Kulturpolitik Etwas bayerische Anarchie darf sein

Julian Nida–Rümelin (li.) ist Christian Udes Kultur-Joker - falls die SPD bei den Landtagswahlen gewinnt und der Münchner Oberbürgermeister Ministerpräsident wird. Foto: dpa

Mehr Kultur in der Fläche, vorerst kein neuer Konzertsaal in München, mehr Einfluss in Bayreuth: Was Julian Nida-Rümelin in Bayern als Kunstminister ändern würde

 

Er war erst Münchens Kulturreferent, später Gerhard Schröders Staatsminister für Kultur und Medien. Nun ist der Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin der Minister für Kunst und Wissenschaft im Schattenkabinett Christian Udes.

AZ: Herr Nida-Rümelin, was würden Sie nach der Vereidigung zum Minister als Erstes angehen?

JULIAN NIDA-RÜMELIN: Die erste wissenschaftspolitische Maßnahme des Ministerpräsidenten Christian Ude hat die CSU bereits vorweggenommen: die Streichung der Studiengebühren. Wegen der zunehmenden Verschulung an der Uni seit der Bologna-Reform können nur wenige Studierende in den ersten drei Jahren ins Ausland gehen. Ich würde mich dafür einsetzen, dass sich das ändert. Denn Europa hat nur Zukunft, wenn wir unsere Nachbarländer kennen.

Und in der Kunstpolitik?

Selbst Münchner Abgeordnete klagen über den auf die Hauptstadt fokussierten Kulturzentralismus der CSU. Ich schlage vor, in Bayern eine Stiftung ins Leben zu rufen, die auf gleicher Augenhöhe mit der Kulturstiftung des Bundes agieren kann. Sie soll mit Hilfe unabhängiger Jurys in der Fläche innovative und internationale Kunstprojekte fördern. Die Tradition und das kulturelle Erbe sind wichtig. Aber in Bayern wird das Neue und Sperrige zu wenig unterstützt.

Haben Sie wirklich Lust, Antragsprosa zu lesen?

Es hängt von den Jurys ab, wie bürokratisch agiert wird. Eine innovative Idee, eine kurze Skizze könnte für die Förderung ausreichen. Künstler klagen immer darüber, wie schwer es ist, unabhängig von den großen Institutionen etwas auf die Beine zu stellen. Deshalb scheint mir ein autonomes Instrument der Förderung in Form einer Stiftung sinnvoll.

Der Amtsinhaber Wolfgang Heubisch hat ein Lieblingsprojekt – den Konzertsaal. Wie stehen Sie dazu?

Ich sehe den Bedarf. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist Weltklasse. Ich sehe auch die beengte Situation im Gasteig mit dem anderen Spitzenorchester, den Münchner Philharmonikern. Weniger überzeugt mich die Kritik an der Akustik der Philharmonie. Aber wir können nicht dauernd alles abreißen und neu bauen.

Sie sind also gegen einen Neubau?

Ich bin kein Gegner des Projekts. Aber es ist die Frage, welche Priorität es hat. In Nürnberg und Erlangen wird man darüber weniger begeistert sein. Man sollte auch hinsichtlich der Folgekosten nicht blauäugig sein. Außerdem dürfen neben einem solchen Prestigeprojekt die bestehenden Einrichtungen nicht vernachlässigt werden. Der Investitionsstau von 750 Millionen oder gar 1,5 Milliarden Euro ist erschreckend. Es ist aber leider weniger prestigeträchtig, Gebäude zu sanieren als neue zu eröffnen.

Der in Peer Steinbrücks Schattenkabinett für Kultur zuständige Oliver Scheytt möchte, dass sich der Bund aus der Finanzierung der Bayreuther Festspiele zurückzieht.

Trotz der Kulturhoheit der Länder hat der Bund eine Legitimation, Institutionen und Festivals von nationaler und internationaler Bedeutung zu fördern. Der Bund, der Freistaat, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde halten je ein Viertel der Anteile an der Festspiel-GmbH. Wenn ein Angebot käme, dass Bayern den Anteil des Bundes übernimmt, würde ich mich dem nicht verschließen, wenn das die Gestaltungsmöglichkeiten verbessert. In meiner Zeit als Kultur-Staatsminister gab es übrigens noch keine Spannungen zwischen Bund und Bayern.

Könnte das Pinakotheken-Areal nicht mit mehr Leben erfüllt werden?

Details sind sicher verbesserungsbedürftig. Aber allein die Gebäude sind ein starker Auftritt. Eine Art Kunst-Generalintendanz möchte ich nicht, sie würde nur zu permanenten Friktionen führen. Etwas bayerische Anarchie ist nicht schlecht, es muss nicht alles dauernd abgestimmt werden.

In der nächsten Zeit stehen wenig große Personalentscheidungen an – nur das Bayerische Staatsballett braucht einen neuen Chef. Wird es ein John-Cranko- und John-Neumeier-Museum bleiben?

Wenn ich eine Idee hier verraten würde, wäre sie erledigt. Daher dazu: Ich bin kein Freund von Findungskommissionen. Natürlich holt sich ein Minister diskret Rat. Dann entscheidet er sich für einen bestimmten Kopf und damit für ein bestimmtes Programm. Meine Entscheidung für Frank Baumbauer und gegen Dieter Dorn als Intendant der Kammerspiele hat sich im Nachhinein als entscheidende Weichenstellung für die Öffnung aller Theater in München erwiesen.

 

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