Kultur Natur und Mensch, verwoben im Kosmos

Heinrich Campendonks Gemälde „Mädchen im Wald mit Ziege“ (Ausschnitt) entstand in den Sindelsdorfer Jahren des Künstlers, als er dem Blauen Reiter angehörte, und es hängt im Lenbachhaus. Foto: Lenbachhaus

Der Nachlass des Malers Heinrich Campendonk muss in Oberbayern bleiben

 

Wer täglich mit dem Blauen Reiter zu tun hat, ist immer wieder erstaunt, wie viele Menschen diesen Künstler nicht kennen“, sagt Annegret Hoberg. Die Kuratorin des Lenbachhauses bereitet derzeit eine neue Ausstellung „Ein Tanz in Farben“ mit Werken der legendären Künstlergruppe vor. Auch acht Bilder Heinrich Campendonks werden dann ab 17.Juni im Kunstbau zu sehen sein.

Um den Nachlass des Künstlers ist ein Wettstreit entbrannt. Mitte März lehnte der Stadtrat von Penzberg den Ankauf ab, der 4,1 Millionen Euro kosten sollte. Danach forderten die Fraktionen der SPD und der Grünen im Münchner Rathaus den Kulturreferenten Hans-Georg Küppers auf, den Erwerb für das Lenbachhaus zu prüfen. Die 89 Werke könnten die Sammlung des Blauen Reiters ergänzen. Aber Penzberg gibt noch nicht auf: Eine Bürgerinitiative um den Auktionator Robert Ketterer will mit privaten Spenden jene 2,6 Millionen Euro aufbringen, die der oberbayerischen Stadt zum Ankauf fehlen. Auch das Schlossmuseum von Murnau soll Interesse zeigen.

Als Schüler von Franz Marc

Kunsthistorisch passt der 1889 in Krefeld geborene Maler sowohl in die Metropole wie ins Oberland. Als er 1911 auf Anregung von August Macke nach Sindelsdorf kam, bildete sich dort in einer Gartenlaube eben die wichtigste Künstlergruppe des deutschen Expressionismus. Campendonk schloss sich dem Kreis um Kandinsky an und beteiligte sich an den beiden Ausstellungen des Blauen Reiters in München.

„Campendonk verstand sich damals als Schüler von Franz Marc“, sagt Hoberg zum Stil des Malers. In Sindelsdorf entstanden Werke wie das dem Lenbachhaus gehörende Gemälde „Mädchen im Wald mit Ziege“. Es verwebt ähnlich den Bildern seines Vorbilds Natur und Mensch im Kosmos.

Marcs früher Tod auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs veränderte Campendonks Schaffen. Unter dem Einfluss von Kokoschka und der Expressionisten des „Sturm“-Kreises kam eine soziale Dimension hinzu. Nach seinem Kriegsdienst von 1914 bis 1916 übersiedelte der Maler nach Seeshaupt. Die Stadt Penzberg wurde zu einem zentralen Motiv: „Er verwob die Häuser der Bergarbeiterstadt mit den Kirchtürmen der oberbayerischen Landschaft zu einem Gewebe transparenter Farbfacetten“, sagt Hoberg.

Nie wieder Deutschland

In den frühen 1920er Jahren kehrte Campendonk ins Rheinland zurück. Er lehrte an der Düsseldorfer Akademie. 1933 ging er in die Emigration. „In der Nazi-Zeit wurde er, wie alle noch lebenden Künstler des Blauen Reiters, als entartet verfemt“, sagt die Kuratorin. Nach dem Krieg kehrte er trotz mehrerer Angebote nicht mehr nach Deutschland zurück. Er blieb Professor für monumentale und dekorative Kunst an der Amsterdamer Akademie und schuf sakrale Glasfenster, wie sie auch in der Penzberger Christkönigskirche zu sehen sind. Diese Passionsfenster gewannen 1937 auf der Pariser Weltausstellung den Grand Prix gegen Picassos „Guernica“.

Der Erwerb von Campendonks Nachlass durch das Lenbachhaus wäre vor diesem Hintergrund ebenso sinnvoll wie für das Museum in Penzberg. Dessen Leiterin Gisela Geiger bemüht sich seit Jahren darum. Hans-Georg Küppers sieht sich mit ihr nicht in Konkurrenz: „Vielleicht lässt sich der Ankauf gemeinsam stemmen“, meint der städtische Kulturreferent optimistisch. „Es wäre wichtig, diesen Schatz in Oberbayern zu halten und ihn nicht zu zerreißen.“

Robert Braunmüller

 

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