"Ein rechtsextremer Terrorakt" Oktoberfestattentat von 1980: Ermittlungen offiziell eingestellt

, aktualisiert am 08.07.2020 - 19:20 Uhr
Das Oktoberfestattentat war der schwerste rechte Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. Foto: dpa

Die Bundesanwaltschaft stellt die Ermittlungen zum Oktoberfestattentat wieder ein. Doch erstmals wird die Tat als politisch motiviertes Verbrechen eingeordnet.

 

München - Fast 40 Jahre nach dem Oktoberfestattentat sind die Ermittlungen ein zweites Mal eingestellt worden. Doch gleichzeitig mit der Einstellung ist das Verbrechen von der Bundesanwaltschaft erstmals offiziell als eindeutig rechtsextremistisch motivierte Tat eingeordnet worden. "Schon deshalb hat sich der jahrzehntelange Einsatz gelohnt", sagte der Münchner Opferanwalt Werner Dietrich, der Opfer und Hinterbliebene vertritt.

Mit der Einordnung als politisch motivierte Tat dürfte nun wohl – endlich – der Weg frei sein für eine staatliche Entschädigung. Ein Sprecher des Bundesjustizministeriums teilte am Mittwoch der AZ mit: "Wir befinden uns in Gesprächen zur Frage einer Solidarleistung zugunsten der Opfer."

OB Reiter: "Ein wichtiges Zeichen der Solidarität und Anerkennung"

OB Dieter Reiter (SPD) hatte zuvor angekündigt, sich nun erneut für eine Entschädigung aus dem Fonds des Bundesamts für Justiz für Opfer terroristischer bzw. rechtsextremistischer Straftaten einsetzen zu wollen. "Auch wenn dadurch der Schmerz und der Verlust geliebter Menschen nicht gelindert werden kann, wäre dies ein wichtiges Zeichen der Solidarität und Anerkennung."

Attentäter Gundolf Köhler war ein Anhänger der 1980 verbotenen rechtsextremistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann". Er hatte außerdem Kontakte in andere rechtsextreme Gruppen sowie zur NPD. Trotzdem waren die Behörden damals zu dem Schluss gekommen, Köhler sei ein Einzeltäter gewesen, der aus privaten Motiven gehandelt habe. Die Ermittlungen wurden 1982 eingestellt. Am Abend des 26. September 1980 war der Geologiestudent aus Donaueschingen mit einer Mörsergranate auf die Festwiese gegangen. Diese bestand aus 1,39 Kilo TNT, Schrauben und Nägeln, sie detonierte in seiner Hand. Zwölf Oktoberfestbesucher und er selbst wurden getötet. 213 Menschen zum Teil schwerst verletzt.

Attentat-Überlebende: "Habe gehofft, dass die noch im Knast landen"

Die Münchnerin Renate Martinez (heute 73) überlebte das Attentat nur knapp. Sie wurde von zahlreichen Splittern getroffen, die ihre Knochen zertrümmerten, in ihre Lunge eindrangen und ihr Lymphsystem "zerhäckselten", wie sie sagt. Fünf Monate lag sie im Krankenhaus. Bis heute leidet sie massiv unter den Folgen des Attentats.

Renate Martinez glaubt nach wie vor nicht, dass Köhler ein Einzeltäter war. "Ich bin voller Entsetzen, dass die Ermittlungen eingestellt wurden. Für mich steckt die Clique um Hoffmann dahinter. Ich habe gehofft, dass die alle noch im Knast landen", sagte sie zur AZ.

Doch die Bundesanwaltschaft hat keine Beweise für Mittäter gefunden. "Wir haben keine zureichenden, tatsächlichen Anhaltspunkte für die Beteiligung weiterer Personen als Mittäter, Anstifter oder Gehilfen an der Tat des Gundolf Köhler", sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft. Rechtsanwalt Dietrich hatte zusammen mit dem BR-Reporter Ulrich Chaussy die neuen Ermittlungen ab 2014 ins Rollen gebracht. Der Anwalt stellte drei Wiederaufnahmeanträge, der letzte hatte endlich Erfolg.

München: Ermittlungen in den 80er Jahren voller Versäumnisse

Dietrich sagte am Mittwoch, die Bundesanwaltschaft habe gründlich und ergebnisoffen ermittelt. Über 1.000 Zeugen und Opfer seien vernommen, an die 900 Hinweise und Spuren überprüft und fast 400.000 Seiten Akten "durchflöht" worden.

Im krassen Gegensatz dazu standen die Ermittlungen in den 1980er Jahren, sie steckten voller Pannen und Versäumnisse: Ein Stück Hand, das nach der Explosion gefunden worden war, verschwand spurlos. 48 Zigarettenstummel aus Köhlers Auto wurden vernichtet – genau wie später 504 Asservate, die angeblich zu viel Platz wegnahmen. Die Beweisstücke hätten dank DNA-Analyse noch viele Hinweise liefern können.

Bei vielen bleibt nach der erneuten Einstellung der Ermittlungen Enttäuschung: OB Dieter Reiter sagte, für Verletzte und Betroffene wäre "endlich Klarheit über die genauen Hintergründe" sehr wichtig gewesen. Doch vergebens waren die Ermittlungen nicht: Reiter betonte, "dass die Tat nun endlich auch offiziell als das benannt wird, was sie war: ein rechtsextremer Terrorakt".

Damit haben die Verletzte und Hinterbliebene nun wohl auch Anspruch auf Entschädigung. Renate Martinez sagt: "Wir haben bis heute keinen Pfennig vom Staat oder Freistaat bekommen."

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