Kabarett Künstlerisch parasitär

Erleuchtung, ja, zumindest mit der Neonröhre. Aber den Papst? Kann Sigi Zimmerschied leider nicht spielen. Sieht man doch, dafür sei er nicht Krischperl genug, sagt er. Foto: Lach & Schieß

Sein neues Programm hat heute Premiere in der Lach & Schieß: Sigi Zimmerschied über den Papst, pastorale Größe und Passau

Der Kabarettist ist schon auch so ein Parasit, der seine Umgebung ungefragt aussaugt. Aber, meint Sigi Zimmerschied, er verwandle eben auch das angezapfte Material, sei dadurch ein „künstlerisch wertvoller Parasit“. In seinem neuen Bühnenprogramm stellt er nun, ganz künstlerisch wertvoll, einen Schmarotzer der übleren Sorte auf die Bühne: „Multiple Lois – Einwürfe eines Parasiten“ hat heute in der Lach & Schieß Premiere, zudem erscheint die erste Satiren-Sammlung des Passauers unter dem Titel „Die Stachelbeersträucher von Saigon“ (LangenMüller Verlag).

 

Herr Zimmerschied, wie groß war Ihr Schock, als der Papst zurückgetreten ist?
SIGI ZIMMERSCHIED: Der war sehr gering. Mich hat eher überrascht, dass das ein Schritt ist, der in der Kirchengeschichte nicht so häufig vorkommt. Dass der Ratzinger jemand ist, der sein Amt nicht jenseits der Schmerzgrenze ausüben will, das hat mich wiederum nicht verwundert. Ich glaube, er ist ein sehr bewusst kalkulierender, seine Kräfte richtig einschätzender Mensch.

Ist sein Rücktritt Stoff für Ihr Kabarett?
Nein, das kommt vielleicht als Funke hinein, aber das ist seit zwanzig Jahren vorbei bei mir, dass ich programmfüllend den Klerikalismus behandle. Dazu ist das neue Programm wie alle Vorläufer der letzten Jahre einfach zu geschlossen.

Ist Religion dann kein Thema mehr für Sie?
Religion schon. Religion spielt auch im Programm eine Rolle, aber nicht nur die katholische Kirche, sondern überhaupt Religion als Verdrängungsmodell, als Hilfestellung für all jene, die einfach nicht mit der Heillosigkeit dieser Welt fertig werden und sich in kleine Gedankengebäude flüchten.

Die Wut auf solche Modelle scheint ein essenzieller Antrieb in Ihren Programmen zu sein.
Wut ist sicherlich ein Element. Das Hauptelement ist allerdings das Nicht-Kompatibel-Sein mit den gesellschaftlichen Abläufen. Dass man immer wieder damit kollidiert. Es ist eine transformierte Wut, die auf der Bühne im Glücksfall zum Vergnügen wird.

Was war nun der Antrieb für Ihr neues Programm?
Da gibt es zwei Antriebe. Einerseits habe ich immer unter diesem Typus des kaum greifbaren, schwammigen Opportunisten mehr gelitten als unter jedem konkreten Feindbild. Diese Menschen, die alle möglichen Identitäten annehmen können, die nirgends anecken, die nirgends groß aufscheinen. Andererseits hat ein Bekannter von mir, der ein großer Qualtinger-Fan ist, zu mir gemeint, dass es doch schade ist, dass der Herr Karl in den 60er Jahren aufhört; ob man nicht eine Figur entwickeln könnte, die mit einer ähnlichen Opportunisten-Mentalität die Jahre bis jetzt fertig erzählt. Ich möchte jetzt um Gottes Willen nicht Qualtinger kopieren, das geht sowieso nicht. Aber ich wollte eine Figur mit einer ähnlichen Haltung entwickeln, die auch mit diesem gefährlichen Parlando durch die Jahrzehnte geht, mit einer Geschmeidigkeit, dass es einen gruselt.

Was macht Ihr titelgebender Lois eigentlich?
Der hat einmal ein Haus geerbt, weil sein Vater eine Treppe heruntergefallen ist, und das Haus hat er vermietet, jenseits jeglicher Moral, einfach an den meist bietenden Mieter. Das Wesentliche an ihm ist dabei das Parasitäre. Gott sei Dank ist in den Achtzigern das Multiple aufgekommen, das heißt, man ist mehrere. Und keiner haftet für den anderen. Ein super Modell.

Ist das Kabarett in bayerischer oder österreichischer Tradition, was Sie da machen?
Man würde das aus dem Bauch heraus eher dem österreichischen zuordnen. Aber das ist zu kurz gedacht. Im Österreichischen hat sich das monologisierende Ungeheuer einfach viel länger gehalten. Bei uns ist leider durch den Einfluss des Fernsehens irgendwann diese Tradition des literarischen Kabaretts abgerissen. Aber es gibt bei uns große Monologe, zum Beispiel „Der Öd“ vom Uwe Dick.

Es gibt also neben der Lust an der Wut auch die Lust am Bösen. Ist Kabarett eine Art Exorzismus?
Nein. Der Exorzist ist ja ein Verblendeter, ein Fanatiker, ein Dummkopf. Wir kitzeln das Teuferl heraus und freuen uns, wenn es mal kurz über dem Körper schwebt, damit es jeder sehen kann. Dann soll es aber auch wieder hinein. Sonst haben wir ja nichts mehr zu tun.

In Ihrer Satirensammlung führen Sie im Kapitel „Das Geschöpf“ Ihr Kabarettisten-Dasein auf Ihre Heimatstadt Passau zurück, eine Umgebung, wo Widerstand unumgänglich war.
Gott hat sich das so überlegt, in dieser Geschichte. Ich nicht.

Aber es ist was dran.
Es ist was dran. Aber ich bin überzeugt, wenn ich in Hamburg aufgewachsen wäre, dann hätte mich diese Allianz aus Hanse und SPD und evangelischer Religion zum Wahnsinn getrieben. Wichtig ist für einen Kabarettisten, dass er grundsätzlich nicht kompatibel ist. Wobei Passau schon ideal erscheint. Wenn man dort bleibt, hat man drei Möglichkeiten: Entweder passt du dich an, hängst dich auf oder gehst auf die Bühne.

Ist Passau ein Ort, wo man einmal im Leben gewesen sein muss?
Ja. Weil es schon faszinierend ist, wenn so viel Banales und Erschreckendes in so einer wunderbaren Umgebung passiert. Das ist wie ein Werner-Schwab-Text in einem Zeffirelli-Bühnenbild.

Neben Ihren Bühnenauftritten sieht man Sie öfters im Film. Besonders einprägsam war der Pfarrer, den Sie in „Eine ganz heiße Nummer“ gespielt haben.
Diese Rolle hat mich schon gereizt, weil die Figur ambivalent war. Sie hat diese vergangenheitsbehaftete Moralität, aber auch eine pastorale Größe, wie man sie oft bei Pfarrern erleben kann. Wenn es um die Gemeinde und die Leute geht, dann haben sie ganz positive Seiten. So eine spannende klerikale Figur würde ich auch gerne wieder spielen.

Wie wär’s mit dem Papst?
Da habe ich nicht die Figur dafür, den müsste ein Krischperl spielen. Der Bruno vielleicht. Ich nicht.

 

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