Kultur Kunst in der Warteschleife

„Gras wächst“ – weiter nicht: Der Nürnberger Künstler Thomas May darf sein Projekt mit 14 Kollegen erneut nicht realisieren. Foto: Berny Meyer

NÜRNBERG - Ein Großprojekt von Thomas May auf dem Reichsparteitagsgelände wird erneut verschoben - und keiner will Schuld sein.

Autoreifen, Hochdruckreiniger, Rasenmäher und Aufnahmegeräte sollten im Einsatz sein beim Kunstprojekt „Gras wächst“, das auf Veranlassung des Nürnberger Gras-Künstlers Thomas May im September zwölf bis 15 Positionen auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände – zwischen Zeppelintribüne und Luitpoldhain – versammeln wollte. Aber auch im zweiten Anlauf – bereits 2008 wurde die an die Kunsthallen-Schau „Das Gelände“ angekoppelte Idee kurzfristig eingefroren – ist das Projekt von Stadtseite gekippt. Gras wächst nicht – bis auf weiteres.

Kulturreferentin Julia Lehner fühlt sich völlig schuldlos an der neuen Situation und verweist auf einen Antrag der Fraktionsvorsitzenden der CSU und SPD, Michael Frieser und Gebhard Schönfelder, die ein „prinzipielles Konzept für den Umgang mit Kunst auf dem Gelände“ fordern. Oberbürgermeister Ulrich Maly hatte vor Jahren schon mal die Idee einer Skulpturen-documenta skizziert, was aber nie weiter verfolgt wurde, auch wenn die Arbeitsgruppe Reichsparteitagsgelände munter weiter tagt.

Unterdessen wird zumindest der Kongresshallen-Torso verstärkt kulturell genutzt. Nicht nur durchs Schauspielhaus, das bei Esther Vilars „Speer“, „Enigma Emmy Göring“ und Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ die Einschüchterungsarchitektur als Kulisse einsetzte. Sondern etwa auch durch die Foto-Szene Nürnberg, die dort ihre beeindruckende Jahresschau „Zeitrauschen“ präsentierte.

„Es mehren sich Anfragen und Wünsche von Initiativen ganz unterschiedlicher Qualität“, versucht Lehner die Blockade-Haltung gegenüber der Initiative des „Grashalminstituts“ zu erklären. Thomas May arbeitet dabei zwar mit Ellen Seifermanns Kunsthalle und dem NS-Dokumentationszentrum zusammen, aber als Qualitätsbeweis scheint das nicht zu gelten.

„Reliktforschung unter und auf der Grasdecke“ will May mit den eingeladenen Künstlern und „flüchtigen“ Werken betreiben. „Mit kleinen Eingriffen auf den Ort“ gehe es um „Aufdecken, Erinnern, Verdrängen oder Vergessen“ an einem Ort, der als Tennis-Übungswand, Autorennbahn, Volksfestplatz, Club-Parkplatz, Skater-Bahn und Rock-Revier banalisiert und zweckentfremdet wird.

Für „Gras wächst“ wollte der Stuttgarter Agrar-Biologe Martin Boksch auf dem Areal Pionierpflanzen setzen, der Düsseldorfer Kai Richter die Kolosseums-Arkaden zur Baustelle umrüsten, Pirko Julia Schröder Fenster als Augentäuscherei in die Zeppelintribüne setzen und der Wahl-Finne Albert Braun den Asphalt mit „Burnouts“ umreißen: 3er-BMWS sollten Gummi geben und mit Vollbremsspuren Reifenzeichnungen hinterlassen.

Der Kölner Ralf Witthaus will 180 Zentimeter lange „Strichblöcke“ in die Luitpoldhain-Wiese mähen. 200000 Striche bis zur braunen Grasnarbe als Hinweis auf 200000 SA- und SS-Angehörige, die hier stramm standen. Im ersten Anlauf führte die geplante Kunst-Aktion das Gartenbauamt auf den Plan: Die Mähstreifen wurden als Stolperstellen für Besucher der Klassik Open Airs gesehen. Im September gibt es keine Picknick-Beschallung, aber auch keine Kunst. „Das soll nicht den Verdacht erhärten, dass wir das nicht wollten“, beschwichtigt Lehner. Die Vorlage werde leider erst im Herbst fertig. Thomas Mays Projekt „kann durchaus nächstes Jahr stattfinden“. Wenn nicht vollends Gras darüber gewachsen ist.

Zur Zeit übrigens weilt May im Westen Japans. Er setzt seine Schnitztour fort, auf Einladung der Geida Kunstakademie Tokio. Andreas Radlmaier

 

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