Kein Fest zum Jubiläum Vor 25 Jahren: Münchner demonstrieren bei "Biergartenrevolution"

Das Foto zeigt die erste "bayerische Biergarten-Revolution" auf dem Marienplatz. Vor 25 Jahren gingen in München zahlreiche Menschen gegen Einschränkungen bei den Öffnungszeiten der Biergärten auf die Straße. Foto: picture alliance / dpa

An die 25.000 Münchner gingen vor einem Vierteljahrhundert auf die Straße - für eine ganz besondere Freiheit: Sie erstritten das Recht, bis 23 Uhr im Biergarten zu sitzen.

 

München - "Rettet die Biergärten" - die Forderung passt heute wieder, wenngleich aus ganz anderen Gründen. Für Wochen hat die Corona-Krise weit mehr als das ausgehebelt, was die Münchner vor 25 Jahren erstritten: Am 12. Mai 1995 demonstrierten 25.000 Menschen gegen Einschränkungen bei den Öffnungszeiten. Die "Biergartenrevolution" war erfolgreich: Biergärten dürfen in Bayern bis 23 Uhr offen bleiben, die letzte Maß gibt es um 22.30 Uhr.

Biergarten-Jubiläum kann nicht im Biergarten gefeiert werden

Das Jubiläum werden Biergartenfans wohl daheim verbringen müssen. Das vom Verein zur Erhaltung der Biergartentradition geplante Fest fällt aus. Erst am 18. Mai darf die Gastronomie im Außenbereich wieder öffnen. Und dann voraussichtlich vorerst nur bis 20 Uhr - viel früher als die vor 25 Jahren so heftig umstrittene Zeit.

Damals fühlten sich Nachbarn der traditionsreichen Waldwirtschaft in Großhesselohe bei München vom Lärm belästigt und verlangten eine Schließung um 21.30 Uhr. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof gab ihnen Recht. Auch anderen Biergärten drohte eine solche Entscheidung - ein Dominoeffekt.

Der Volkszorn schäumte. "Nachbar will totales Biergartenverbot", titelten Zeitungen. Mit rund 100.000 Unterschriften in der Tasche zogen die Demonstranten zur Staatskanzlei, begleitet von Blasmusik, Kuhglockengeläut und markigen Worten. "Jeder weiß vorher, wo er ein Haus baut oder eine Wohnung mietet", rief der damalige CSU-Chef und Bundesfinanzminister Theo Waigel. "Man kann auch nicht ein Grundstück am Bahndamm kaufen und dann den Zugverkehr verbieten lassen."

Politiker versprachen, sich für eine Gesetzesänderung einzusetzen. Eine Woche später sagte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) den "lieben Revolutionären" eine Biergarten-Verordnung mit Öffnungszeiten bis 23 Uhr zu. Grenzwerte für Lärm wurden festgesetzt - je nach Gegend zwischen 55 und 65 Dezibel.

Biergärten: Bestandteil bayerischen Brauchtums

Biergärten gelten als wichtiger Bestandteil bayerischen Brauchtums, aber auch des sozialen Lebens. "Im Biergarten kann man auch mal günstig draußen essen, denn man kann seine Brotzeit ja selbst mitbringen, die Kinder können spielen und man kann einfach in der frischen Luft sein", sagt die Präsidentin des Vereins zur Erhaltung der Biergartentradition, Ursula Seeböck-Forster.

"Die Biergärten haben in Bayern eine hohe Bedeutung für die Gesellschaft", sagt auch Frank-Ulrich John, Sprecher des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes. "Man trifft sich dort auf einer Ebene."

Das war im 19. Jahrhundert in den Biergärten eine neue Haltung. In den Wirtshäusern galt eine strikte Trennung der Schichten, es gab eigene Tische etwa für Knechte, Großbauern und Obrigkeit, wie der Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, Norbert Göttler, erläutert.

Im Biergarten sind alle gleich - auch Prinz Ludwig

Dass im Biergarten alle gleich sind, bekam auch Prinz Ludwig, der spätere letzte bayerische König Ludwig III, mit seiner Frau Marie Therese am Kloster Andechs zu spüren. Anstatt den Herrschaften wie verlangt im überfüllten Biergarten einen Platz zu besorgen, forderte Frater Jakob Neubauer gemäß der Andechser Chronik sie auf: "Die Hoheiten soll'n si halt aufs Gras hi'haun wia die andern a."

Die ursprünglichen Biergarten entstanden an den Bierkellern, wo das Bier im Sommer kühl lagerte. Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckten Brauer den Ausschank über den Kellern im Schatten der Kastanien zunehmend als Geschäft. Sie gerieten in Zank mit den Gastwirten, denen die Gäste wegblieben - bis König Max I. am 4. Januar 1812 per Erlass für Frieden sorgte. Er erlaubte den Brauern den Ausschank über den Bierkellern. Zugleich verbot er den Verkauf von Speisen. So brachten die Gäste ihr Essen mit.

Aus der Gewohnheit wurde Tradition. Mancher Tourist staunt, wenn Einheimische heute ihre eigene Tischdecke entfalten, um Käse und Rettich, Salzstreuer und Besteck auszubreiten. Die traditionellen Bierkeller sind besonders auch in Franken mit seinen vielen kleinen Brauereien weit verbreitet.

Vom 18. Mai an können alle Bayern wieder mit der Brotzeit in den Biergarten ziehen. Dennoch wird einiges anders sein als bisher. Hinter den Tresen werden Menschen mit Mund-Nasenschutz bedienen, den auch Gäste zumindest bei der Ankunft tragen müssen - beim Essen und Trinken dürfte er dann eher hinderlich sein.

Wie die Regeln genau aussehen, ist noch nicht klar. Für die Wirte ist vor allem wichtig: "Wir müssen versuchen, dass wir in Corona-Zeiten die Betriebe wieder in Schwung bekommen, auch die Biergärten", sagt John. Den Prognosen zufolge könnte jeder dritte Betrieb die Krise nicht überstehen - auch mancher Biergarten könnte so womöglich verschwinden.

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