Kultureller Ehrenpreis der Landeshauptstadt München Interview mit Preisträgerin Antje Kunstmann

Antje Kunstmann reiht sich damit in die illustre Runde um Hans Magnus Enzensberger, Loriot, Senta Berger und Jürgen Habermas ein. Foto: Thomas Dashuber

Die Münchner Verlegerin Antje Kunstmann erhält morgen den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt.

 

Vor über vier Jahrzehnten gründete Antje Kunstmann mit Peter Weismann in München den Weismann/Frauenbuchverlag, 1990 ging daraus der Verlag Antje Kunstmann hervor, der sich mit anspruchsvoller Belletristik, Sachbüchern, aber auch humoristischen Büchern einen Namen gemacht hat.

Am Mittwoch erhält Antje Kunstmann die höchste kulturelle Auszeichnung der Stadt: den mit 10.000 Euro dotierten Kulturellen Ehrenpreis. Damit reiht sie sich ein in die illustre Runde um Hans Magnus Enzensberger, Dieter Hildebrandt, Loriot, Senta Berger, Jürgen Habermas, Werner Herzog, Doris Dörrie und zuletzt Günter Rohrbach.

Die Jury lobt Antje Kunstmanns "untrüglichen literarischen Spürsinn, ihre großen Verdienste um die deutschsprachige Buchkultur und ihren Einsatz für eine gerechtere Zivilgesellschaft".

AZ: Frau Kunstmann, wenn Sie die Liste der Kulturellen Ehrenpreisträgers seit 1958 anschauen...
ANTJE KUNSTMANN: ...dann fühlt man sich wahnsinnig geschmeichelt dort nun eingemeindet zu sein. Ich habe mich wirklich darüber gefreut, niemals hätte ich damit gerechnet. Der einzige Verleger auf der Liste der Preisträger ist ja Michael Krüger, der auch ein Schriftsteller ist.

Ist es einfacher, den Kunstmann Verlag im Jahr 2019 zu führen als es im Jahr 1991 war?
Ich glaube, dass es objektiv schwerer ist, aber wir hatten früher auch nicht das Gefühl, dass es einfach wäre. Im Nachhinein kannst du immer sagen: Damals konnten die im Buchhandel noch andere Stückzahlen verkaufen. Aber wenn man ehrlich zurückdenkt, hatten wir auch Zukunftsängste, als die marktwirtschaftliche Konzentration der Branche immer stärker wurde. Wir hatten auch Konkurrenzmedien, aber die wirkliche Veränderung ist mit dem Internet gekommen. Niemand hat mehr Zeit, man muss ja ständig was posten. Zeit braucht man aber zum Lesen von Büchern und die muss man sich nehmen.

Hat das Buch ein Imageproblem?
Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass Bücher gerade für die politische Aufklärung und Hintergrundinformation unerlässlich sind. Aber die Literatur steht nicht mehr im Zentrum der gesellschaftlichen Debatte. Früher haben wir die wichtigen Neuerscheinungen schnell gelesen, weil überall darüber diskutiert wurde. Die Buchhandlung war das, was heute der Apple Store ist, nur nicht so durchgestylt, darauf kam es einfach überhaupt nicht an. Aber der letzte Roman, den wirklich alle lesen mussten, weil alle darüber sprachen, war gefühlt jedenfalls für mich Michel Houellebecqs "Elementarteilchen".

Sie haben viele Kleinverlage kommen und manche auch wieder gehen sehen. Hilft man sich mit Tipps untereinander?
Selbstverständlich. Man kennt sich in der Branche und die ist geprägt von einer freundschaftlichen Offenheit. Der Kunstmann Verlag war anfangs auch sehr klein, ist dann aber doch ziemlich gewachsen, weil wir viele Erfolge hatten. Ich habe ehrlich gesagt kaum Neid erlebt in der Branche, ganz im Gegenteil: Viele haben sich auch wirklich mit uns gefreut.

Wie haben Sie es geschafft, was vielen anderen nicht gelungen ist?
Wir haben sehr früh darauf geachtet, dass alle Bereiche im Verlag sehr professionell betreut werden. Das hat sich auch nach außen vermittelt. Alles was die Großen mit ihren enormen Werbeetats gemacht haben, haben wir mit guten Ideen kompensiert und mit einer sehr intensiven Pressearbeit. Wir haben mit den Autoren eng zusammengearbeitet und ihre Wünsche erfüllt. Und es ist ja auch so, dass in einem übersichtlichen Programm der einzelne Autor anders herausgestellt werden kann und wahrgenommen wird und eben nicht in der Masse der vielen anderen Bücher verschwindet.

Axel Hacke ist bei Ihnen ein Bestsellerautor geworden, er hätte wohl auch zu einem großen Verlag wechseln können.
Mit Sicherheit. Aber warum sollte er? So wie wir seine Bücher betreut und in den Handel gebracht haben, hätte auch ein Großverlag nicht besser machen können, das zeigt schlicht der Erfolg. Mehr als den Platz 1 auf der Bestsellerliste kann man nicht erreichen. Außerdem ist die prozentuale Beteiligung an jedem verkauften Buch ist in allen Verlagen mehr oder weniger gleich. Und die persönlichen Bindungen ja auch ein hohes Gut. Wenn aber ein Konzern eine völlig verrückte Vorschusssumme anbieten würde, die man nie mit dem Verkauf der Bücher zurückverdienen kann, egal wie gut sie sich verkaufen, dann kann man als vernünftig ökonomisch denkende Verlegerin dem befreundeten Autor doch nur zu einem Lottogewinn gratulieren. Mit ökonomischer Vernunft hat das ja gar nichts mehr zu tun.
Kunstmann ist ein großer Kleinverlag...

...oder ein kleiner Großverlag, je nachdem, wie man es nimmt. Ihr thematisches Spektrum ist jedenfalls riesig. Wie behält man auf so vielen Feldern den Überblick?
Das Programm mache ich ja nicht alleine, wir haben drei Lektoren, die alle Vorschläge einbringen. Wir haben ein diversifiziertes Programm, wie andere Publikumsverlage auch, bei den wenigen Büchern, die wir im Jahr machen, fällt das nur mehr auf. Der Schwerpunkt waren immer die Literatur und das Sachbuch. Dann ist auch das illustrierte Buch dazugekommen, mit ausgewählten Kinderbüchern. Wir haben zum Beispiel Wolf Erlbruch gebeten, das ABC-Buch von Karl Philipp Moritz zu illustrieren, was er mit Freude gemacht hat. Danach kam er mit einem Vorschlag für ein Kinder- und Erwachsenenbuch auf uns zu: "Ente, Tod und Tulpe" – und das wurde dann ein Riesenerfolg.

Haben Sie das geahnt?
Geahnt vielleicht, vor allem aber gehofft, weil ich dieses Buch so außerordentlich klug, poetisch und berührend fand. Meistens kommen die Erfolge unerwartet. Das erste Buch, das man mit einem Autor macht, ist immer Glaube, Liebe, Hoffnung. Manchmal, eher selten, hat man gleich mit dem ersten Buch eines Autors Erfolg, manchmal dauert es Jahre, manchmal kommt der Ruhm auch erst posthum, wie bei Kafka beispielsweise. Und manches, was einen Erfolg befördert, ist Zufall. Donata Elschenbroichs "Weltwissen der Siebenjährigen" kam bei uns heraus, als kurz danach die Pisa-Studie die Republik in Aufregung versetzt hat und plötzlich haben sich alle für dieses Buch interessiert. Wir hielten dieses Buch für wichtig, dass das Thema in der Luft lag ahnte man bestenfalls. Und der Erfolg von Keri Smith ist wieder etwas anderes. "Mach dieses Buch fertig" lief schon ein paar Jahre richtig gut, bis es dann ein Social-Media-Phänomen wurde – und dann ging es richtig los.

Es gibt keinen erfolgreichen Verleger, der ein Erfolgsrezept benennen könnte?
Das gab es nie. Das wäre auch überaus langweilig, weil dann jeder die gleiche Suppe kochen würde. Übrigens hat auch jeder Verleger, jede Verlegerin eine Geschichte parat, welchen Bestseller er nicht erkannt hat, verpasst hat. Der Piper Verlag hat zum Beispiel die bereits fertige Übersetzung von Javier Marias "Mein Herz so weiß" zurückgegeben, weil die vorigen Bücher des Autors nicht durchgesetzt werden konnten. Ich hatte zum Beispiel "Das goldene Notizbuch" von Doris Lessing auf dem Tisch, als ich noch sehr jung war. Das habe ich gelesen, aber irgendwie hat das Buch bei mir nicht funktioniert. Das kann man mit einem Satz von Doris Lessing selbst erklären, nämlich, dass jeder Roman auch eine autobiografische Zeit hat. Manchmal bist du für bestimmte Themen, für einen bestimmten Ton offen und manchmal erreicht er dich nicht. Drei Jahre später war "Das goldene Notizbuch", das dann im Fischer Verlag erschien, für mich selbst so etwas wie eine Offenbarung, in meinem Exemplar ist jeder zweite Satz unterstrichen.

Die Branche verliere Leser, heißt es in neuen Studien.
Ich denke, die Branche muss davon wegkommen, immer mehr Titel anzubieten. Die Botschaft, die wir von außen bekommen, ist: Konzentration auf das, was wirklich wichtig ist.

Sie selbst haben, als das "Literarische Quartett" noch großen Einfluss hatte, auch von positiven Besprechungen profitiert, etwa bei Rafael Chirbes. Die eine Sendung, die für den Verkauf noch etwas bewirkt, gibt es nicht mehr.
Leider. Elke Heidenreich Sendung "Lesen!" hat ja noch sehr gut funktioniert. Da kommen die anderen Sendungen heute nicht mehr heran. Eine gute Besprechung bei "ttt" ist aber immer noch sehr hilfreich, wie wir gerade bei Herbert Kapfers Buch "1919" erleben.

Setzen Sie Hoffnungen auf Thomas Gottschalks neue Literatursendung im Bayerischen Fernsehen?
Wer weiß? Die erste Sendung schaue ich mir auf jeden Fall an. Ich war sehr erstaunt, dass die das machen. Ich kann mich noch daran erinnern, als Gottschalk seine Late Night Show hatte und Axel Hacke dort 1992 sein Buch "Der kleine Erziehungsberater" vorstellte. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber Axel Hacke hat damals noch geradezu schüchtern vor der Kamera gewirkt. Ich weiß gar nicht, ob Gottschalk das Buch überhaupt gelesen hatte, jedenfalls sagte er, der Umschlag des Buches passe gut zu seiner Krawatte – und das Publikum war begeistert, ob vom Buch oder der Krawatte, wer weiß? Jedenfalls hatten wir in den Tagen danach über 20 000 Bestellungen.

Sie haben den Verlag schon für die Zukunft aufgestellt und Ihren Sohn in die Geschäftsführung geholt. Wie ist das, wenn man mit seinem Sohn auf Augenhöhe zusammenarbeitet?
Manchmal mühsam, meistens sehr gut. Wie es halt ist im Leben. Es ist immer schwierig, eine professionelle Distanz zu haben, wenn ja die persönliche Nähe da ist, aber im Grunde genommen gefällt mir die Konstellation sehr gut.

Gibt es einen konkreten Plan für die Stabübergabe?
Wir arbeiten daran. Es ist noch ein Prozess, aber es muss einer sein, an dessen Ende ich dann auch ganz in den Hintergrund trete. Es muss ja klar sein, wer den Verlag in die Zukunft führt, das ist wichtig für den Verlag, für mich aber auch. Und so viele Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich viele Jahre zusammengearbeitet habe, sind bereits im Ruhestand, die jungen vernetzen sich neu.

Hatten Sie schlaflose Nächte aus Sorge um den Verlag?
Natürlich, das gehört dazu. Es gibt gute Jahre und mal nicht so gute. Wenn man einen Bestseller hatte, denkt man sofort, welches Buch bringt uns diesen Umsatz m nächsten Jahr – und ist nervös. Hatte man dagegen keinen Bestseller, dann pumpt man sich mit Optimismus auf und denkt: Aber nächstes Jahr muss es dieses oder jenes Buch werden. In dieser emotionalen Schaukel lebt man als Verleger ständig. Das muss man aushalten.

 

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