Interview mit Roger Federer „Früher war ich schon ein Flegel“

Vor zehn Jahren gewann Roger Federer erstmals Wimbledon. Der Schweizer verrät, wie er sich seither verändert hat, was ihn heute noch antreibt – und warum seine Karriere so holprig begonnen hatte.

 

AZ: Herr Federer, das größte Turnier des Jahres beginnt. Ihr erster Wimbledonsieg jährt sich zum zehnten Mal.

ROGER FEDERER: Es ist schon ein bisschen verrückt. Ich fühle mich nicht so alt wie ich bin. Der Frühling 2003 war eine entscheidende Zeit für meine Karriere, der Sieg im deutschen Halle, danach der Sieg in Wimbledon. Das waren große Momente.

Vorher gab es massive Zweifel an Ihnen. Nach dem Erstrunden-Aus bei den French Open 2003 war die Rede vom schlampigen Genie, das seine Chancen verschleudere.

Ich bin damals mit einem gewaltigen Druck in die Rasenwochen gegangen. Ich habe auch von mir selbst verlangt, in Wimbledon das Viertelfinale zu erreichen. Dann wurde daraus das Märchen des Wimbledon-Erfolgs, das Märchen meiner Karriere.

Warum hatten Sie anfangs so große Probleme?

In der Szene wussten viele, dass ich ein gewisses Talent besitze. Das schuf Druck, produzierte massives Anspruchsdenken. Ich brauchte meine Zeit.

In jüngeren Jahren waren Sie bekannt für Ihre wilden Temperamentsausbrüche.

Man kann schon sagen, dass ich da ein Flegel war. Ich zertrümmerte meine Schläger nicht unbedingt, warf sie aber vor Wut auf dem Platz herum. Ich konnte nicht besonders gut mit Niederlagen umgehen, oft habe ich nach einem Turnierausscheiden heulen müssen. Auch mit den Schiedsrichtern habe ich mich gerne mal angelegt. Irgendwann habe ich mir gesagt: Du kannst zwar nicht alles gewinnen, du musst aber wenigstens alles versuchen und ruhig bleiben. Das habe ich dann auch eisern umgesetzt. Und dieses Prinzip gilt auch heute: Wenn ich weiß, dass ich alles gegeben habe, machen mir Niederlagen keine Mühe. Ich hatte nie keine Lust, Tennis zu spielen. Tennis ist für mich immer wieder dieses wunderbare Spiel, das ich so schlicht genieße wie ein Kind. Ein Job war das alles nie für mich, es war ein gelebter Traum.

Sie haben allerdings auch ein privilegiertes Leben geführt.

Aber diese Erfolge hat mir niemand auf einem Silbertablett serviert. Ich musste hart dafür kämpfen, dass ich mein Talent auch in Siege umwandeln konnte. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: Ich hatte keinen einzigen Tag in meinem Tennis-Leben, an dem ich keine Lust aufs Training oder ein Match gehabt hätte.

Macht Ihnen das Leben aus dem Koffer noch Spaß?

Ich bin immer noch neugierig auf die Menschen und die Städte, in die ich reise. Wir Spieler haben sowieso alle dieses Abenteurer-Gen im Blut.

Wären Sie ohne Ihre Familie überhaupt noch auf der Tour unterwegs?

Vermutlich nicht. Ich hatte immer diesen Wunsch, dass wir als Familie noch einige große Erfolge gemeinsam erleben können. Deshalb war Wimbledon 2012 auch etwas so Großes – mit der ganzen Familie, die das zusammen erlebt hat.

Das letzte Jahr war ein ganz besonderes Jahr – mit der Rückkehr auf Platz 1 und dem Wimbledonsieg. Wenige haben Ihnen das zugetraut.

Ich lebe seit Jahren damit, dass mich Leute im Tennisbetrieb abschreiben und die Prognose stellen: Der Federer hat seine beste Zeit hinter sich. [/INTERV-TEXT][INTERV_FRAGE]

Trauern Sie noch dem verpassten Gold in London nach?

Direkt nach dem verlorenen Finale gegen Murray war ich unglaublich enttäuscht. Denn ich wusste: In Wimbledon Olympia zu spielen und die Chance auf Gold zu haben, das wird es nie mehr geben. Dann passierte etwas Seltsames: In den Raum, in dem ich saß und auf die Siegerehrung wartete, kam jemand rein und wollte mir die Zeremonie erklären. Den habe ich dann nach draußen gebeten, ich wollte meine Ruhe und noch mal fünf Minuten Zeit zum Nachdenken haben. In diesen fünf einsamen Minuten habe ich mich dann gefragt, ob ich nun wirklich enttäuscht oder doch stolz über diese Medaille sein sollte. Ich sagte mir dann: Du magst bedrückt sein, aber du willst das auf keinen Fall mit dem Rest der Welt teilen. Diese Bilder eines enttäuschten Federer soll es nicht geben. So bin ich dann rausgegangen und habe mich total über Silber freuen können, für mich und die Schweiz, denn es war ja die erste Medaille für mein Heimatland.

Sie spielen in dieser Saison weniger Turniere, lassen auch den Davis Cup aus.

2012 war ein wirklich hartes Jahr für alle auf der Tour. Ich hatte kaum Zeit, ordentlich zu trainieren. Es gab praktisch keine Pause. Deshalb hole ich jetzt Training nach und arbeite auch schon vor, um 2014 wieder ein größeres Pensum spielen zu können. Ich muss mir meine Kräfte genau einteilen, das ist das wirkliche Geheimnis des Erfolgs.

Stand jetzt: Haben Sie eine Idee, wie und wo Ihre Karriere ausklingen könnte?

Das Jahr 2016 habe ich oft genannt, als mir die Frage nach dem Aufhören gestellt wurde – teils aus Schutz, teils auch mit einem realistischen Hintergrund. Ich habe Olympiagold im Einzel noch als Ziel vor Augen, deshalb schließe ich ein Ende in Rio nicht aus.

 

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