Interview mit Mehmet Scholl Miss Milla - kraftvoll und viel Moll

Der ehemalige Fußballer Mehmet Scholl ist ein großer von Fan Indie-Rock. 2011 gründete er zusammen mit Till Hofmann und Gerd Baumann das Musik-Label Millaphon. Foto: Gunnar Jans

Mehmet Scholl hat unter dem Titel „Miss Milla“ sein viertes Album aus seinen Lieblingsbands zusammengestellt - den musikalischen Geschmack der Nationalelf trifft er wohl nicht

 

"Miss Milla“ heißt die vierte CD, die der frühere FC Bayern-Profi Mehmet Scholl kompiliert hat, sie erscheint am nächsten Freitag bei Millaphon Records, dem Label von Scholl, Lustspielhaus-Chef Till Hofmann und Filmmusiker Gerd Baumann. Scholl, bei der kommenden WM für die ARD im Einsatz, hat für den Sampler Indie Rock-Größen wie Noah and the Whale, Geheimtipps wie Pepper Rabbit, seine Lieblingsband The Hidden Cameras und seine Spezl von den Sportfreunden Stiller zusammengebracht. Ein Gespräch über Musik – und Fußball.

AZ: Herr Scholl, angenommen, Sie würden „Miss Milla“ jedem Nationalspieler für die Reise zur Weltmeisterschaft nach Brasilien ins Gepäck legen – wer von Jogis Stars würde es denn wirklich anhören?

MEHMET SCHOLL: Naja, so richtig Fußballerkompatibel ist das ja nicht, was ich höre. Für die meisten wäre es nix. Der Basti Schweinsteiger würde vielleicht mal länger reinhören.

Und wenn er Ihre CD im Bus einlegen würde, auf der Fahrt zum ersten WM-Spiel?

Dann wäre nach dem dritten Lied wohl Schluss.

Was muss ein Song können, um von Mehmet Scholl kompiliert zu werden?

Ich beschreibe meinen Stil gern so: Nimmt man den Baum der Musik und biegt beim Ast von Coldplay ab, also diesen Ast, der am Mainstream dransitzt, und geht dann den Indie-Ast immer weiter entlang, dann trifft man auf richtig gute Musik.

Die wie klingt?

Inzwischen etwas ruhiger, aber nach hinten raus immer mit voller Kraft. Lieder, die nach drei, vier Minuten nochmal richtig explodieren. Ich gehe ja meistens mit einem Lachen durchs Leben – aber ich mag diese heftigen, kraftvollen, leidenden Songs. Sehr viel in Moll.

War es schwierig, diese Indie-Bands für einen Sampler zu bekommen?

Überraschenderweise gar nicht. Wir haben die Bands angeschrieben mit der Liste, die wir gerne dabei hätten. Wir haben also etwa Phosphorocent gefragt, wollt ihr in Gesellschaft von The War on Drugs und Noah and the Whale auf einer CD sein. Alle Bands, die ich top finde und live gesehen habe, haben wir bekommen.

Es gab keine Absagen?

Früher mal, von Arcade Fire, die haben gesagt: Ne, Compilations langweilen uns. Und mit Mehmet Scholl können wir nix mit angefangen.

Eine Frechheit, oder?

Ach was, das sind ja Kanadier. Die haben mit Fußball nix zu tun. Der Großteil der Bands kennt mich nicht, vielleicht haben sie mich mal gegoogelt.

Hier ist das anders, da kennen die meisten den Fußballer Mehmet Scholl, aber wer weiß schon um Ihre Musik-Liebhaberei?

Ja, viele wundern sich. Es passiert mir häufiger, dass Leute bei mir zu Besuch sind, die sagen dann: Hm, das ist aber schöne Musik, warum hört man sowas nicht im Radio?

Warum nicht?

Weil das Radio nicht mutig genug ist. Und außerdem glaube ich, dass es Absprachen gibt, dass sie lieber zum hunderttausendsten Mal Lady Gaga oder Kate Perry spielen. Ich glaube, dass die Masse doof gehalten wird, absichtlich. Ich kompiliere die Musik für eine kleine Randgruppe. Das ist kein Mainstream – das ist einfach Musik, die mir Kraft gibt.

Wollen Sie damit Geld verdienen?

Null. Da geht’s um Idealismus. Auch bei unserem Label, wir haben ja alle andere Jobs. Bei Millaphon geht’s um Idealismus. Wir wollen Musiker fördern. So ist es auch mit dieser Compilation. Ich sage, verdammt nochmal: Es gibt so viele so gute Bands, ihr müsst sie nur finden. Auch live, Schaut sie euch an! Geht zu den Konzerten!

Sie haben auch eine eigene Radiosendung, mit Achim Sechzig Bogdahn bei Bayern 2, „Mehmets Schollplatten“.

Deswegen muss ich mich ja auch dauernd weiterbilden. Das Schöne am Radio ist: Du kannst bei den Menschen Bilder im Kopf projizieren, gerade bei unserer Sendung.

Die Sie in wechselnden Locations aufzeichnen.

Wir haben schon aus einem Bergwerk gesendet, im Olympiastadion, auf einer Bahnhofstoilette in Iserlohn, aus einer Almhütte, in der Sauna. Jetzt gehen wir in den Zoo. Und zur WM kommt der Achim nach Brasilien und wir senden von der Dachterrasse unseres TV-Studios.

Von der auch Oliver Kahn, Ihr einstiger Kollege beim FC Bayern, fürs ZDF kommentiert. Den könnten Sie ja gleich verhaften für Ihre Sendung – obwohl, er steht auf Schlager. Nicht, dass er sich dann Helene Fischer wünscht.

Ich würde mich freuen, wenn er mal rüberkommt. Er kann mitbringen, wen und was er will. Und wenn’s Van Halen ist – auch okay.

 

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