Kosten in Höhe von 47,5 Milliarden Euro Wer zahlt den Abschied von der Kernkraft?

Der Kühlturm des AKW Isar 1 und 2 nahe Essenbach. Foto: dpa

Den Stresstest, ob sie den Atomausstieg bezahlen können, haben die Atomkonzerne aus Sicht der Bundesregierung bestanden. Ob der Steuerzahler aufatmen kann, ist aber fraglich

 

Im Fahrplan der Energiewende ist ein Datum fett rot angestrichen: Im Jahr 2022 wird das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen. Doch die Lichter in der Republik werden auch dann nicht ausgehen, weil Ökostrom, Kohle und Gas die Energieversorgung sichern. Bis an allen Reaktorstandorten wieder Kinder auf der „grünen Wiese“ spielen, werden aber Jahrzehnte vergehen und Milliardenkosten fällig.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Atomausstieg:

Haben die Konzerne für den Ausstieg Geld zur Seite gelegt? Ja. Die vier Versorger Eon, RWE, EnBW und Vattenfall haben in der Vergangenheit 38,3 Milliarden Euro an Rückstellungen gebildet. Mit dem Geld sollen Abriss und Endlagerung des Atommülls bezahlt werden. Die Milliarden liegen aber nicht auf dem Festgeldkonto, sondern stecken in Kraftwerken, Stromnetzen oder in Finanzanlagen.

Reicht das Geld? Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der Wirtschaftsprüfer für einen Stresstest der Konzernbilanzen beauftragt hatte, hält anhand des Gutachtens die vier Unternehmen für stark genug, die Kosten abzudecken. Die Prüfer selbst machen aber eine wichtige Einschränkung. Die Finanzpower der Konzerne sei zwar ausreichend. Wegen vieler Unsicherheitsfaktoren könne daraus jedoch nicht abgeleitet werden, „dass die Finanzierung der künftigen Entsorgungskosten sicher ist“.

Wie sehen die Szenarien aus? Die Experten haben verschiedene Modelle durchgerechnet, wie sich Kosten und Renditen langfristig entwickeln werden. Ihr Fazit: Im besten Fall reichen Rückstellungen von 25 Milliarden Euro aus – im schlimmsten Fall werden über 77 Milliarden Euro gebraucht.

Das wäre doch eine gewaltige Lücke? Rechnerisch würden den Konzernen knapp 39 Milliarden Euro an Rückstellungen fehlen, wenn der „Worst Case“ eintreten sollte. Die Regierung hält das für extrem unwahrscheinlich, die Konzerne ebenso. Annahme dieses Szenarios ist, dass in den nächsten 85 Jahren die Konzerne jedes Jahr nur wirtschaftliche Verluste einfahren würden.

Wie teuer wird der Atomausstieg? Die Kosten werden derzeit auf 47,5 Milliarden Euro geschätzt (siehe unten). Sicher sagen kann das aber niemand.

Was sind die nächsten Schritte der Politik? Am Mittwoch will die Bundesregierung einen Gesetzentwurf von Gabriel beschließen, der dafür sorgen soll, dass sich die Konzerne nicht irgendwann bei der Finanzierung des Atomausstiegs doch noch vom Acker machen. So hatte Eon vorgehabt, seine Kernkraftwerke in eine neue Gesellschaft auszulagern und an die Börse zu bringen. Nach fünf Jahren wäre die Atomhaftung der Konzernmutter ausgelaufen. Als Gabriel seine Gesetzespläne vorlegte, machte Eon-Chef Johannes Teyssen einen Rückzieher.

Warum der Atomausstieg so teuer wird

Der Atomausstieg in Deutschland würde bei heutigem Preisniveau rund 47,5 Milliarden Euro kosten. Das haben Wirtschaftsprüfer im Auftrag der Bundesregierung ausgerechnet. Das Gutachten schlüsselt erstmals für die Öffentlichkeit folgende Kosten beim Atomausstieg auf:

STILLLEGUNG UND RÜCKBAU

Der Abriss und die Entsorgung von 23 kommerziellen Kernkraftwerken soll 19,7 Milliarden Euro kosten. Je Reaktor wird mit Rückbauaufwendungen von durchschnittlich 857 Millionen Euro gerechnet.

BEHÄLTER, TRANSPORT, BETRIEBSABFÄLLE

Die Bürger kennen die Castor-Behälter, die abgebrannte Brennstäbe begleitet von Protesten durch das Land in Zwischenlager transportierten. Für den Punkt insgesamt setzen die Gutachter Kosten von 9,9 Milliarden Euro an.

ZWISCHENLAGERUNG

Bis es in einigen Jahrzehnten ein Endlager gibt, wird der Atommüll vor allem in Zwischenlagern an den Kernkraftwerken gelagert. Kostenpunkt: 5,8 Milliarden Euro.

SCHACHT KONRAD

Die Kosten für das bislang als Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall vorgesehene frühere Eisenerz-Bergwerk in Salzgitter (Niedersachsen) liegen bei 3,75 Milliarden Euro.

ENDLAGERSUCHE

Für die von der Bundesregierung eingeleitete Suche nach einem Endlager sowie den Bau und Betrieb werden Ausgaben von rund 8,3 Milliarden Euro geschätzt.

 

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