Kampf um jeden Meter Grund Boom am Hauptbahnhof: 30 Millionen für den Verdi-Markt?

Verdi Supermarkt: seit Jahrzehnten eine Institution für die türkische Bevölkerung. Manche Kunden fuhren früher bis zu 100 Kilometer hierher. Foto: Daniel von Loeper

Um das Bahnhofsviertel wird gefeilscht – werden es die letzten Jahre türkischer Prägung? Es sind unfassbare Summen im Spiel.

 

München - Wer heute durch das südliche Bahnhofsviertel schlendert, erlebt hautnah, wie sich die Gegend täglich ändert.

Hauptgrund ist die Baustelle am Hauptbahnhof. Wie eine offene Wunde klafft hier die Lücke der herausgerissenen Schalterhalle und des Schwammerls. Dahinter staubt und scheppert es. Die Bagger buddeln im Akkord.

In etwa zehn Jahren soll der neue Hauptbahnhof samt Zweiter Stammstrecke fertig sein. Wie ein Glaspalast soll er dann aussehen, schick und modern. Und hört man sich um, wird das gravierende Veränderung ausstrahlen, Richtung Süden, dort, wo das Münchner "Klein-Istanbul" an der Kreuzung Landwehr-, Ecke Goethestraße seit etwa sechs Jahrzehnten das Stadtbild prägt.

Verdi-Supermarkt: Gebote im achtstelligen Bereich

Offenbar lauern Investoren nur darauf, dass die Eigentümer in der Gegend Verkaufsinteresse zeigen, wie der Fall des Supermarkts und Hotels Verdi zeigt. Eine englische Hotelkette versuchte offenbar erst vor etwa einem Jahr, Verdi-Inhaber Nihat Yilmaz (49) vom Verkauf zu überzeugen – mit viel Geld.

Spricht man mit Yilmaz (49), merkt man schnell, dass das türkisch geprägte Viertel vielleicht sein letztes Jahrzehnt erlebt, getreu dem Motto: "Alles hat seinen Preis" – vor allem Immobilien. Auf etwa 1.400 Quadratmetern steht der Verdi-Markt von Yilmaz, samt Verdi-Hotel. Wir treffen uns im Innenhof des Geländes. Yilmaz, ein äußerst höflicher Mann, ist wie immer gegen vier Uhr morgens aufgestanden, hat müde Augen und wenig Zeit. Er möchte lieber nicht fotografiert werden.

Yilmaz erzählt, dass nicht viel gefehlt hätte. Beinahe hätte er sich nach 25 Jahren aus dem Bahnhofsviertel zurückgezogen. "In den letzten zwei Jahren bekam ich regelmäßig Angebote, manchmal fast wöchentlich", sagt Yilmaz. Die genaue Summe möchte er nicht nennen. Aber er könne bestätigen: "Es ging um achtstellige Beträge", sprich: zehn Millionen Euro und mehr. Das würde auch mit dem aktuellen Bericht des Immobilienverbandes IVD Süd zusammenpassen. Darin sind die Quadratmeterpreise für Wohneigentum in der Ludwigsvorstadt aufgeführt, mit durchschnittlich 13.700 Euro.

Noch lehnt Verdi-Inhaber Yilmaz Millionen-Angebote ab

Doch wer sich auf der Goethe- und Landwehrstraße umhört, findet heraus, dass das Angebot deutlich höher gewesen sein soll als zehn Millionen Euro. Im Viertel ist offensichtlich eine Preisspirale losgetreten worden. Von mehr als 30 Millionen Euro ist die Rede, was einem Quadratmeterpreis bis zu 25.000 Euro entspräche. Yilmaz lehnte aber ab und möchte nun selbst sein Hotel erweitern, dort, wo jahrelang die Münchner Volkshochschule einen Ableger hatte, direkt über dem Verdi-Markt. Fragt sich nur, wie lange er solch schwindelerregenden Preisen widerstehen kann, zumal andauernd von einer Immobilienblase die Rede ist.

Seit 25 Jahren betreibt die Familie Yilmaz das Geschäft. Kaum einer kennt das Viertel so gut wie Nihat Yilmaz. "Es heißt immer, das sei hier Klein-Istanbul", sagt er, "aber eigentlich müsste es mittlerweile Klein-Bagdad heißen." Das Viertel sei schon lange eher von der arabischen Kultur geprägt, was hauptsächlich am Medizintourismus schwerreicher Familien aus arabischen Ländern liege, die sich an der Landwehrstraße Immobilien kaufen.

Verdi? "Die Marke kennt jeder"

Yilmaz vermisst die türkischen Zeiten. Deshalb täte es ihm auch nicht weh, sagt er, wenn jemand einen angemessenen Preis zahlen würde. Aber: "Sehen Sie, das ist ein echter Familienbetrieb", sagt Yilmaz, "wer Verdi kaufen möchte, muss nicht nur mich ausbezahlen, sondern auch meine Verwandtschaft. Die hätten ja dann alle keinen Job mehr." Was er selbst mit dem vielen Geld machen würde? "Dort, wo Münchner mit türkischen Wurzeln leben, würde ich wieder einen Verdi eröffnen", sagt Yilmaz, "am Hasenbergl oder in Neuperlach zum Beispiel. Die Marke kennt jeder. Früher fuhren manche Leute mehr als 100 Kilometer, um hier einzukaufen."

Eine sechsstöckige Hotelburg anstelle des Verdi-Supermarktes wäre ein gravierender Einschnitt im Viertel. Der Verdi-Markt ist seit Jahrzehnten ein multikulturelles Gravitationszentrum des Stadtteils, hier an der Landwehrstraße 41.

Wer genau hinhört, der merkt, dass ein internationales Publikum hier Äpfel, Sellerie, Paprika oder Tomaten kauft. Es wird arabisch, deutsch, spanisch, türkisch, englisch oder auch russisch gesprochen. Yilmaz sorgt mit seinem Familienbetrieb dafür, dass die Gegend so vielen Menschen gefällt, wegen der Mischung. Ein weiteres Hotel im Bahnhofsviertel – es wäre wohl nicht das letzte – würde diesen traditionsreichen Mix weiter verändern.

Der Anwalt Serdal Altuntas (44) ist einer der Münchner, der wegen dieser Vielfalt das Viertel liebt. Er arbeitet und lebt hier. "Das können nicht viele von sich behaupten", sagt Altuntas. Das große Feilschen um die Gegend bekommt er hautnah mit. "Die Krokodile lauern schon im Wasser", sagt er und meint damit die Investoren, "sie warten auf die durstige Gazelle. Dann werden sie zuschnappen."

"Vergessen Sie die Brienner Straße. Hier ist das große Geld"

Man könnte sagen, Altuntas vergleicht die Immobiliensituation im Viertel mit dem Darwinismus der Natur: Der Stärkere frisst den Schwächeren. Oder anders gesagt: Der Macht des Geldes erliegt irgendwann jeder.

Es sind enorme Gewinne, die man derzeit im Viertel abgreifen kann. Monatlich steigen die Preise. Altuntas nennt ein Beispiel. "Sehen Sie mal. Das Projekt ,Das Goethe’ hier gegenüber", Altuntas zeigt aus dem Fenster seiner Kanzlei auf den Rohbau, "den Baugrund hat der Voreigentümer 2002 für neun Millionen Euro gekauft. Verkauft wurde er für 30 Millionen Euro." Nun wird hier ein Luxus-Resort gebaut. Der Investor wirbt im Internet mit "Wohnen im pulsierenden Herz von München", und: "Stadt-Wohnen, Loft-Leben". Das klingt nicht nach Sozialwohnung.

Die Interessenten überbieten sich derzeit gegenseitig. "Durch das billige Geld spinnen alle. Vergessen Sie die Brienner Straße", sagt C, "hier im Viertel ist das große Geld." Monatlich bekommt der Anwalt Anfragen von neuen Klienten: "Kann ich am Hauptbahnhof etwas kaufen?", wollen sie alle wissen, "um ihr Geld zu sichern", so Altuntas.

Er glaubt, dass sich das Gesicht des Viertels durch die vielen Investoren in den nächsten Jahren stark verändern wird, sieht darin aber eine natürliche Entwicklung: "Rotlichtviertel, Computerviertel, ganz früher Kaufleute und jetzt eben die Ära der Hotels ... Die Gegend war schon immer einer Metamorphose unterworfen." Auch er selbst könnte beruflich und privat von den Veränderungen im Viertel betroffen sein und muss vielleicht irgendwann wegziehen. "Ich sehe das als Chance. Wandel ist für mich etwas Positives", so Altuntas.

Viele Gebäude erreichen das Ende ihrer Lebensdauer

Andreas Klose (53), Vorsitzender des Bezirksausschusses (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, würde die Vielfalt des Viertels hingegen sehr vermissen. "Das südliche Bahnhofsviertel ist ein sogenanntes Kerngebiet", erklärt Klose, "das Gewerbe herrscht also vor." Der Anteil der Wohnfläche betrage etwa 20 Prozent. Im BA und im Stadtrat sei das schon lange ein Thema. Klose hofft, dass sich das bald auf politischem Wege ändern könnte und der Anteil des Wohnanteils wieder ansteigt.

Klose hat eine weitere Erklärung, weshalb der Investorendruck gerade hier so groß ist. "Die meisten Gebäude stammen aus den 50ern und 60ern. Das heißt, sie erreichen so langsam das Ende ihrer Lebensdauer." Das mache die Häuser und deren Grund derzeit besonders attraktiv als Geldanlage. So wie der Verdi-Markt.

Lesen Sie auch: Das ist Münchens (Ersatz-)Christbaum

 

9 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading