Kontroverser Karikaturist Dieter Hanitzsch erhält Hoferichterpreis und erntet Kritik

Kontroverser Karikaturist: Dieter Hanitzsch. Foto: Matthias Balk/dpa

Das Jahr 2018 war ein bewegtes für den Karikaturisten Dieter Hanitzsch. Im Mai war der 85-Jährige aufgrund einer kontroversen Karikatur zum israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu von der "Süddeutschen Zeitung" entlassen worden und begann dann bei der AZ, wo er schon in den 60er Jahren mit seinen Karikaturen die Leser erfreut hat.

 

München - Im Herbst beendete der Bayerische Rundfunk nach über einem Jahrzehnt die Zusammenarbeit mit Hanitzsch beim "BR-Stammtisch", weil die Sendung "verjüngt" werden sollte. Hanitzsch wurde beim Bayerischen Kabarettpreis mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet und erhält kommende Woche gemeinsam mit der Autorin Christine Wunnicke den Ernst-Hoferichter-Preis.

Das hat nun wieder die Kritiker aus dem vergangenen Frühjahr auf den Plan gerufen. Der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung gegen Antisemitismus, Ludwig Spaenle (CSU) kritisierte die Preisvergabe ebenso wie Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde.

Kulturreferent Hans-Georg Küppers hielt in einem Statement im "Tagesspiegel" dagegen: "Selbst wenn die in Rede stehende Karikatur – die vielleicht nicht zu seinen gelungensten gehört – fehlinterpretiert werden kann, ist der Vorwurf, Dieter Hanitzsch sei ein Antisemit, auch mit Blick auf sein Lebenswerk, untragbar."

Die AZ hat sich bei Münchner Kabarettisten und Autoren umgehört.

Hans Pleschinski, Schriftsteller und Hoferichter-Preisträger 2012:

"Aus Dieter Hanitzschs Lebenswerk, soweit ich es kenne, könnte ich nie auf Anti-Amerikanismus, Anti-Russismus, Anti-Semitismus oder sonst einen Ismus schließen. Es scheint mir kritisch in jede Richtung zu sein, wie es sich für einen Karikaturisten gehört. Um die eine Netanjahu-Zeichnung türmt sich meines Erachtens von außen auch viel Freizeit-Hass auf. Bei jüdischen Freunden von mir erzeugte sie eher Gähnen. Auf Nachfrage fehlte ihnen zur Komplexität ein Hinweis auf die Bedrohtheit Israels. Netanjahus Tanzrock fanden sie recht flott. (Allemal besser als das Bärtchen, das Angela Merkel immer wieder stillschweigend ertragen musste.)"

Hans Well, Kabarettist und Musiker, Hoferichter-Preisträger 1985:

"War schon die Begründung der SZ für den Rauswurf von Dieter Hanitzsch an den Haaren herbeigezogen, so zieht die von Frau Knobloch und Herrn Spaenle an einer Glatze. Wenn Dieter Hanitzsch – übrigens ein sehr guter Freund von Dieter Hildebrandt – ein Antisemit ist, dann ist die CSU eine Flüchtlingshilfsorganisation. A propos Herr Regierungsbeauftragter Spaenle: In Wörtern wie Asyltourismus usw. steckt für mich sehr viel Menschenverachtung und damit Basis für Antisemitismus. Könnten Sie nicht vielleicht da einmal…?"

Tilman Spengler, Schriftsteller und Hoferichter-Preisträger 2003:

"Ich bin mir nicht sicher, ob Satire alles darf, wie es Kurt Tucholsky einmal so vollmundig forderte. Gerade auch im Sinne der Satiriker selbst. Die wollen ja auch nicht mit jedem gemeinsame Sache machen, der sich auf Tucholsky beruft. Streit gehört zum Geschäft, aber genauso auch die Wertschätzung eines Künstlers. Ich verfolge die Arbeiten von Dieter Hanitzsch seit Jahrzehnten und fühle mich von ihnen mal mehr, mal weniger provoziert oder bestätigt. Das geht mir mit den Meinungen der meisten Freunde so. Nie aber habe ich empfunden, dass Hanitzsch nicht zu dem Kreis jener gehört, die Heinrich Mann einmal als ,die Anständigen’ bezeichnete. Damit zum aktuellen Fall: Es ist richtig, vor der Gefahr eines zunehmenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft zu warnen. Es ist töricht, diese Gefahr an einer einzigen Karikatur festzumachen, ohne auf ein Lebenswerk zu schauen. Es ist geradezu absurd, Hanitzsch deswegen den Ernst-Hoferichter-Preis aberkennen zu wollen. Das sind genau die Dialogformen derer, die Dialoge verhindern."

Franz Xaver Bogner, Regisseur und Hoferichter-Preiträger 2001:

"Ich kenne den Dieter Hanitzsch schon so lange, und von der Idee, ihm den Ernst-Hoferichter-Preis nicht zu geben, halte ich gar nichts. Das ist alles sehr befremdlich, ich kann das einfach nicht nachvollziehen. Ich habe das nur über Facebook erfahren, wo man mich mehr oder minder aufgefordert hat, auch meinen Hoferichter-Preis zurückzugeben – weil ihn auch der Herr Hanitzsch bekommt. Ab da ist für mich endgültig Schluss! Man kann im weitesten Sinne Abstand nehmen von solch tagespolitischen Geschichten, aber von dieser gegen Hanitzsch kann ich mich nur entschieden distanzieren. Er steht in einer Reihe von vielen Künstlern aus München und Bayern, die diesen Preis bekommen haben, und ich glaube auch, dass er ihn verdient hat."

Sigi Zimmerschied, Kabarettist und Hoferichter-Preisträger 1985:

"Satire hat Vorrang, und danach haben sich alle politischen, religiösen und inhaltlichen Institutionen dieser Welt zu richten. Wenn irgendwelche religiösen Eiferer meinen, sie müssen wieder mal Satire kicken, dann können sie das versuchen – das liegt im Wesen dieser Menschen. Aber sollte das wirklich gelingen, dem Hanitzsch diesen Preis wegzunehmen, dann werde ich meinen Hoferichter-Preis zurückgeben. Denn dann ist dieser Preis eine Farce. Den habe ich dann nur bekommen, weil 20 Deppen vergessen haben dagegen zu demonstrieren. Es ist halt doch nicht so wie man meint: dass man in einem Vielfaltsparadies lebt. Die alten Reflexe, Ängste und Vorbehalte: Auf einmal sind sie alle wieder da. Das geht ganz schnell. Und das bei so einer integren Figur wie dem Hanitzsch, der wirklich immer alle Seiten ausgeleuchtet und alle Irrläufer karikiert und gespiegelt hat. Wenn der jetzt Opfer von solchen Kleingeistern wird, die glauben, sie müssen wieder irgendwas schützen, wofür sie sowieso zu winzig sind. Dieser Irrtum, man könnte als Mensch Gott beschützen: Das ist ja die größte Blasphemie."

 

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