Kampagne "Runter vom Gas" Unfälle: Einer muss sterben, 113 leiden

Ein fataler Unfall im März: Eine Fahranfängerin war zu schnell unterwegs – eine Mutter und zwei Kleinkinder werden bei dem Umfall schwer verletzt. Foto: Gaulke

Vermeidbare Unfälle: Das Verkehrministerium will mit einer neuen Kampagne Raser, Smartphone-Tipper und Drängler aufrütteln.

 

München - Auf einem Parkplatz an der Schwarzwaldhochstraße sitzt eine Familie und isst ihre Brotzeit. Plötzlich kommt ein Auto rasen schnell auf sie zu. Die Familie sieht im nächsten Moment, wie der Wagen in eine Baumgruppe prallt und in Flammen aufgeht. Sie schaffen es nicht mehr, die Insassen zu retten und werden Zeugen, wie Katharina Körner an diesem Tag ihren Bruder, ihren Mann und ihren Sohn verliert.

Der Fahrer des Wagens war mit 150 statt der erlaubten 70 km/h unterwegs. Den Übermut bezahlen drei Menschen mit ihrem Leben, die rastende Familie mit einem bleibenden Trauma und Katharina Körner mit Jahren voll Schmerz und Trauer.

Am Dienstag steht sie in der Luftrettungsstation am Klinikum Großhadern. Im Schnitt drei bis vier Mal am Tag steigt der Rettungshubschrauber Christoph München von hier aus in die Luft. An diesem Tag spricht Katharina Körner über den Unfall, Anlass ist eine Pressekonferenz.

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Verkehr, Dorothee Bär (CSU), stellt die neuen Plakate der Kampagne "Runter vom Gas" vor.

"Runter vom Gas", "Abstand halten" und "Finger weg vom Handy" steht auf den riesigen Plakaten, die in Nahaufnahme weinende Menschen zeigen und bald an den Autobahnen der Bundesrepublik stehen sollen. Autobahnen, die in der ganzen Welt vor allem dafür bekannt sind, dass man hier so schön schnell fahren darf.

"Da geht es gar nicht nur um den notorischen Raser – wir fahren alle mal zu schnell, daran haben wir uns irgendwie gewöhnt", mahnt Ute Hammer, Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Dabei kann es so tragisch enden. Im Rahmen der Kampagne werden erstmals Zahlen dazu präsentiert, wie viele Menschen unmittelbar durch den Tod eines Unfallopfers betroffen sind.

"Die Toten stehen nicht nur für sich – denn was ist mit denen, die zurückbleiben", sagt Dorothee Bär, die selbst zu Schulzeiten eine Freundin verlor, als ein Fahrer von einer SMS abgelenkt war und es zum Unfall kam.

Im Schnitt elf Angehörige, vier Enge und 56 weitere Freunde und Bekannte, 42 Einsatzkräfte – 113 Menschen haben mit den Folgen zu leben, wenn ein Mensch im Verkehr zu Tode kommt. Hinzu kommen die Familien der Rettungskräfte und all jene, die eine solche Tragödie zufällig mitansehen – wie die um Katharina Körners Familie.

Einsatzzahlen steigen

Darauf sollen die Plakate nun aufmerksam machen. Zusätzlich sind auf der Internetseite der Kampagne Videos zu sehen, in denen Betroffene darüber sprechen, welche Folgen ein Unfalltod für sie hatte. Neben mehreren Angehörigen ist unter ihnen auch Polizist Thomas H. – nachdem ein 24-Jähriger ungebremst in einen 40-Tonner gekracht war, fand er zwischen dessen Beinen das Handy. "Hallo" hatte er in eine SMS getippt, wenige Sekunden später passierte der Unfall.

Die Plakate werden für Diskussionsstoff sorgen, weiß Bär. Seit zehn Jahren begleitet sie die Kampagnen für Verkehrssicherheit. "Wir wollen die Leute nicht mit langen Texten zusätzlich ablenken", sagt sie.

Während der Pressekonferenz wird die Moderatorin plötzlich vom Lärm der Rotorblätter übertönt, auf dem Landeplatz setzt Christoph München auf. Diesmal ist es kein Unfallopfer, ein Patient wird verlegt. Denn natürlich führen nicht alle Einsätze zu Auto- oder Motorradunfällen.

Jedoch: "Mit den ersten schönen Wochenenden und den langen Tagen im Sommer steigen für gewöhnlich auch unsere Einsatzzahlen", sagt Notarzt Dr. Dietmar Gehr. An schlimmen Tagen muss der Christoph München zehn bis zwölf Mal ausrücken. Mit den Plakaten soll das künftig seltener geschehen.

Stadt führt Tempo-Displays ein

Nicht nur Plakate sollen Autofahrer vom Rasen abhalten, in München werden zu diesem Zweck nun auch blinkende Geschwindigkeitsanzeigen aufgestellt. Fünf Stück dieser sogenannten Dialog-Displays hat der Stadtrat gestern beschlossen.

Diese sollen in sensiblen Verkehrsbereichen aufgestellt werden, in der Nähe von Schulen, Kindergärten und Kitas. In einigen Umlandgemeinden wird schon lange mit den digitalen Tempo-Anzeigen gearbeitet. Vom kommenden Jahr soll nun auch in München getestet werden, ob die Displays mäßigend auf den Gasfuß einwirken. Falls ja, sollen weitere angeschafft werden.

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