Komponist im AZ-Interview Christian Bruhn: "Kitsch gibt es nicht"

Der Kopf hinter dem Hit: Christian Bruhn (rechts) mit dem Schlagersänger und Komponisten Drafi Deutscher 1969 in Hamburg. Foto: L. Heidtmann/dpa

Die Doku "Meine Welt ist die Musik" über den Komponisten Christian Bruhn hat an diesem Montag Premiere im Kino Atelier. Der 84-Jährige im AZ-Interview.

 

München - Kaum ist ein Songtitel genannt, klingt er automatisch im Ohr: Jeder kennt Musik von Christian Bruhn. Man begegnet den Sounds live in DJ-Sets oder auf dem Oktoberfest. Der 84-jährige Wahlmünchner ist einer erfolgreichsten deutschen Komponisten und Musikproduzenten der Schlagerbranche in der Nachkriegszeit. 

DJ Hell ist bekennender Fan, und der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat seine Captain Future-Musik mit auf die ISS genommen. Christian Bruhn, der Mozart verehrt und im Herzen ein Jazzer ist, hat Hits geschaffen, wie "Marmor Stein und Eisen bricht", "Wunder gibt es immer wieder", "Zwei kleine Italiener", "Liebeskummer lohnt sich nicht", "Ein bisschen Spaß muss" sein und viele andere – aber auch die Titelmusik zu TV-Serien wie "Captain Future" und "Timm Thaler" oder einen Liederzyklus aus Gedichten von Heinrich Heine für seine frühere Ehefrau Katja Ebstein.

Als zu Beginn beim Interview angesprochen wird, dass sich seit Youtube und Streaming kaum noch Geld mit Tonträgern verdienen lässt, lacht der Sollner, und sagt: "Das ist ungerechter Wahnsinn. Aber wenn ich jetzt anfange, mich darüber auszulassen, sitzen wir bis morgen noch hier."
 


AZ: Herr Bruhn, Sie sind ein Kind der musikalischen Stunde Null nach 1945.
CHRISTIAN BRUHN: Aber ich kann mich auch noch an die Nazi-Zeit als Kind erinnern. Mein Onkel war Uni-Professor und hatte eine Jüdin geheiratet. Wir lebten während des Krieges in Kärnten, und schlimmere Nazis als die Kärntner können Sie gar nicht finden. Aber es gab bei mir dann die Gnade der späten Geburt, so dass ich als so genannter "Weißer Jahrgang" nie zur Bundeswehr musste.

Aber musikalisch war das doch eine besonders spannende Aufbruchszeit.
Wir lebten dann wieder in Hamburg. Die Engländer waren als Besatzungsmacht besonders grausam. Es gab am wenigsten zu essen im Vergleich zu den anderen Zonen. Aber dann kam "Der Spiegel" raus, und von dem habe ich schon als Teenager gelernt: "Respekt nur vor dem Respektablen haben!" Und: "Seine Meinung sagen!" Das war unsere Schule der Demokratie.

Ihr Vater war Kaufmann, was hat er denn gesagt, als Sie Musiker werden wollten?
Natürlich auch den Satz, vom "Erst mal was Anständiges". Ich hatte ja auch kein Abitur. Ein Lateinlehrer hatte mich noch motiviert, aber der ist dann von der Schule gegangen – ich auch. Und so habe ich erst einmal eine Malerlehre gemacht, was für mich als Bürgersöhnchen sehr nützlich war. Aber wir hatten schon eine Schülerkapelle, in der ich gespielt hatte. Ich habe auch parallel Komposition und Klarinette studiert. Und es gab das Musische in unserer Familie: Mein Großvater war musikalisch, mein Vater hat ein bisschen Klavier gespielt und meine Mutter richtig gut. Dass ich Musiker wurde, war unausweichlich.


Christian Bruhn. Foto: dpa

 

Christian Bruhn: "Dafür bin ich wahrscheinlich zu deutsch"

Erste große Erfolge haben Sie mit "Nachziehern" gemacht.
Ja, heute sagt man "Coverversionen". Ich war in München, spielte nachts in der "Nachteule" und bei der "Schwabinger Gisela" und suchte einen Tagesjob. Den fand ich beim Label "Tempo": deren Platten kosteten 2,85 statt fünf Mark. Wir kauften die Hit-Platten von Peter Alexander, Caterina Valente, Peter Kraus, Lolita und so weiter, haben die abgehört, eine Transkription gemacht – und dann noch einmal aufgenommen mit unsere kleinen Interpreten.

Dabei ging es aber nicht um eine Neuinterpretation.
Nein, es sollte für die Leute, die zu Karstadt gingen, um den Hit zu kaufen, möglichst ähnlich sein. Ich habe mit trotzdem erlaubt aus Lust und Laune, manchmal etwas leicht anders, vielleicht raffinierter zu machen, aber das hat der Chef nie gemerkt. Das waren also keine Raubkopien. Noch in den 30ern und 40ern haben alle acht oder neun Labels, wenn ein Schlager groß rauskam, das Lied aufgenommen. Ich war mal Gutachter, als sich Rammstein beschwert haben, dass eine Girlband "Engel" eingespielt hat. Ich habe das aber für legal befunden, weil die das ganz sauber hinbekommen haben. Und wenn nichts verhunzt ist, kann sich auch keiner wehren, wenn es erneut eingespielt wird. Geld dafür gibt's da ja ohnehin.

Sie konnten sogar Auslandshits mit anderssprachigen Versionen Ihrer Songs verbuchen.
Das wird überschätzt. Mireille Mathieu hat viele meiner Lieder ins Französische übertragen und teils auch neu arrangiert – manchmal besser als mein Original, wie "Mamuschka". Und Drafi hat "Marmor, Stein und Eisen bricht" auf Englisch gesungen, aber so groß ist das Ding in England nicht geworden. In Nashville wurden auch Country-Nummern von mir aufgenommen, und Vince Hill hat einen meiner Titel gesungen. Aber den großen internationalen Durchbruch hatte ich nicht. Dafür bin ich wahrscheinlich zu deutsch.


Was ist eigentlich zuerst da: Text oder Musik?
Mal so, mal so. Mühsamer ist es jedenfalls, wenn zuerst die Musik da ist und man den Text dazu suchen muss. Bei "Marmor, Stein und Eisen bricht" war es so. Drafis "Dam dam, dam dam" erinnerte mich an Regen, also machte ich "Weine nicht, wenn der Regen fällt." Und die Schlagzeile "Marmor, Stein und Eisen bricht" haben wir lange gesucht, bis mir ein uralter Poesiealbumvers eingefallen ist, der so ähnlich geht... "...aber 'treue‘ Liebe nicht...". Die "Treue" haben wir dann weggelassen. Das war nicht so die Zeit. Und wenn erst der Text da ist, dann kritzle ich die Noten gleich daneben, ich brauche dazu gar kein Klavier. Und wenn die Silben nicht stimmen oder Konsonantenballungen auftreten, dann ändere ich auch den Text ein bisschen. Aber natürlich nicht bei Heinrich Heine. Da bin ich mit Katja Ebstein texttreu geblieben.

Bruhn: "Mireille Mathieu singt mit dem Herzen"

Hatten Sie jemals Angst, kitschig zu sein?
Kitsch gibt es nicht. Er wird unter anderem definiert als "verlogenes Gefühl". Aber Gefühl ist Gefühl. Und selbst die einfachste Musik ist Kultur. Affen haben keine Musik!

Eine Zeile wie "Küsse unterm Regenbogen" ist also kein Kitsch?
Im Gegenteil, das ist entzückende Lyrik. Man wünscht sich was unter dem Regenbogen, da ist Sehnsucht und Liebe drin.

Haben Sie auch mal Texte abgelehnt?
Leider habe ich den Text "Ich bin nicht der Weihnachtsmann und Du bist nicht mehr sieben" für Manuela nicht abgelehnt – mein schlechtestes Werk, aber es ist ja auch nicht groß bekannt geworden. Manchmal habe ich ja auch mitgedichtet. Bei "Liebeskummer lohnt sich nicht...", ist mir zunächst nichts eingefallen, bis ich "My Darling" drangehängt habe und dann gleich die zweite Zeile dazu: "Schade um die Tränen in der Nacht". So sind viele Zeilen in Songs auch von mir. Da kam der Günther Behrle rein mit der Zeile "Ich möcht‘ der Knopf an deiner Bluse sein" für Bata Illic. Ich frag': "Wie geht‘s denn weiter?" Und er:. "Weiß ich noch nicht!" Ich: "Was hältst du denn davon: '…dann könnt ich nah, nah, nah an deinem Herzen sein…" Und weiter ging's: "Und legst du nachts die Bluse hin, dann bin ich froh, dass ich in deinem Zimmer bin... Und das "nah nah nah" ist dann auch noch wieder der Herzschlag… ... und kommt ja eh dauernd in Schlagern vor: "Einen neue Liebe ist wie ein neues Leben – nah, nah, naah, nah nah naaah..."

Sie haben zehn Jahre lang Mireille Mathieu betreut…
...und über hundert Lieder für sie geschrieben. Sie hat viele in andere Sprachen übertragen. Sie ist eine so große Künstlerin – hoch musikalisch, kann gestalten und die zweite Stimme mit sich selber singen – und sie singt mit dem Herzen. Nachdem wir die ersten Schwierigkeiten mit dem Akzent überwunden hatten, war alles wunderbar.

Bruhn: "Ich bin anscheinend ein bisschen aus der Zeit gefallen"

Der französische Akzent gilt doch als charmant.
Aber es gibt Sachen, wie "Himmelszelt" – das kann sie nicht singen. Also muss man so dichten, dass sie sich nicht die Zunge bricht.

Rex Gildo, Roy Black… Mit wem hätten Sie gerne zusammengearbeitet, aber haben es nicht?
Da fällt mir als einzige Nana Mouskouri ein. Ich hatte für sie etwas geschrieben, aber durch ein Missverständnis kam es da nicht dazu.

Woher kommen die Aufträge?
Erst hat man selbst angeboten, und dann hatte ich ja so viele Künstler, die ja alle jedes Jahr ein Album rausbringen wollten.

Und heute?
Da ist es so, dass ich anscheinend ein bisschen aus der Zeit gefallen bin, so dass meine Melodien nicht mehr zeitgemäß sind.

Wie sehen Sie die heutige Schlagerwelt, die ja fast schon Rock-Pop ist…
Nicht unbedingt. Es geht von Andrea Berg: Volksmusik mit Beat – bis zu unserer Superheldin Helene Fischer, über die man wirklich nicht die Nase rümpfen darf. Aber witzigerweise kennt keiner ihren Komponisten Jean Frankfurter.

Sie haben sich mal gegen "Weltverbesserungs"-Schlager ausgesprochen.
Ja, weil man damit weder die Bodenpreise senken noch die Arbeitslosigkeit bekämpfen kann. Unterhaltungsmusik ist einfach dazu da, die Menschen zu erfreuen. Ich bin mehr der Lyriker oder Romantiker, oder witzig.

Bruhn über die Freundschaft zu Ralph Siegel

Aber "Ein bisschen Frieden" war doch Zeitgeist und ein guter Schlager.
Aber eben nur "ein bisschen Frieden" und keine Gorbatschow-Revolution. Der Erfolgstrick war: Jungfrau mit weißer Gitarre! Genial! Und das ist auch ein Grund, warum ich mit Ralph Siegel befreundet bin: Wir bewundern uns gegenseitig, aber er ist der größere Schlagermann von uns beiden, dafür bin ich vielleicht musikalisch breiter aufgestellt.

Was ist Ihr bekanntestes Werk?
"Marmor, Stein...". Das wird von so vielen Bands gecovert.

Nicht der "Heidi"-Song?
Doch, vielleicht. Der hat 25 Millionen – so genannte – Einheiten. Da wird jeder Sampler, jeder Interntaufruf gezählt. Da bekommt man dann 0,0001 Cent pro Einheit oder so. Womit wir wieder dabei wären, dass man mit Songs heute kein Geld mehr machen kann.

Von Ihnen stammen auch Werbemelodien: "Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause, LBS", oder die von Milka.
Ich bin eben der Mann für das Eingängige. Wobei: "…die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt..." klingt textlich eigentlich hart. Das war gar nicht so einfach, das weich zu kriegen. Überhaupt muss man als Musiker sein Handwerk – Komposition – können und dranbleiben. Intelligenz schadet auch nicht. Der Rest ist Gottesgabe. Man kann stolz drauf sein, wenn man alles handwerklich gut gemacht hat, aber nicht auf den Einfall selbst. Ich habe mal so eine Anleitung eines Chorleiters gelesen, wie man mit einem Zehn-Punkte-Plan einen Hit baut. Da haben wir uns im Studio totgelacht.

Und wenn man sie doch beachtet, was kommt dann raus?
Nix!


Premiere am Montag (7. Januar) um 20 Uhr im Atelier (City Kinos, Sonnenstraße 12), Restkarten an der Abendkasse. Zahlreiche Mitwirkende und Zeitzeugen des Dokumentarfilms werden anwesend sein: Christian Bruhn; Ralph Siegel, Katja Ebstein, Curt Cress, DJ Hell (Helmut Geier), DJ Saperlot (Sebastian Weiss), Toni und Birgit Netzle, Johannes Bruhn, Regisseurin Marie Reich, Produzent Constantin Ried und viele weitere prominente Gäste

 

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