Liebe machen Moses Wolff über seinen neuen Roman

Autor Moses Wolff ist ganz vertieft in die Lektüre seines neuen Romans „Liebe machen“. Foto: Privat

Moses Wolff über seinen neuen Roman „Liebe machen“ und seine Gefühle angesichts des nicht stattfindenden Oktoberfests

 

Er ist ein Hans Dampf in vielen Gassen: Moses Wolff inszeniert selbstgeschriebene satirische Theaterstücke, schreibt für „Titanic“, ist Mit-Gründer der „Schwabinger Schaumschläger Show“ und Träger des Schwabinger Kunstpreises. Friedrich Ani sagt: „Er schaut den Leuten nicht nur beinhart aufs Maul, sondern auch ins Maul hinein bis hinunter ins Herz und in den Bauch.“ Wolffs neuer Roman „Liebe machen“ erscheint am 3. August.

AZ: Herr Wolff, Ihr neues Werk heißt „Liebe machen“: klingt pornös, ist es aber gar nicht, oder?
MOSES WOLFF: Es geht wirklich um Liebe.

Man fragt sich natürlich, wie viel Selbst-Erlebtes und -Erlittenes da drin ist. Der Plot beginnt am 28. März 1970 - da waren Sie neun Monate alt. Warum gerade 1970?
Ich wollte eine Geschichte schreiben über ein Paar, das sich nur kurz über den Weg läuft, voneinander fasziniert ist, aber nichts vom anderen weiß und sich dann über viele Jahre gar nicht mehr sieht. Außerdem wollte ich ein wenig historisches Spezialwissen einfließen lassen.

Zum Beispiel?
Das letzte große Konzert von Jimi Hendrix auf Fehmarn spielt eine wichtige Rolle, weil sich das Paar dort zum ersten Mal sieht, ohne das bewusst zu bemerken. Am selben Abend war auch das erste Konzert von Ton Steine Scherben. Die wurden als Theatergruppe „Rote Steine“ gebucht und dachten sich: „Wenn wir auf dem Festival spielen, machen wir natürlich gleich Musik!“ Ich hab’ das ein bisschen verfremdet. Auch das Treffen der Scherben mit Paul Breitner habe ich so aufgeschrieben, wie ich mir vorstelle, dass es gewesen sein könnte.

Aber zurück zur Love Story!
Die wollte ich möglichst lange spinnen, und da der Wiesn-Anstich im Jahr 1970 am Samstag, den 19. September war und dieses Jahr zum selben Datum gewesen wäre, habe ich das Oktoberfest 2020 in meinem Buch einfach stattfinden lassen, trotz Absage. Als ich geschrieben habe, wusste ich ja noch nicht, dass es in diesem Jahr keine Wiesn geben wird. Ich hätte das noch umschreiben können, hatte aber keine Lust, weil ich die Liebesgeschichte so schön rund fand. Zum Glück war mein Verlag derselben Meinung. Masken und Abstandsregeln hätten nicht wirklich ins Buch gepasst.

Man muss sich auch nicht alles vom Virus diktieren lassen. Wie geht’s nun mit den Liebenden weiter?
Beiden fehlt immer die Liebe des anderen, über 50 Jahre hinweg. Sie denken immer an dieses erste Treffen, das für beide wie eine Erscheinung, wie ein Traum war. Im Jahr darauf, 1971, wieder auf der Wiesn, kommen sie sich ganz kurz ein bisschen näher, werden aber durch Umstände, wie sie auf der Wiesn eben manchmal passieren, wieder auseinandergerissen. Dann sehen sie sich 48 Jahre lang gar nicht mehr, wissen nicht wirklich, wie die andere Person redet, nicht mal genau, wie sie aussieht – und fahren 2020 dann zum 50-jährigen Jubiläum wieder an die Stelle des ersten Treffens, zu Füßen der Bavaria. Er ist für sie der Stern, sie für ihn die Fee.

Wie viel Moses steckt im Stern?
Ich verarbeite da natürlich eigene Erfahrungen. Durch Zufall war ich auf der ersten Love Parade in Berlin, bei der ja total wenig los war – und die im Buch nun ebenfalls auftaucht. Oder die griechische Insel, wo ich oft bin: Da zieht Götz hin. Auf der anderen Seite habe ich mir überlegt: Mit 70 - so alt sind die Protagonisten am Ende - ist man noch nicht wirklich alt. Da ist man reif und hat schon noch die Chance, eine tolle Zeit miteinander zu erleben. Ich fand diesen Gedanken anziehend. Und noch etwas anderes, was gar nichts mit dem Buch zu tun hat, habe ich mir überlegt.

Nur raus damit!
Ich würde gern den Tag der Herzenswärme etablieren, am 16. August, dem Geburtstag meiner Figur Götz. An diesem Tag sollte Leuten, die sich während Corona ständig latent Gefahren ausgesetzt haben, zum Beispiel Busfahrer oder Kioskmitarbeiter, eben diese Herzenswärme entgegengebracht werden. Und auch Jugendlichen! Von Freunden weiß ich, dass junge Leute durch diese Maske eine Art Schuldgefühl bekommen haben und sich total unwohl fühlen. Zudem hat die Computerspiel-Sucht zugenommen. Viele Jugendliche finden keinen Rat, wenn sie in eine solche Situation geraten sind. Mit den Eltern wollen viele der betroffenen jungen Leute nicht gerne über solche Probleme sprechen. In München gibt es von der Organisation Blaues Kreuz eine Teenie-Sprechstunde, für die man an diesem Tag spenden soll. Das ist mein Aufruf.

Wie schafft man es, neben Schauspiel, Mundart-Slam, Lesebühne und zig anderen Projekten noch einen Roman zu schreiben?
Ich habe tatsächlich an diesem Buch am längsten geschrieben, bestimmt zweieinhalb Jahre. Mehr als ein Mal habe ich das Konzept überarbeitet, bin aber bei dem Schwerpunkt 70er-Jahre geblieben – weil man die Zeit am intensivsten in der Jugend erlebt. Meine Eltern sind ein bisschen älter als Götz und Dagmar, waren auch viel auf Konzerten, fanden Hendrix und Ton Steine Scherben gut, aber ich wollte nicht die Geschichte meiner Eltern erzählen.

Moses-Wolff-Fans werden sich bei der Lektüre wundern, dass die Handlung nicht in München, sondern zunächst in Köln und Hamburg spielt.
In Hamburg lebt eine sehr gute Freundin, zu deren Wohnung ich den Schlüssel habe, insofern habe ich dort viel Zeit in der Kunstszene verbracht: Pudel Club, Lesungen von Rocko Schamoni und Heinz Strunk, so Sachen. Und Köln mag ich auch gerne, bin ja ein großer Fan von Massenveranstaltungen wie der Wiesn und dem Kölner Karneval. Ich habe auch versucht, den Jargon der 70er nachzuempfinden, wie die Leute damals geredet haben: „Ach du grüne Neune“ oder dieses zärtliche „Tschüss, du“.

Ohne Wiesn kommt Ihr Roman nicht aus – wie gehen Sie als Hardcore-Oktoberfest-Geher mit der Absage um?
Das ist natürlich eine Katastrophe, nicht nur für uns Wiesn-Fans, sondern für die Leute, die auf der Wiesn arbeiten. Mit Freunden werden wir aber ziemlich oft unsere Wirte zu besuchen, die Roiderers vom Hackerzelt. Zum Anstich werden wir als Trostpflaster in Straßlach bei ihnen im Biergarten sein. Ansonsten muss man halt akzeptieren, dass es dieses Virus gibt und man damit leben muss. Ich glaube nicht, dass weiterhin Theater geschlossen bleiben und keine Wiesn mehr stattfinden wird. Man wird auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet sein.

Corona hat nun auch die Schwabinger Schaumschläger zur Zwangspause verdonnert: Die von Ihnen mitinitiierte Lesebühne im Vereinsheim bleibt seit vergangenen Sonntag vorerst geschlossen, zum ersten Mal seit 13 Jahren.
Wir sind praktisch „on hold“. Solange nicht klar ist, was genau man machen kann, pausieren wir. Aber keine Sorge: wir kommen bald zurück, wir tüfteln schon an entsprechenden Möglichkeiten.

Dafür sind Sie nun auch im Musik-Business: „Augenblicklich Depression“ heißt der Song, der ab 1. August auf iTunes zu haben ist.
Ich bin schon viele Jahre im Musik-Business! Ich hatte lange eine Band, mein letztes Album hat Konstantin Wecker vor zwölf Jahren produziert. Mit der Formation Schmu und Schmäh habe ich nun einen Song gemacht, der das Thema Überfluss satirisch beleuchtet. Der Protagonist, den ich spiele, hat quasi alles, was man sich wünscht, ist aber dennoch immer unzufrieden und geschwächt. Es ist auch eine satirische Aufarbeitung des Themas Depression. Und damit sind wir wieder beim Buch.

Wie das?
Der Roman ist Vera Freytag gewidmet, eine tolle Schriftstellerin und eine meiner sehr wichtigen Lieben. Sie litt zeitweise unter schlimmen Depressionen und hat sich leider umgebracht – die schlimmste Sache, die mir in meinem Leben passiert ist. Wir hatten eine enorme Seelenverwandtschaft. Trotz ihres Freitodes ist unsere Liebe nicht unerfüllt, weil sie ja in meinem Herzen weiterlebt.    

Moses Wolff: „Liebe machen“ (Piper, 268 S., 10 Euro). Der Autor stellt seinen Roman am 7. August in der Kunstgaleriebar (Oefelestraße 6) als Dinnerlesung statt

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