Menschen wollen Dialekt loswerden Boom: Hochdeutsch-Kurse in Bayern immer beliebter

Sprechübung mit Finger im Mund: Ariane Willikonsky (v.l.), Markus Zieris und Rita Biermeier. Foto: dpa

Hochdeutsch statt Bairisch? Immer mehr Menschen wollen ihren Heimatdialekt loswerden – sie versprechen sich so mehr Erfolg im Beruf.

Oberstdorf - Hochdeutschkurse zum Dialekt-Abgewöhnen sind immer mehr im Kommen, weiß Sprechtrainerin und Logopädin Ariane Willikonsky. Die Expertin aus Bolsterlang bei Oberstdorf bringt seit Jahren schon eingefleischten Dialektsprechenden die Schriftsprache bei – und es werden immer mehr.

Denn: "Je hochdeutscher jemand spricht, desto mehr Kompetenz wird ihm zugetraut", sagt Willikonsky, die nicht nur Schwaben und Bayern unterrichtet, sondern auch Workshops für Hessen, Schweizer oder Österreicher gibt.

Einer ihrer Klienten ist Markus Zieris aus dem Allgäu. "Ich habe Kunden sowohl im Allgäu als auch in Hamburg. Da wird sofort gefragt, wo ich herkomme und ob da alle so sprechen", so der Mediengestalter. Das sei zwar oft ein netter Gesprächseinstieg. "Aber es lenkt manchmal von der Sache ab." Er will deshalb lernen, Hochdeutsch mit weniger Allgäuer Akzent zu sprechen. "Immer mehr Menschen sind beruflich überregional tätig und wollen verstanden werden", sagt Willikonsky. "Es ist erleichternd, wenn sie sich dann im Gespräch oder Vortrag nicht auf die Sprache konzentrieren müssen."

Immer mehr Hochdeutsch-Kurse in Deutschland

Die Allgäuer Sprachschule ist dabei kein Unikum, deutschlandweit bieten immer mehr Institute Hochdeutsch-Kurse an. Und das kann laut Willikonsky jeder lernen: Erstmal gehe es darum, welche Wörter auszutauschen sind. "Grüß Gott" wirke im Norden fromm, und dann gibt’s noch die "Viertel vor und Dreiviertel"-Missverständnisse bei der Uhrzeit. Auch die Vokale sind unterschiedlich: Das ,A’ wird im Hochdeutschen meist offener gesprochen als im Süden.

Dabei geht es Willikonsky nicht darum, den Dialekt auszutreiben, wie sie betont. Bairisch und Allgäuerisch rangierten auf der Hitliste der "sympathischsten Dialekte" meist sehr weit oben. "Viele verbinden damit Urlaub", sagt Willikonsky. Und Dialektsprecher wirkten zudem oft sympathischer. Aber: "Im Beruf kann die Wirkung ganz anders sein."

Die Allgäuer beispielsweise öffneten ihren Kiefer zu wenig, es mangelt an Klang und Deutlichkeit. "So wirken sie schwerer zugänglich und abgewandt, obwohl sie das nicht sind", so die Expertin. Auch wenn sie Englisch oder Französisch sprechen, höre man den Dialekt durch und damit "ein ländliches Image".

Einen Vorteil haben die Dialektsprecher allerdings gegenüber den Hochdeutschsprechern: Umgekehrt sei es fast unmöglich, einen Dialekt später zu lernen. "Das hört sich immer peinlich-bemüht an", so Willikonsky.

Noch mehr Vorteile hat offenbar, wer als Kind zweisprachig aufwächst: Dialektkinder, die auch Hochdeutsch beherrschen, sind Wissenschaftlern zufolge sprachlich vergleichbar mit mehrsprachig aufwachsenden Kindern. In der Mundart gebe es auch einen größeren Wortschatz.


AZ-Interview: Hochdeutsch-Kurse? - "Des brauchts ned!"

Wie viel Dialekt verträgt die Karriere? Wie wichtig ist Schriftsprache? Die AZ hat mit Horst Münzinger, Vorstand des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte, darüber gesprochen.

AZ: Herr Münzinger, wos hoitn Sie vo Hochdeitsch-Kurse für Bayern?
HORTST MÜNZINGER: Des braucht’s eigntlich ned. De Mode hamma zwar imma wieda moi – es gibt Leid, de hom vielleicht Sorge, dass’ im Beruf Nachteile hom, wenns zvui Dialekt redn. Oba do gibt’s gnua Beispiele, dass des ned hinderlich is.
Zum Beispui?
Da Papst Benedikt oder da Ex-VW-Chef Matthias Müller. Oder da Joe Kaeser, da Oberpfälzer. Und wenn da Markus Söder s’Mei aufmacht, na woaßt aa, wora herkummt. I glab, da Dialekt is ned da Karrierekiller. Leid, de solche Kurse braucha, hom meiner Meinung nach bissl Probleme mitm Selbstwertgefühl. Denn entweda i steh dazua – des is mei Heimat, mei Kultur, mei Sprache, dann muss i’s ned verleugnen – oder hoid ned.
Menschen, de beruflich vui mit Nicht-Bayern zum doa habn, wern aber vielleicht ned immer verstandn...
Des stimmt eigentlich ned. I bin beruflich und privat wahnsinnig vui unterwegs in Deitschland. De verstehnga mi. Und wenn i obn in Hamburg bin, dann sog ich hoid zum Beispiel „Junge“ und ned „Bua“. Oba von da Aussprach her sollt ma auf jedn Fall im Süddeitschn bleibm.
Warum eigntlich?
A andere Sprache hean und wos Neis kennaleana, des is doch spannend! Des war doch furchtbar langweilig, nur no so a monotone, bluadlaare Sprache zum hom. Do is doch koa Seele mehr drin. Standarddeitsch is a Kunstsprach, de konn nia des aufnehma, wos a natürlich entstandne Sprache ausdrucka konn, mit allem, wos die Menschn üba de Jahre an Erfahrungen gsammet und in Worte umgsetzt hom.
Und wia ko ma Boarisch ois Sprache erhoitn?
Einfach redn! Im Kindergartn, in da Schui und im Beruf. Immer zoagn: Mia san zwoasprachig! A Sprach lebt nur, wenn s gredt werd. 


AZ-Kommentar zu Hochdeutsch-Kursen: Ein kleines Déjà-vu

AZ-Vize-Chefredakteur Thomas Müller über Dialekte und Hochdeutsch.

Pädagogische Maßnahmen, die sich gegen Dialekte wenden – da hab ich ein kleines Déjà-vu. Mitte der 70er war’s, als mich, ich höre ihn förmlich noch, der Deutschlehrer vor versammelter Klasse zusammengestaucht hat, weil ich das Wort "Schuahbandl" in den Mund genommen hatte.

Hochdeutsch lautete damals das Dogma, auch in Kindergärten und Grundschulen, und sonst nichts. Ein Irrweg. Und wenn jetzt wieder viele versuchen, mittels Hochdeutsch-Kursen ihren Dialekt abzutrainieren, ist das, sprachkulturell gesehen, schon ein herber Rückfall in eine dunkle Vergangenheit.

Wer Dialekt spricht, ist eben kein Depperl, sondern eine sprachlich versierte Spezies, die zunehmend vom Aussterben bedroht ist. Prädikat: schützenswert!

 

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