Karl Marx zum 200. Geburtstag Marx vor den Marxisten retten

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz. Foto: dpa

Jürgen Neffe hat eine fesselnde Biografie über Karl Marx geschrieben und erklärt, warum dieser wieder aktuell ist

Am 5. Mai vor 200 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren. Der Philosoph und Autor („Das Kapital“) hat in der Folge der globalen Finanzkrise in öffentlichen Diskussionen zuletzt ein überraschendes Comeback erlebt. Die beste Einführung in Leben und Gedankenwelt von Marx hat nun Jürgen Neffe mit seiner Biografie „Marx – Der Unvollendete“ verfasst.

AZ: Herr Neffe, was für ein Mensch war Karl Marx?
JÜRGEN NEFFE: Sicher kein einfacher, aber ein spannender mit vielen Facetten. Es gibt viele negative Äußerungen über ihn von Zeitgenossen, oft aber gemischt mit großer Anerkennung. Mich hat Marx auch als bedeutender Schriftsteller fasziniert: Er konnte brillant formulieren, hatte eine schnelle Auffassungsgabe und dazu ein unglaubliches enzyklopädisches Wissen. Ein später Universalgelehrter mit großer intellektueller Spannbreite. Gleichzeitig berichten Zeitzeugen von seiner schneidenden Arroganz. Marx hatte etwas von einem Besserwisser, aber eben auch im doppelten Sinne. Er wusste es einfach oft besser, war unglaublich belesen. In der Familie wird er durchweg als guter Vater beschrieben, der vor allem auch die Kinder ernst genommen hat, was im 19. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich war. Er sagte etwa: Die Kinder müssen auch die Eltern erziehen. Andererseits hat er neben seiner Frau Jenny auch die drei Töchter in seinen Betrieb eingespannt, wie das ja oft so bei Prominenten ist. Das war dann das Unternehmen Karl Marx.

Für Sie ist Karl Marx keine rein historische Figur?
Wenn man meine Biografien über Darwin und Einstein liest, dann ist ja ein gemeinsames Merkmal mit der aktuellen, dass ich nur über bedeutende Welterklärer schreibe, deren Lehren und Theorien in der Gegenwart noch wirken. Ausgangspunkt waren die Jahre 2007/8, als ich noch mit Darwin beschäftigt war. Im Zuge der Finanzkrise fiel dauernd der Name Karl Marx, neue Bücher kamen heraus, und ich habe angefangen, Artikel zu sammeln. So füllten sich Ordner um Ordner und ein erster Regalmeter. Und es entstand der Gedanke, dass ich mich doch noch ein bisschen genauer mit Marx beschäftigen sollte. Am Ende waren es dann drei Jahre, in die ich komplett in Marx’ Leben und Denken eingetaucht bin.

Als Analytiker des kapitalistischen Systems wird er nun auch von politischen Gegnern anerkannt. Trotzdem gibt es viele Vorurteile auszuräumen.
Vielleicht muss man da zwei Dinge klarstellen. Marx war nicht gegen Reichtum. Er war gegen Armut und Ausbeutung, aber er war kein – wie man heute sagen würde – Neiddebattenlinker, der den Reichen das Geld wegnehmen wollte. Er hat ein System kritisiert, das sowohl den Kapitalisten als auch den Arbeiter zu Marionetten degradiert. Er kann sich zwar schon empören und anprangern, dass die einen in Palästen sitzen und die anderen in Hütten. Marx war jedoch vor allem ein Philosoph der Freiheit. In seiner Kritik am Gothaer Programm der SPD sagt er ausdrücklich, dass die Gleichmacherei zu nichts führt. Manche können eben mehr leisten als andere. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen, heißt die berühmte Formel. Gleichwohl erlebe ich bei Lesungen Leute, denen schon der Name Marx die Nackenhaare aufstellt. Deshalb versuche ich, den Menschen Marx und sein Werk nach dem vielfältigen Missbrauch im 20. Jahrhundert wieder ins rechte Licht zu rücken. Und ihn auch – so ein Bonmot unter manchen Forschern – vor den Marxisten zu retten. Über die Richtigkeit von Marx’ Kernaussage, dass die Menschen ein System geschaffen haben, das sie selbst beherrscht und nicht mehr von ihnen beherrscht wird, brauchen wir doch gar nicht mehr zu streiten.

Warum traut sich kaum noch ein deutscher Politiker, den Namen Marx in den Mund zu nehmen?
Das hat meiner Meinung nach vor allem mit einer Sache zu tun: Marx analysiert nicht nur das System, den Kapitalismus, er stellt auch die Systemfrage und berührt vor allem das Tabu des Privateigentums. Damit meint er natürlich nicht jeglichen Besitz wie Handy, Auto oder das Häuschen, sondern dezidiert das Privateigentum an Produktionsmitteln. Von Marx stammt der Begriff des arbeitenden Geldes. Heute kennen wir das gut und müssen feststellen, dass arbeitendes Geld mehr Erträge als die Arbeit bringt, die den Wert nach Marx erst schafft. In den kommunistischen Staaten des 20. Jahrhunderts ist das Tabu mit Berufung auf Marx tatsächlich gebrochen worden, ohne allerdings einen Kommunismus zu schaffen, wie Marx ihn gutgeheißen hätte. Für ihn ist die Freiheit des Einzelnen die Voraussetzung für die Befreiung aller – nicht umgekehrt. Die Systemfrage im Marx’schen Sinne ist bis heute ein ganz wunder Punkt. Andererseits gibt es nun wieder mehr Stimmen, die fordern, Gemeinschaftseinrichtungen wie Stadtwerke oder Wasserwerke wieder in die Hände der Allgemeinheit zu geben, oder auch Krankenhäuser und das Bildungswesen nicht allein dem Marktdenken zu überlassen, das heißt profitorientierten Investoren. Da führen wir eine interessante Diskussion, bei der man – ich finde, ohne rot zu werden – auch wieder den Namen Marx erwähnen dürfte.

Die Verfechter des Privateigentums haben die Verstaatlichung von Schulden jedenfalls dankend angenommen.
Wenn man die Kapitalisten ernst nimmt, dann hätte man sie, etwa als Besitzer griechischer Staatsanleihen, im Regen stehenlassen müssen. Damals hat man die privaten Gläubiger herausgekauft, die nach dem Staat gerufen haben, obwohl sie sich mit ihren Risikopapieren jahrelang viel höhere Zinsen gesichert hatten. Darin sehe ich, offen gesagt, auch eine gewisse Verlogenheit und Heuchelei des Systems. „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn und er betet es an“, schreibt Marx. Er selbst blieb sein Leben lang von Geld beherrscht, besser gesagt: von Geldmangel. Er konnte über Geld nachdenken und schreiben, aber nicht mit Geld umgehen. Wenn man zusammenzählt, was Familie Marx zur Verfügung hatte, inklusive der Zuwendungen von Engels und mehrerer Erbschaften, dann wäre ein kleinbürgerliches Leben ohne Sorgen durchweg möglich gewesen. Aber beide, seine Frau Jenny und er, haben den Umgang mit Geld offenbar nicht gelernt. Wenn eine neue Erbschaft kam, haben sie das Vermögen in kurzer Zeit durchgebracht, neue Möbel gekauft, sogar für die Puppen der Kinder Kleider schneidern lassen – und dann mussten sie wieder zum Pfandleiher. Da fragt man sich schon, wie es denn Engels gegangen sein muss, der jahrzehntelang die Familie unterstützt hat.

Was hat sich Engels davon versprochen, Marx den Rücken freizuhalten?
Ehrlich gesagt: Wir würden heute nicht mehr über Friedrich Engels sprechen, wenn er sich auf den Deal nicht eingelassen hätte. Er war sich schon sehr früh bewusst, dass dies so eine Art Symbiose ist, wie wir sie aus der Biologie kennen: Jeder Teil profitiert. Engels hat einen aufopferungsvoll arbeitenden Wissenschaftler unterstützt, von dem er wusste, dass er an einer großen Theorie arbeitet. Ihr beider Werk ist so verschränkt, dass wir keine Marx-Ausgabe kennen, wie etwa das Gesamtwerk von Goethe, sondern zwangsläufig immer nur Marx/Engels. Diesen Platz in der Ewigkeit hat sich Engels, wenn man böse sein will, gleichsam erkauft.

Engels Beitrag geht weit über das Geld hinaus. Hat er nicht ebenso viel zur Gedankenwelt von Karl Marx beigetragen?
Ja und nein. Das ganze Frühwerk hindurch haben sie unglaublich eng zusammengearbeitet, manchmal selbst die gleichen Notizbücher genutzt. Aber dann geht Marx immer mehr seinen eigenen Weg. Schließlich hat er den Freund an der Ausarbeitung von „Das Kapital“, seines Hauptwerkes, praktisch nicht beteiligt. Als Engels das Manuskript zum ersten Mal in Händen hielt, war dies in Form von Druckfahnen, er konnte gar nicht mehr eingreifen. „Positiv unverständlich“, lautete sein erster Kommentar zur Einleitung. Und wenn selbst ein Marxist wie Fidel Castro später sagte, er habe von dem Buch nur die ersten 30 Seiten geschafft, dann spricht das für sich und gegen Marx. Er hätte womöglich gut daran getan, Engels auch weiter an seinem Werk zu beteiligen, denn der konnte zupackend und verständlich formulieren. Engels hat nach dessen Tod über Marx gesagt, dieser habe „tiefer und weiter geschaut als alle, er war das Genie, wir allenfalls Talente”. Das ist wahrscheinlich eine ziemlich zutreffende Beschreibung. Vermutlich die Hälfte der Briefe zwischen den Freunden sind von Marx’ Familie und auch von Engels vernichtet worden. Wir werden nie genau herausfinden können, wie das Verhältnis zwischen den beiden wirklich war. Es war sicher nicht nur Freundschaft, aber auch keine Konkurrenz, wo der eine dem anderen etwas neidet oder nicht gönnt.

Hätte der reanimierte Marx bei einem SED-Parteitag dem Politbüro die Leviten gelesen?
Nicht unwahrscheinlich. Ich habe zuhause die 46-bändige Ausgabe der Marx-Engels-Werke stehen, in der DDR publiziert und lange die Hauptquelle seiner Schriften. Die Reihe beginnt chronologisch richtig mit Marx’ Kritik an der preußischen Zensur und seinem ersten publizierten Aufsatz, eine glühende Verteidigung der Pressefreiheit. Ich habe mich gefragt, wie man das in den Kaderschulen der DDR wohl gelesen hat. Bei meinen Recherchen habe ich von DDR-Bürgern gehört: Hinter vorgehaltener Hand habe man darüber schon geredet, aber offen durfte man über ein Thema wie Pressefreiheit nicht sprechen.

Was hat Marx falsch gesehen?
Was er, glaube ich, vor allem unterschätzt hat, ist die Lernfähigkeit des Kapitalismus. Dass wir diesen heute noch in ziemlicher Blüte, wenn auch bedroht, erleben, hat damit zu tun, dass das System auf viele Kritikpunkte aus dem 19. Jahrhundert reagiert hat. Andererseits haben sich Marx’sche Aspekte wie die Verelendungstheorie einfach nur global verschoben. Die Arbeiter, die am meisten ausgebeutet werden, sind heute nicht in Westeuropa, sondern in der sogenannten Dritten Welt. Marx hat, und das zeichnet ihn aus, als Erster die globalen Auswirkungen der kapitalistischen Produktionsweise beschrieben. Das Kapital greift wie ein Krebsgeschwür immer weiter um sich, macht alles zur Ware, schließlich sogar unsere sozialen Verhältnisse. Ein nimmersatter Moloch, aber nicht, weil das Kapital an sich böse ist, sondern aus seiner inneren Logik. Das als Erster erkannt zu haben, ist Marx’ großes Verdienst.

War Marx, der Kritiker, besser als Marx, der Visionär einer neuen Gesellschaft?
Bei Marx fühlt man sich manchmal wie beim Homöopathen: Diagnose perfekt, Therapie Fehlanzeige. Marx sagt, das alte System müsse abgewirtschaftet haben, damit es ein neues geben kann. Aber wie das dann aussieht, müssen die Menschen entscheiden, wenn es so weit ist. Immerhin: Eine gemeinschaftlich geplante Wirtschaft kann man sich heute in Zeiten von Internet und globalen Datenströmen ungleich besser vorstellen als im 19. Jahrhundert. Aktuell sind es aber nicht Regierungen, sondern meist renditeorientierte US-Privatkonzerne, die immer genauer die Bedürfnisse vorhersehen und darauf reagieren können. Die brennende Frage nach dem Privateigentum bleibt. Heute würden wir sie vielleicht so stellen: Wie kann es sein, dass diese Firmen die ganzen Daten wie ihr Eigentum betrachten? Müssten sie nicht der Gemeinschaft gehören, aus der sie stammen? Da sind wir schnell wieder bei Marx. In China, das sich immer noch kommunistisch nennt und Marx verehrt, setzt sich der Staat jetzt an die Spitze der Bewegung – Kontrolle total, von der eine Stasi nur träumen konnte.

Welche Partei würde Marx heute wählen?
Eine schwierige Frage. Ob er überhaupt wählen würde? Er war gegen diese Art von repräsentativer Demokratie, er würde vielleicht eher – wie er es in der Schrift über die Pariser Kommune ausgeführt hat – für basisdemokratische Strukturen werben. Wir dürfen nicht vergessen, dass Marx als Politiker nicht sehr erfolgreich war. Wenn ich ihn mir heute vorstelle, sehe ich ihn eher als Wissenschaftler, der sein Programm vorantreibt. Das ist ja auch sein Auftrag an uns und kommende Generationen: Seht zu, dass ihr das System besser versteht und wieder die Herrschaft über das gewinnt, was euch beherrscht! Die noch nicht gelöste oder vielleicht nicht zu lösende Finanzkrise hat uns drastisch vor Augen geführt, dass wir kein taugliches Modell haben, um solche Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen oder zu verhindern. Und vielleicht sollten sie in der SPD noch mal nachlesen, was Marx tatsächlich gemeint hat, statt ihn auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen.

Jürgen Neffe stellt „Marx – Der Unvollendete“ (C. Bertelsmann, 656 S., 28 Euro) am 11. Januar um 20 Uhr im Literaturhaus vor

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null