Meisterlöwe Grosser Grosser: "Komme zur Ruhe am Grab meiner Söhne"

1860-Legende Peter Grosser Foto: Rauchensteiner/AK

Zwei Jahre lang gab Peter Grosser kein Interview. In der AZ spricht der Kapitän der Meisterlöwen jetzt über private Schicksalsschläge und seinen Rückzug aus dem Fußball-Geschäft

AZ: Herr Grosser, Sie geben seit zwei Jahren Ihr erstes Interview. Auch bei der 150-Jahr-Feier von den Löwen 2010 fehlten Sie. Und nun sind Sie als Vize-Präsident der SpVgg Unterhaching zurückgetreten. Wie geht es Ihnen?

PETER GROSSER (72): Es geht mir gut. Nach dem Tod meines zweiten Sohnes Thomas 2008 habe ich mich bewusst zurückgezogen, brauchte Zeit für mich. Ich war nie jemand, der gerne im Mittelpunkt steht.
Was ist der Grund dafür, dass Sie nach 21 Jahren als Haching-Vize aufhören?

Ein Grund war, dass es zuletzt alles andere als glücklich lief, wie sich der Verein und wir vom Präsidium präsentiert haben, auch wenn wir jetzt trotz der widrigen Umstände die Lizenz bekommen haben. Nach dieser turbulenten Saison habe ich mir gedacht, dass das jetzt ein guter Zeitpunkt ist für den Rücktritt.

Machen Sie sich Sorgen um die Spielvereinigung?

Auch wenn noch nicht sicher ist, dass alles in ruhige Bahnen läuft, bin ich optimistisch, dass bald der ein oder andere Sponsor hinzukommt und das Jugendkonzept greift.

Ist das der einzige Weg für die Spielvereinigung?

Vorerst schon. Ich bin zuversichtlich, dass ein neuer Hauptsponsor gefunden wird. Dennoch läuft es schleppend.

Lassen Sie uns über Ihre Karriere sprechen. Sie waren bei FC Bayern, bei 1860 und bei Unterhaching. Wo war es denn am schönsten?

Bei Bayern gab es damals noch keinen Profifußball. Die sechs Jahre Bayern waren wunderschön, aber da gab es keinen Druck und auch keine Medienpräsenz. Rückblickend muss ich schon sagen, dass meine größte Zeit bei 1860 war: mit Pokalsieg 1964, dem Endspiel im Europapokal 1965 und der Meisterschaft 1966. Leider war es nur ein kurzes Hoch, danach ging es steil bergab.

Und wie war es mit Haching, wo Sie die Amateurmannschaft nach oben führten?

Das war für mich keine große Herausforderung. Wenn du mal so große Erfolge hattest bei 1860 und dann im Amateurbereich über die Dörfer tingelst, ist das kein Highlight.

Aber die Spielvereinigung ist Ihnen ans Herz gewachsen?

Selbstverständlich. Weil wir den Verein mit bescheidenen Mitteln aus den untersten Regionen wieder hoch gebracht haben. Wir hatten damals eine tolle Mannschaft mit Rainer Adrion oder Kurt Eigl.

Sie waren Nationalspieler und erfolgreicher Spielmacher beim FC Bayern und bei 1860. Später als Trainer konnten Sie besonders gut mit jungen Spielern. Warum?

Weil ich den Jungs immer zeigen wollte, was sie aus ihrem Talent machen können. Ich habe u. a. den Reiner Maurer (aktueller 1860-Trainer, d. Red.) aus Memmingen geholt und habe ihm gesagt: „Wenn du hier gut trainierst, dann bist du in einem Jahr Profi.” Dann ging er zu Bayern. Oder auch den Manfred Bender (Ex-1860-Profi, d. Red.). Ich habe ihnen gesagt, dass sie etwas erreichen können, wenn sie sich nicht jeden Tag in die Disko gehen. Okay, der Bender hat was länger gebraucht, das zu kapieren. (lacht)

Wie sehen Sie Maurer heute, als Löwentrainer?

Er macht einen tollen Job, aber ich würde mir wünschen, dass er öfter die Peitsche auspackt. Er ist mir oft zu lieb mit den Jungs.

Sie wollten 2008 nach dem Tod Ihres Sohnes Thomas zurücktreten, sind dann geblieben. 1979 war Ihr erster Sohn Peter beim Verkehrsunfall gestorben. Wie gehen Sie mit den Schicksalsschlägen um?

Als Peter starb, war ich Trainer in Unterhaching. Er lag drei Tage im Koma. Wenn dir so etwas widerfährt, dann bringt dich im Leben fast nichts mehr aus der Ruhe. Peter war damals erst 19 Jahre. Die Zeit heilt die Wunden. Jetzt gilt es aber weiterhin meiner Schwiegertochter (Doris, die Frau von Thomas Grosser, d. Red.) zu helfen, das Leben zu meistern.

Wie schwer ist das?

Das ist nicht leicht. Für sie ist das eine unglaubliche Aufgabe mit drei kleinen Kindern. Es war eine intakte Familie, der Thomas hat für die Familie immer alles getan. Peter war damals 19, da war das anders. Ich kann das heute noch gar nicht begreifen.

Woher haben Sie die Kraft genommen, mit all dem fertig zu werden?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder, ich geb’ den Löffel ab, oder ich versuche nach vorne zu blicken. Ich blicke nach vorne, bin ganz für meine Schwiegertochter und die Enkel da. Ich helfe so gut es geht. Das Leben geht weiter.

Wie oft gehen Sie zum Grab der Söhne?

Ich bin schon oft dort. Sie liegen beide im selben Grab. Dort komme ich zur Ruhe und kann klare Gedanken fassen.

Welche?

Ich mache mir natürlich auch Vorwürfe. Da kommt einem Vieles in den Sinn, und man bereut die Fehler, die gemacht wurden, dass man vielleicht zu wenig für die Kinder da war oder das ein oder andere noch hätte besser machen können. Jetzt ist es zu spät, aber ich blicke nach vorne. Ich fühle mich noch nicht so alt wie ich bin.

Treiben Sie noch Sport?

Spazieren ist nicht meins, da bin ich noch zu umtriebig. Ich fahre gerne Fahrrad. Joggen geht leider nicht mehr, weil meine Knie da nicht mehr mitmachen. Das fehlt mir gesundheitlich, sonst würde ich gerne noch Tennis spielen. Es geht zwar, aber dann habe ich am nächsten Tag Probleme.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Ich hoffe, dass Doris und die Kinder gesund bleiben. Und dass die SpVgg zur Ruhe kommt und dann irgendwann wieder in der 2. Liga spielt. Für 1860, die heuer eine sehr gute Rolle spielen werden, wünsche ich mir den Aufstieg in die Bundesliga.

 

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