Kein Glaspalast! Ärger um Hauptbahnhof-Abriss: Münchner Jurist will klagen

Am Hauptbahnhof gibt es (noch) einige bauliche Überreste aus der Vorkriegszeit und der frühen Nachkriegszeit zu sehen. Klicken Sie sich durch die Fotos, um alle Details zu entdecken. Foto: Thomas Müller

Der Jurist Karl Hofmann kritisiert, dass die Bahn-Planung die Münchner überrollt – und will vor den Verfassungsgerichtshof. Einige alte Elemente hält er nämlich durchaus für erhaltenswert.

München - Er will eine behutsame Sanierung und Vergrößerung des Münchner Hauptbahnhofs. Er kämpft gegen den als "monströs" und "kalt" empfundenen siebenstöckigen Glaspalast, den die Deutsche Bahn über die Gleise setzen will: Jurist Karl Hofmann (84), der sich mit Bauplanung auskennt. Mit rund 20 aktiven Münchnern gehört er zur "Initiative Münchner Architektur und Kultur" (AKU).

Um den 40 Meter tiefen "Nukleus" für die Zweite Stammstrecke bauen zu können, hat der Abriss des Münchner Hauptbahnhofs begonnen: An der markanten 60er-Jahre-Front fehlt bereits die große Bahnhofsuhr. Demnächst reißt der Bagger das von den Münchnern geliebte "Schwammerl"-Vordach weg.

AZ: Herr Hofmann, Sie wissen, wie es läuft: Sie waren als Verwaltungsjurist 50 Jahre in Bauplanungen involviert. Was befürchten Sie?
KARL HOFMANN: Wenn die Bagger den Schwammerl für den Bau der Zweiten Stammstrecke abreißen, dann geht das in einem Rutsch durch. Und ratzfatz ist alles Typische vom Münchner Hauptbahnhof weg. Obwohl ein Fachgutachten den gesamten Hauptbahnhofskomplex als gute Nachkriegsarchitektur für denkmalwürdig erklärt.

Sie kämpfen dafür, den Hauptbahnhof behutsam zu modernisieren und zu vergrößern. Ihre Bürgerinitiative AKU will gegen den Abriss klagen.
Wir müssen mit harten Bandagen auf rechtlicher Ebene kämpfen, sonst wird alles liquidiert. Leider kommen fast immer überteuerte Projekte zum Zug. Es muss ja immer teuer werden. Ich habe den Eindruck, die Betonlobby muss verdienen. Deswegen kommt eine billigere Lösung nirgends durch, wie unsere sanfte Alternative ohne die hässlichen überhängenden zwei Obergeschosse und den 17-stöckigen Turm. Es deutet alles darauf hin, dass der Neubau teuer sein muss. Eine Milliarde soll der Bahnhofsneubau kosten! Unsere Alternative könnte mit weit weniger Geld auskommen.

Sie haben ein fast 30-seitiges Gutachten zur Denkmalwürdigkeit des Bahnhofskomplexes: mit Empfangsgebäude, Holzkirchner und Starnberger Bahnhof.
Unser Bahnhof ist gute, funktionierende Nachkriegsarchitektur. Es ist ungeheuer, wenn unser gewohnter Bahnhof weichen muss – für einen futuristischen Glaspalast. Eine Scheußlichkeit, die das Stadtbild verhunzt. Außerdem wäre es ein Präzedenzfall, wenn mitten in der Stadt ein Denkmal weggerissen wird, wie mit dem Starnberger Bahnhof geplant, obwohl dieser Teile des Hauptbahnhofs in die Denkmalliste eingetragen ist. Was kommt bitte danach?

Wovor haben Sie genau Angst?
Unser Hauptbahnhof hat durchaus eine hohe Qualität. Aber die Deutsche Bahn liefert sich den Technokraten aus: Architekten, die mit Gags auffallen wollen. Solche Entgleisungen darf man nicht durchwinken.

Wie meinen Sie das?
Der Ablauf ist panzerartig. Die Planung der Deutschen Bahn hat eine starke Eigendynamik. Damit hat sie die bodenständige Münchner Lokalpolitik überrollt. Denn nur wenige Politiker haben Antennen für Architektur. Auch viele Bürger fühlen sich überrollt vom Ergebnis. Vielleicht gibt es bei uns bald einen Kriegsschauplatz, wie Stuttgart 21.

Die AKU droht Stadt und Deutscher Bahn rechtliche Schritte an: eine Popularklage vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof. So wurde der Abriss vom Gut Kaltenbrunn am Tegernsee verhindert.
Wenn wir etwas bewegen können, dann jetzt! Offenbar ist der Bebauungsplan für den neuen Hauptbahnhof noch nicht durch. Ob überhaupt eine Baugenehmigung vorliegt, wissen wir nicht. Vorher darf die Deutsche Bahn aber nichts abreißen, sonst gilt das als Schwarzbau. So ein Vorgehen wird zwar bei Großprojekten oft in Kauf genommen – wir aber würden in so einem Fall vor den Verfassungsgerichtshof gehen.

Was ist Ihre letzte Hoffnung?
Noch kann man zur Vernunft kommen. Wir überlegen, über eine einstweilige Anordnung die Zerstörung unseres Bahnhofs zu stoppen. Sonst werden vollendete Tatsachen geschaffen.

Interview: Eva von Steinburg

Eigentlich erhaltenswert: Reste alter Bahnhofs-Pracht

München und seine Bahnhöfe? Ein unfassbar trauriges Kapitel stadtplanerischen Versagens. Der im Groben erhaltene Bürklein-Bau des Hauptbahnhofs? In den 50er Jahren abgerissen. Der erhaltene Bürklein-Bau am Ostbahnhof? Anfang der 80er Jahre abgerissen.

Fast schon logisch, dass der große Abriss jetzt weitergeht – vor allem am Hauptbahnhof: Bis auf die denkmalgeschützte Gleishalle soll alles vernichtet werden. Alles, auch alle tatsächlich noch verbliebenen Vorkriegsreste und die bedeutenden (aber seit Jahrzehnten vernachlässigten) Nachkriegsreste – allen voran der Starnberger Flügelbahnhof (1949/59).

Dass der eigentlich auch denkmalgeschützt ist, spielt keine Rolle. Höchste Zeit also, zu zeigen, wie viel eigentlich Erhaltenswertes sich erhalten hat. Und wie viel Stadtgeschichte, bleibt es bei den Neubauplänen, unwiederbringlich verlorengehen würde. Klicken Sie sich oben durch die Fotos, um die alten Schätze des Hauptbahnhofs zu sehen.

 

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