkehrmittel aussuchen dürfen, ist reiner Populismus. Und jetzt wollte ihr auch noch den so dringend gebrauchten Wohnungsbau verhindern."

Woanders sieht FDP-Fraktionschef Michael Mattar den Mangel. Er sprach am Mittwoch von dem "Trauerspiel S-Bahn". Die jetzt schon massiv ausgelasteten S-Bahnlinien 4 und 8, die beide in Freiham halten, müssten dringend ertüchtigt werden – durch den Ausbau von Gleisen. Hier sei allerdings der Freistaat gefragt.

Müller habe genau hier die Hoffnung aufgegeben. "Der Freistaat hat erst jetzt gemerkt, dass wir im digitalen Zeitalter angekommen sind – und ein neues Stellwerk am Ostbahnhof brauchen", spottete er.

Stadträtin Brigitte Wolf (Linke) stellte die geplante Einwohnerdichte grundsätzlich in Frage. Ebenfalls sei sie nicht überzeugt davon, dass eine U-Bahn nach Freiham überhaupt der richtige Weg sei. "Wir hätten an einer Tram festhalten sollen", sagt sie.

"Massive Probleme" in Freiham befürchtet

Auch Sebastian Kriesel (CSU), Vorsitzender des Bezirksausschusses Aubing, sieht "massive Probleme" auf seinen Stadtbezirk zukommen. Sein BA hatte den Aufstellungsbeschluss, dem der Stadtrat am Mittwoch zugestimmt hat, zuvor abgelehnt.

"Die aktuellen Planungen zeigen noch zu starke Schwächen", fasst Kriesel zusammen. Er sagt: "Erst müssen Lösungen für die unzureichende Verkehrserschließung, den Ausbau der A99, die Frage der Fertigstellung der U-Bahn, den Klimaschutz und der fehlenden Infrastruktur vorliegen."

Die Grünen hatten ihre Bedenken in einem Änderungsantrag zusammengefasst, in dem sie das Planungsreferat unter anderem dazu beauftragen, möglichst schnell eine Finanzierung der U5 mit Bund und Land zu verhandeln. Auch soll ein detaillierteres ÖPNV-Konzept erstellt – und ein stadtklimatisches Gutachten mit Blick auf Frischluftschneisen in Auftrag gegeben werden.

Freiham: Stadtrat stimmt gegen CSU-Antrag

Zudem sollen der BA und die Bevölkerung "intensiv in die Planungen einbezogen werden". Der Stadtrat stimmte für den Grünen- und gegen den CSU-Antrag.

OB Reiter resümierte nach dreistündigem Streit: "Der Neuigkeitsgehalt der Debatte war überschaubar." Seine Vermutung: "Ich denke, die Diskussion hat viel mit der Stadtratswahl am 15. März zu tun." Klar, es müsse ein vernünftiges Konzept her. Ob das Planungsreferat das hinbekomme? Reiter: "Ich habe große Hoffnung."

 
Mit dem kommunalpolitischen Newsletter sind Sie stets bestens informiert.
 

8 Kommentare