Kulturveranstalter und Corona Wie Andreas Schessl mit der Krise umgeht

 Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Der Münchner Konzertveranstalter Andreas Schessl muss 130 Veranstaltungen absagen – und die Kosten laufen weiter.

 

In Nachbarland Österreich wird es vor Ende Juni keine kulturellen Veranstaltungen geben. In Bayern gibt es dazu bisher keine klare Ansage der Politik, hier wird mit einer Salamitaktik abgesagt – zuletzt das Filmfest München, das Ende Juli hätte beginnen sollen. Da Bayern im Pandemiegeschehen laut Markus Söder etwa drei Wochen hinter Österreich zurückliegt, dürfte bis Ende Juli nicht mit Konzerten zu rechnen sein. Damit wäre die Saison gelaufen – auch für Andreas Schessl, der mit seinem Privatunternehmen MünchenMusik einer der großen Kulturveranstalter der Stadt ist.

AZ: Herr Schessl, rechnen Sie nach der Absage des Münchner Filmfests noch mit größeren kulturellen Veranstaltungen vor der Sommerpause?
ANDREAS SCHESSL: Ich fürchte, dass die Saison bereits abgeschlossen ist. Wir richten uns jedenfalls in unseren Planungen auf diese Situation ein. Bevor wir das jedoch definitiv an unsere Kunden kommunizieren können, müssen wir eine behördliche Allgemeinverfügung abwarten.

Warum ist diese Allgemeinverfügung entscheidend?
Die Allgemeinverfügung untersagt uns zu veranstalten. Wenn wir davor absagen, könnten uns alle, die zu einer Veranstaltung beitragen, regresspflichtig machen. Schon ohne solche Forderungen kostet die Absage einer Veranstaltung zwischen 25 000 und 80 000 Euro. Dabei sind noch nicht einmal die Gagen inbegriffen. Mit einer Allgemeinverfügung liegt ein Fall von "höherer Gewalt" vor.

Was bedeutet das?
Jeder trägt seine Kosten und geht seiner Wege. Ich habe aber als Veranstalter meine normalen stehenden Kosten vom Personal über die Büromiete und das Marketing bis hin zu Lizenzen für Ticketingsoftware.

Wie viele Veranstaltungen sind bisher ausgefallen?
Am 11. März hatten wir unser letztes Konzert, ein Gastspiel des Quatuor Ébène. Bis in den August hinein hätten wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch insgesamt 130 Konzerte veranstaltet – von der Kammermusik bis zu Veranstaltungen in großen Arenen.

Die Diskussion über das Oktoberfest hat bereits begonnen. Es wird auch im Herbst nicht einfach sein, Menschen in großen Sälen zu versammeln.
Ich fürchte, im Moment muss man aushalten, dass man nichts weiß. Es ist müßig, darüber zu spekulieren. Wir gehen davon aus, dass im Herbst wieder gespielt wird, aber bis zu einer Impfung werden wir alle unser Verhalten umstellen und verändern müssen. Ich glaube jedoch, dass die Kraft live gespielter Musik so stark ist, dass die Menschen nach der jetzigen Dürreperiode große Lust darauf haben, das zu erleben. Darauf vertraue ich sehr.

Das Husten in die Armbeuge bei Konzerten wäre ja durchaus ein kultureller Fortschritt.
Nie war es so still wie in den letzten Terminen vor dem Abbruch, weil sich niemand zu husten getraut hat.

Im Veranstaltungsbereich arbeiten sehr viele Freiberufler. Wie nehmen Sie deren Situation wahr?
Die ausgefallenen Aufführungen der Matthäuspassion sind dafür ein gutes Beispiel. Hier wirken normalerweise neben anderswo fest angestellten Orchestermusikern, viele Freie mit. Ohnehin gibt es im Bereich der Alten Musik sehr viele freiberufliche Spezialisten – wie etwa für die Viola da Gamba in der Arie "O süßes Kreuz".

Verstehen Sie die große Angst vieler Musiker?
Schon bei bekannten Streichquartetten, deren Mitglieder keine Professur an einer Hochschule haben, wird es existenziell bedrohlich. Daher sind wir bemüht, so viele Konzerte wie möglich zu verschieben und eben nicht abzusagen. Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist: Ich höre von Künstlern aus Berlin, dass bereits Soforthilfen ausbezahlt wurden.

Die Einnahmeausfälle treffen aber nicht nur Künstler.
Das Einlasspersonal im Gasteig besteht weitgehend aus Studierenden und Rentnern, die nebenbei etwas verdienen. Ähnlich verhält es sich bei der Veranstaltungsgastronomie.

Es gibt wohl in keinem Bereich mehr Aushilfen und Freiberuflern als im Konzertbereich.
Wir beschäftigen freiberufliche Autoren für die Texte in den Programmheften, Grafiker für die Gestaltung. Auch Marketing- und Presseberatung liegen teilweise in den Händen von Freiberuflern. Wir hatten eine über drei Monate fertig geprobte Veranstaltungsserie im Programm, in der vom Kostümbildner über den Choreografen bis zum Lightdesigner und Arrangeur nur Freiberufler beschäftigt waren. Ich fürchte, die Liste wird endlos, wenn ich alle aufzähle. Und am Ende zahlen wir auch für eine ausgefallene Veranstaltung keine GEMA-Gebühr, somit werden auch die Ausschüttungen für Urheber geringer. Und wir inserieren auch derzeit nicht in Ihrer Zeitung.

Bleiben Sie trotzdem optimistisch?
Ich höre öfter von Kunden den Satz "Ihnen wird schon geholfen werden". Ich lasse mich sehr gerne vom Gegenteil überraschen, aber ich fürchte, einem privaten Kulturveranstalter hilft keiner. Die angekündigte Gutscheinlösung ähnlich wie in der Tourismusbranche für abgesagte Reisen ist für uns eine Entlastung.


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 
 

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