Meistertrainer beim FC Bayern Paul Breitner: "Csernai war Jahrzehnte voraus"

Ein Prosit auf die Meisterschaft 1980: Trainer Pal Csernai (l.) mit seinen Stars Uli Hoeneß (r.) und Paul Breitner. Foto: Rauchensteiner

Hier trauert Paul Breitner um den früheren Meistertrainer der Bayern – und erklärt, wie der Ungar den Fußball revolutionierte und warum Sepp Maier & Co. für ihn den Aufstand probten

 

Interview mit Paul Breitner: Der 61-jährige Weltmeister von 1974 spielte von 1978 bis 1983 beim FC Bayern unter Trainer Pal Csernai.

AZ: Herr Breitner, den FC Bayern hat die Nachricht ereilt, dass Ex-Trainer Pál Csernai am Sonntag mit 80 Jahren verstorben ist.

PAUL BREITNER: Eine wahrhaft traurige Nachricht. Er war im Mai noch auf unserer Meisterschaftsfeier zu Gast, vor vier Wochen haben wir noch telefoniert. Ich wusste schon, dass es ihm nicht gut geht.

Welche Bedeutung hatte Csernai für den FC Bayern?

Ich behaupte: Pál Csernai hatte nicht nur auf die Geschichte des FC Bayern einen großen Einfluss, sondern auf den Fußball allgemein. Auch wenn es kitschig klingt, aber: Er hat ein Fußball-System erfunden, das heute noch gespielt wird, nämlich das mit einem defensiven Mittelfeldspieler. Im Mittelfeld haben wir unter ihm im Grunde nicht viel anders gespielt als der FC Bayern heute.

Das „Pal-System“!

Ich habe damals zur Mannschaft gesagt: Das ist es! Weg von der Mann- zur Raumdeckung, hin zu mehr Freiheit im Spiel, aber auch zu mehr Verantwortung für den einzelnen. Das war eine fußballhistorische Leistung. Was das Training angeht, war Csernai auch Jahrzehnte voraus. Das war wie eine Revolution!

Inwiefern?

Csernai war ein begnadetet Mittelstreckenläufer. Als erstes hat er die Medizinbälle verbannt. Er war der erste Trainer, bei dem ich in der Vorbereitung nicht eine Sekunde Muskelkater hatte. Dabei war es bis dato Gesetz, dass nur das Team hart genug trainiert, bei der die Spieler vor Muskelkater nur rückwärts die Treppe hochgehen können.

Warum wird Csernai heute nicht als der große Erneuerer des Fußballs angesehen?

Weil er sich einen Dreck um seine Außendarstellung geschert hat. Dabei hatte es einen einfachen Grund, dass er als arrogant und unnahbar bezeichnet wurde.

Der da wäre?

Csernai war jahrelang Assistenztrainer – und ist damit nicht mehr als ein Hütchenaufsteller angesehen worden. Er hat mal gesagt: ‚Bitte, Paul, verstehe, dass ich nicht als großer Entertainer auftrete, aber ich habe Jahre hinter mir, in denen war ich nur der Arsch.' Er hat für sich beschlossen: Wenn er irgendwann mal Cheftrainer werden sollte, wird er diese Leute ebenfalls wie Luft behandeln. Das hat er gnadenlos durchgezogen.

AZ-Verlosung: Wiesn-Trikot des FC Bayern: 3 x Outfits gewinnen

Unter Csernai wurde Bayern zweimal Meister – im Landesmeister-Cup-Finale 1982 zog man jedoch mit 0:1 gegen Aston Villa den Kürzeren.

Das war nicht seine Schuld. Wir haben es nicht geschafft, sieben hundertprozentige Chancen zu verwerten.

Als Csernai 1978 Trainer wurde, wäre es beinahe zur Revolution gekommen.

Er war als Co-Trainer von Gyula Lorant zu uns gekommen. Aber machen wir uns nichts vor: Lorant war mit Abstand der schlechteste Trainer, unter dem ich je gespielt habe. Er war schlicht unfähig! Mit dem ersten Training war bereits das Tischtuch zwischen uns zerschnitten.

Ihnen war klar: Er muss weg.

So unfähig Lorant war, so überragend war Csernai. Lorant wurde irgendwann endlich entlassen und Csernai übergangsweise zu seinem Nachfolger bestimmt. Doch dann wurde es wild. Im März versprach mir Präsident Wilhelm Neudecker, dass Csernai zwei Spiele Zeit bekommen würden, um zu zeigen, dass er der Richtige ist. Dafür sollten wir mindestens einen Sieg und ein Unentschieden holen.

Worauf Sie 0:0 in Braunschweig spielten.

Es war also alles möglich! Doch direkt nach dem Spiel auf dem Weg zum Flughafen hörten wir, dass Neudecker bereits morgens um 11 Uhr Max Merkel als Nachfolger bestimmt habe und ihn am kommenden Tag vorstellen würde.

Ihnen platzte der Kragen!

So nicht, haben wir uns gesagt! Sepp Maier und ich haben im Interesse aller Spieler bestimmt, dass wir das nicht dulden. Wir konnten uns doch nicht so belügen lassen! Wir haben gedroht, so lange nicht zum Training zu erscheinen, bis der Vertrag mit Merkel aufgekündigt wird. Ich habe Neudecker gesagt, dass es uns nicht um Merkel ging, sondern nur um das Versprechen: Wenn wir in Gladbach nicht gewinnen, kannst Du deinen neuen Trainer haben.'

Das Ende vom Lied?

Wir haben 7:1 gewonnen, Csernai blieb – und Neudecker ist zurückgetreten.

 

0 Kommentare