Mega-Siedlung im Westen Freiham-Nord: Das tut sich auf Europas größtem Neubaugebiet

Freiham – Europas größtem Neubaugebiet, 2042 sollen hier 28.000 Menschen leben. Foto: Sigi Müller

Eine Mondlandschaft aus planiertem Acker, Kiesflächen und ein paar Rohbauten: Wie geht es voran in Freiham-Nord, wo mal 28.000 Menschen leben sollen? Und wie fühlen sich die ersten Siedler? Ein AZ-Besuch vor Ort.

 

Freiham - Entspannt Kaffeetrinken in der Sonne geht anders. Kaum 20 Meter vor der Azzurro Café-Bar auf der Südseite des S-Bahnhofs Freiham meißelt ein Minibagger den Asphalt auf. Eine rotweiße Baustellenabsperrung schottet den Platz ab, der mal ein Flanierort werden soll in Freiham – Europas größtem Neubaugebiet im äußersten Münchner Westen.

Es staubt, es dröhnt, der Wind pfeift durch die hellblauen Sonnenschirme und trägt den Kieselsand herüber von der Großbaustelle Freiham-Nord jenseits der Bahnlinie.

Europas größtem Neubaugebiet: Freiham

"Naja, wir kämpfen", sagt Ranya Steidler (38) tapfer. Vor einem Jahr hat sie das Café eröffnet. Ziemlich mutig, gemessen daran, dass hier erst 250 Menschen wohnen. Bis die ersten 4.000 Wohnungen auf der Bahnhofsnordseite fertig sind, werden noch sechs, sieben Jahre vergehen. Bis 2042 sollen dann 28.000 Menschen hier leben – aber das ist noch lange hin. "Im Moment retten uns die Bauarbeiter, die mittags zum Pizza- und Pastaessen kommen", sagt sie, "denen ist der Dreck und Lärm egal."

Sie hofft auf den Herbst. Denn dann endlich tut sich was drüben auf der anderen Seite der S-Bahn: Im September soll, als Vorhut, der mächtige neue Schulcampus mit Gymnasium, Grund- Real- und Förderschule eröffnen. 3.000 Schüler, die aus ganz München kommen und inmitten einer Mondlandschaft aus planiertem Ackerland, Kieselflächen, Kränen und vereinzelten Rohbauten lernen werden. Und hoffentlich nach der Schule Hunger auf Pizza haben.

Neubaugebiet Freiham: 2042 sollen hier 28.000 Menschen leben

Der Campus sei ein Lottogewinn für den Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied, zu dem Freiham gehört, sagt Sebastian Kriesel (36), Chef des örtlichen Bezirksausschusses. "Wir hatten bisher keine weiterführenden Schulen." Realschüler und Gymnasiasten hätten von hier draußen nach Pasing oder Germering ausweichen müssen. Sogar bis auf die Schwanthalerhöhe in die Münchner Innenstadt habe man die Kinder geschickt.

Zwei Buslinien, die aktuell in Aubing enden, würden in Kürze für die Schüler bis Freiham fahren, viele würden mit der S-Bahn kommen, noch mehr – hofft er – mit dem Radl. "Ich hoffe nicht, dass die Eltern ihre Kinder alle mit dem Auto herfahren", sagt er, "weil dann funktioniert hier nix mehr."

Freiham: Statt mit sechs wird nun mit 12 Stockwerken geplant

Sebastian Kriesel fährt jede Woche durch Freiham-Nord, er schaut nach, wie es vorangeht mit dem Bauen und den Straßenführungen, wie es läuft an der neuen Grundschule, die nördlich auf dem Gelände auch schon steht. Und er versucht, sich daran zu gewöhnen, dass sein noch dünn besiedelter, ländlicher Stadtbezirk (der flächenmäßig größte in München) seine Einwohnerzahl langfristig verdoppeln wird.

2013 war Freiham noch für 20.000 Menschen geplant worden, mit durchschnittlich vier bis sechs Stockwerken. Jetzt, wo immer mehr Zuzügler nach München drängen, will die Stadt für die letzten Bauabschnitte bis zu zwölfstöckig und noch viel dichter bauen – und plant mit 28.000 Neubürgern. Plus etlichen Nachverdichtungen in den alten Stadtbezirksvierteln.

"Ich glaube, dass das gut werden wird"

Wie sich das anfühlt, für Alteingesessene? Kriesel ist nebenan im ländlichen Altaubing groß geworden, Luftlinie keinen Kilometer entfernt, und als Kind in Freiham-Nord noch durch idyllische Erdbeerfelder geradelt. Sogar nach Germering hinüber habe man schauen können. Bis in den 90ern die A99 gekommen ist und mit ihrem Wall die Sicht versperrt hat. Er atmet tief durch und sagt: "Es hilft ja nichts, einer Idylle nachzutrauern. Wir wissen ja, dass wir in München bauen müssen. Wichtig ist mir, wie gebaut wird. Dass wir Freiflächen für die Bewohner haben werden. Keine monotonen Bauten, Expressbusse und endlich eine U-Bahn bis hierher. Ich glaube, dass das gut werden wird."

Das sehen freilich nicht alle Nachbarn so. Wie der 80-jährige Herbert Forster, der seit 30 Jahren in einem der Blocks von Neuaubing wohnt, genau an der Grenze zur Mega-Neubausiedlung. Er male sich manchmal mit Grauen die Trabantenstadt aus, die da ein paar Meter vor seiner Tür entsteht, sagt er. Was das wohl für Leute sein werden, die hierherkommen?

Freiham: Weihnachten sollen die ersten Siedler kommen

Viele der neuen Wohnungen, die die städtischen Wohnungsbaugesellschaften Gewofag und GWG planen, werden Sozialwohnungen oder anderweitig geförderte sein. Nun habe er seine Nachbarskinder gern, die ihre Wurzeln in aller Herren Länder haben. Sie mögen ihn auch, sagt er, weil er oft Gummibärchen für sie in der Tasche habe. Aber wie werde das werden, wenn nebenan die soziale Mischung nicht gelingt?

Nur auf ein einziges Baufeld auf dem 85 Hektar großen Realisierungsabschnitt 1 für die ersten 4.000 Wohnungen kommen Eigentumswohnungen für Besserverdiener. Sie ragen – als einzige weit und breit – schon als Rohbauten mehrstöckig aus dem kieseligen Nichts. Herbert Forster kann von seiner Wohnung aus direkt draufschauen, keine 250 Meter sind sie weg. Schon nach Weihnachten, heißt es, sollen hier die ersten Siedler einziehen.

Aber wer will da eigentlich jetzt wohnen, inmitten von einer Brachfläche, die jahrelang Baustelle sein wird? Am Bahnhof schiebt eine Frau ihren Kinderwagen: Linda Kreis (34), Gymnasiallehrerin, Mama von zwei kleinen Kindern und schwanger. "Wir wollen das", sagt sie und lacht, "wir ziehen im Januar da ein."

Megabauprojekt Freiham: Baustelle für Jahre

Ihr Mann und sie hätten eine Vier-Zimmer-Wohnung kaufen wollen, das sei in Pasing, wo sie jetzt leben, "unerschwinglich, da bekommst du sowas nicht unter einer Million Euro". In Freiham-Nord dagegen sei dieselbe Wohnungsgröße um ein Viertel günstiger gewesen. "Baulärm", sagt sie, "haben wir in Pasing seit drei Jahren ab früh um halb sechs, das kennen wir." Sie sehe die Vorteile: den S-Bahnanschluss, den es schon gibt, den Express-Bus, der irgendwann noch komme, die Supermärkte drüben in Aubing, "alles nicht so weit weg, das passt schon."

Klagen würde ohnehin nicht helfen. Bis das Einkaufszentrum auf der Noch-Brache zwischen Schulcampus und Bahnhof fertig sein wird, ist es womöglich 2023. Nur wenig kleiner als die Pasing Arcaden soll die "Zentrale Mitte" werden. Und was den Geschäftsleuten dann zum Start bevorstehen wird, davon kann Sabine Gatti (52), Chefin des Friseurladens Haar Vision, ein Lied singen. Sie ist 2011 in ihren Laden südlich des Bahnhofs gezogen – als noch nicht einmal die S-Bahn fertig war.

Freiham-Nord: Platz für 28.000 Menschen

"Das war einsam anfangs", erzählt sie. "Die Gehwege waren noch nicht fertig, es hat katastrophal ausgeschaut und es ist vielleicht ein Mal am Tag ein Passant vorbeigekommen." Geschafft hat sie es trotzdem. Weil sie ihre Stammkunden vom Westkreuz mitgebracht habe, und weil die Kundschaft heute aus ganz München komme. "Ich bleibe auf jeden Fall."

Ranya Steidler, die Café-Bar-Chefin, wird den Baulärm und Dreck vor ihrem kleinen Lokal auch weiter tapfer aussitzen. An den Tagen, an denen das schwerfällt, versetzt sie sich in Gedanken in die Zukunft, während sie Panini für die Bauarbeiter schmiert. "Das ist ja ein enormes Bauprojekt hier", sagt sie. Und dass ihr Schwiegeronkel ein kluger Mann sei.

Er habe finanziell geholfen, hier anzufangen, er habe auch gesagt, dass man etwas riskieren muss, um zu gewinnen. "Er hat gesagt: ‘Ich habe ein Gefühl, dass das gut wird’. Ich glaube ihm das einfach."

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