Lehrplan für die Schule So wollen Lehrer das neue Gymnasium

Dichter Lernstoff, ständig Prüfungen – für viele Gymnasiasten in Bayern ist der Weg zum Abi purer Stress. Foto: dpa

Weg mit Exen und Mathe-Pflichtabi, fordert der Lehrerverband – und kritisiert den neuen Lehrplan

Wenn der 13-jährige Leon auf seinen Schulkalender für die nächsten Tage schaut, wird’s ihm schwummrig: Dienstag Mathe-Schulaufgabe. Mittwoch Deutschklausur. Am Montag drauf: Französisch.

 

Und das sind nur die angekündigten großen Tests in seiner 8. Klasse an einem Münchner Gymnasium. In Spanisch und Bio sind am Freitag „Exen“ zu erwarten – was in Bayern für Extemporalen steht, also unangekündigte Leistungstests. „Und in Geschichte werde ich bestimmt auch ausgefragt,“ fürchtet der Bub. Macht: Sechs Prüfungen innerhalb von sieben Tagen.

130 Prüfungen pro Jahr
Ungewöhnlich? Keineswegs. Derlei Stresswochen sind bitterer Alltag in der gymnasialen Mittelstufe: An die 70 schriftliche Prüfungen schreiben Achtklässler im Schuljahr in ihren 15 Fächern von Mathe über Informatik bis Religion. Dazu gibt’s rund 50 mündliche Noten. Macht 130 Prüfungssituationen in 35 Schulwochen.
„Ein wahnsinniger Druck für viele Kinder“, ärgert sich der Lehrerausbilder und Schulpolitik-Experte des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), Fritz Schäffer. „Schüler werden nur noch vermessen und gewogen, aber nicht mehr gefüttert. Und Lehrer, die eigentlich Förderer sein sollen, müssen Beurteiler und Richter sein.“

Der neue Lehrplan: ein "Wunschzettel"

Daran ändert auch der Entwurf für den neuen „LehrplanPlus“ nichts, den Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) gestern (13 Jahre nach der letzten Lehrplanänderung) veröffentlich hat – und der den Lehrerverband massiv auf die Palme bringt. Das neue Papier hätte – gerade für das umstrittene achtjährige Gymnasium (G 8) – den Stoff entrümpeln sollen. Vertieftes Wissen ermöglichen statt pures Pauken – und mehr Förderung für schwächere Schüler.
Stattdessen: Listet er wieder eine Stoffmenge auf, die laut Schäffer „nicht zu schaffen“ ist: "Das ist kein Plan, das ist ein Wunschzettel." BLLV-Chef Klaus Wenzel äußert sich "massiv enttäuscht" von diesem Papier: "Es darf nicht darum gehen, möglichst viele Fakten möglichst vieler Fächer anzuhäufen. Schüler müssen in die Lage versetzt werden, Dingen auf den Grund zu gehen.“ Und: „Die Lösung liegt nicht darin, ein freiwilliges Flexijahr einzuschieben, bei der im Kern alles beim Alten bleibt.“

Was Lehrer ändern wollen

Jetzt fordert der Lehrerverband Nachbesserungen, die es in sich haben. Darunter diese:
Exen abschaffen: „Unangekündigte Proben bringen Schüler definitiv nicht dazu, mehr zu lernen“, argumentiert Schäffer, „sie bringen nur unnötigen Leistungsstress.“

Weg mit der Pflicht zum Mathe- und Deutsch-Abi: Statt fünf soll es nur noch vier Abitur-Pflichtfächer geben. Ob Mathe oder Deutsch, soll der Schüler wählen dürfen. „Kein Schüler wird besser in Mathe oder in Deutsch, nur weil er in diesem Fach im Abitur abgeprüft wird“, ist Schäffer überzeugt. "Wir werden nur dann Verbesserungen erzielen, wenn wir schon in der Mittelstufe besser und individueller fördern." 

Fächerzahl halbieren: Mit bis zu 16 Schulfächern müssen sich Gymnasiasten pro Schuljahr plagen. Und sehen viele Nebenfach-Lehrer nur ein Mal die Woche. Viele Themen (wie die "Reformation" oder "industrielle Revolution") werden in verschiedenen Fächern (wie Geschichte, Religion, Sozialkunde, Wirtschaft und Englisch) aus deren Fachsicht angerissen - aber selten zeitgleich. Sinnvoller aus Sicht des Lehrerverbands:  Große Themen in "Projektfächern" (vier Stunden pro Woche) von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Beispiel: Die „Industrielle Revolution“ aus geschichtlicher, geografischer, wirtschaftlicher und sozialer Sicht. Wenzel: „So können Schüler den Stoff vertiefen, sich eine Meinung bilden und auch dazu fundiert in Diskurs treten, anstatt nur Einzelteile zusammenhanglos auswendig zu lernen.“

Themen konzentrieren: Statt viele Themen im Eiltempo abzuhandeln, soll ausgesiebt und vernetzt gelernt werden.

Lernstoff dem Alter der Kinder anpassen: „Immer noch stehen abstrakte Inhalte in Klassen auf dem Lehrplan, in denen die Kinder entwicklungspsychologisch gar nicht in der Lage sind, sie zu verstehen“, erregt sich Schäffer. „Wir müssen in der sechsten Klasse die Demokratie in Athen und die Verfassung von Rom lehren, obwohl die Kinder noch nicht mal wissen, wofür in Deutschland die Bundeskanzlerin zuständig ist.“

Weniger Grammatik pauken: Gerade in der Unterstufe sei der Lehrplan in den Fremdsprachen zu sehr mit Grammatik und Vokabelpauken überfrachtet, findet der Verband.

Praxis-Training für Lehrer: „Gymnasiallehrer werden immer noch zu sehr als Fachwissenschaftler und zu wenig als Pädagogen ausgebildet“, moniert Klaus Wenzel. „Dabei brauchen sie dringend mehr Kenntnisse über Lernstörungen, psychische Probleme und den Umgang damit.“

In zwei Jahren soll der neue LehrplanPlus in Kraft treten. Bis dahin wird’s noch reichlich Debatten geben. Die Landtags-SPD hat sich schon zu Wort gemeldet und will die Änderungswünsche des BLLV „voll unterstützen“.

Schulpolitiker Martin Güll kündigt schon mal an: „Die Staatsregierung ist beim Thema Bildung schon viel zu lange auf dem Holzweg. Wir werden das Thema mit Nachdruck in den Landtag bringen, wir lassen da jetzt nicht locker.“ 

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