Marken-Emblem der Kindl-Brauerei Coletta als Schützenliesl: Bayerns erstes Pin-up-Girl

Ziemlich frivol für die damalige Zeit: Coletta Möritz als Schützenliesl und Werbe-Ikone der Brauerei zum Münchner Kindl auf einer Postkarte. Foto: Dietrich Sailer

Wie eine uneheliche Bauerstochter in München zu einer Werbe-Ikone für eine Brauerei geworden ist.

 

Brauerei-Gründer Dietrich Sailer hat die Geschichte seiner berühmten Münchner-Kindl-Werbefigur nachrecherchiert – und aufgeschrieben:

"1860 wurde Coletta Möritz als uneheliches Kind in Ebenried bei Pöttmes, nördlich von Augsburg, geboren. Die Mutter war eine Kleinbauerstochter. Sie suchte bald ihre Zukunft in der Großstadt und zog nach München.

Die lustige Frau war der Blickfang im Sterneckerbräu

Nach der Schulzeit bei den armen Schulschwestern am Anger erlernte Coletta den Beruf der Kellnerin und begann im Jahre 1878 als Biermadl im renommierten Sterneckerbräu im Tal Nr. 54, heute Nr. 38.

Die lustige und bildhübsche Coletta war ein Blickfang, was auch dem Maler Friedrich August von Kaulbach (1850 – 1920) auffiel. Der Neffe des berühmten Hofmalers Wilhelm von Kaulbach (1805-1874), der Lola Montez portraitierte, war bekannt dafür, junge Damen zu sich ins Atelier zu holen.

Das blieb der wachen Coletta natürlich nicht verborgen, sie war vorgewarnt und lehnte dankend ab. Ersatzweise bot sie an, sich mit neun Maß Bier auf einen Stuhl zu stellen und sich dort oben porträtieren zu lassen. Kaulbach lenkte ein und fertigte Skizzen an.

Das 7. Deutsche Bundesschießen auf der Theresienwiese im Juli 1881 veranlasste den Festausschuss der Stadt, die junge Künstlergruppe Allotria mit der Ausgestaltung des Großereignisses zu beauftragen. Vorsitzender dieser Vereinigung war Franz von Lenbach. Jeder Künstler war aufgerufen, die Wirtsbuden auf der Theresienwiese zu verschönern.

Kaulbach erinnerte sich an die Skizzen von Coletta und er fertigte für den markanten Turm einer Bierbude auf der Festwiese mit dem Namen "Schützenliesl" ein Kolossal-Ölbild an mit den Maßen 2,8 mal 5 Meter. Neun schaumige Maß hatte sie in der Hand, unter dem Busen trug sie einen Radi, und statt des Hutes diente eine Schützenscheibe als Kopfbedeckung.

Aus den Initialen des Künstlers wurden die der Brauerei

Anstelle des Wirtshausstuhls ließ der Künstler das Mädchen auf einem rollenden Fass balancieren. Ungewöhnlich für damals: Sie zeigte Knie und offenherziges Dekolleté. Damit war das erste bayerische Pin-up-Girl geboren, Coletta wurde ungewollt zur Werbeikone.

Zur selben Zeit, im Jahre 1880, wurde am Fuße des Rosenheimer Bergs, gegenüber dem heutigen Gasteig, an der Ecke zur Hochstraße, wo jetzt das Holiday Inn steht, die Brauerei zum Münchner Kindl gegründet. Sie ging aus der Singlspieler-Brauerei in der Sendlinger Straße hervor. Weil das Gemälde so ein Erfolg war, malte man die Schützenliesl ab – und änderte die Initialen auf dem Fass von F.A.K. (für Friedrich August Kaulbach) zu B.M.K. (Brauerei Münchner Kindl).

Vor allem das Zusammenspiel vom Namen, der das Wahrzeichen der Stadt beschrieb, mit dem frivolen Porträt war es, das der Brauerei zum Erfolg verhalf.

So fand die Idee auch Nachahmer – ab 1930 im Berliner Kindl und die Schützenliesl im St.-Pauli-Girl einer Bremer Brauerei für ein Bier, das nur für den Export bestimmt war, um den Münchnern nicht ins Gehege zu kommen."


Coletta Möritz, später erfolgreiche Gastronomin, war zweimal verheiratet. Sie starb 1953 im Alter von 93 Jahren in Sendling, beerdigt ist sie auf dem Waldfriedhof. Aber niemand weiß, wo, sagt Dietrich Sailer: "Ihr Grab ist unauffindbar."

 

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