Interview mit Holger Stromberg "Diäten führen zu nichts!"

Holger Stromberg fütter Bayern-Star Thomas Müller bei einem Sponsorentermin. Foto: dpa

Holger Stromberg ist Koch der Nationalmannschaft und macht die DFB-Stars mit dem richtigen Essen fit. Hier spricht er über Croissants von der Tanke, Ernährungs-Lügen und seinen Traum vom Rind

 

AZ: Herr Stromberg, Sie betreuen als Koch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft: Wie hat sich das Ernährungsbewusstsein im Sport entwickelt?


HOLGER STROMBERG: Die Ernährung ist der Energielieferant für den Sport – ein riesengroßer Faktor. Viele Vereine haben sich jetzt Köche geholt, aber das ist erst in den letzten drei, vier Jahren entscheidend besser geworden und wird sich noch wesentlich weiterentwickeln. Ich habe vor einigen Jahren einen Bundesligaverein besucht und den Fitnesstrainer gefragt: Was essen die Spieler so in der Früh? Und er hat geantwortet: Ich bin froh, wenn die an der Tankstelle einen Cappuccino und ein Croissant holen – weil dann haben sie überhaupt was gegessen. Aber das hat sich gewandelt. Die Spieler kümmern sich darum, strategisch und gut zu essen.


In Ihrem jüngst erschienenen Buch kommen unter anderem Manuel Neuer und Thomas Müller zu Wort – abgesehen von den Fußballern: Was unterscheidet es von den anderen Ernährungsratgebern?


Ich habe jetzt 15 Jahre Koch-Hype hinter mir. Mir war wichtig, inhaltlich bei A anzufangen. Und nicht bei Z. Ein bisschen kochen, vier, fünf Zutaten besorgen. Das Buch soll nicht verwirren, aber im Dschungel der Ernährungs-Anleitungen eine Hilfe sein.


In der Branche wird viel Geld mit kurzfristigen Konzepten und Diäten verdient.


Das sehe ich sehr kritisch. Natürlich kann man mit Diäten seit Jahrzehnten Geld verdienen. Heute wissen wir: Diäten führen zu nichts. Wir müssen Wissen schaffen und verstehen: Es gibt kein Universalrezept für alle Menschen. Wir sind genetisch ganz unterschiedlich codiert und haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse: Der eine arbeitet mit dem Hirn, der andere mit dem Hintern. Das ist ein Puzzle, das sich jeder selbst zusammenfügen muss. Und jeder, der ein fertiges Puzzle als Lösung anbietet, lügt.


Welche Rolle spielt Bewegung?


Bewegung ist wichtig – aber noch wichtiger ist: Sie muss Spaß machen. Jeden Tag mit dem Rad in die Arbeit fahren, spazieren gehen, Fitnessstudio. Jeder muss das für sich finden, was er gerne macht.


Ein trainierter Körper ist ein Statussymbol.


Wenn irgendwelche prominenten Gesichter mit ihren Sixpacks daherkommen und sagen: Das schafft ihr in 14 Tagen: Lüge, Lüge, nochmals Lüge! Es gibt Menschen, die können ihr Snickers mit Cola runterspülen und die verbrennen das locker.


Konsens ist allerdings das Problem Zucker.


Zucker ist der günstigste Werkstoff – und ich sage bewusst Werkstoff – der derzeit auf dem Markt ist. Aber wir brauchen ihn keinesfalls in den Mengen, in denen er fast überall enthalten ist.


Also – in alle Kürze – was muss ich als Sportler grundlegend wissen und machen?


Erst einmal: Die Grundbausteine der Ernährung kennenlernen – Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett, Vitamine, Mineralstoffe, dazu etwas lesen. Dann: Sich selbst analysieren: Ein Ernährungstagebuch führen, dazu: Wann stehe ich auf, wann gehe ich schlafen, wann kaufe ich ein – eine ehrliche Selbstanalyse. Dann: Auf sich hören, auf die Instinkte. Was tut mir gut, was nicht? Und ganz wichtig: Misstrauen! Mit Misstrauen einkaufen, mit Misstrauen essen!


Sind wir der Nahrungsmittelindustrie zu hörig?


Ja – in jedem Supermarkt finden wir viel zu viele Dinge, die würde ich sofort rausschmeißen. Wir leben aber in einer Gesellschaft von Angebot und Nachfrage – ins Regal kommt, was der Kunde will.


Wie soll ich einkaufen?


Regional und saisonal! Was taugt eine Beere, die ihre Nährstoffe nicht aus dem Boden gesogen hat, sondern mit der Pipette aufgezogen worden ist? Mein Traum ist es, ein 500 Personen-Catering zu machen: Mit einem halben Rind, dass ich an einem Hof selbst gekauft habe: Dann kriegt einer Filet, der andere Keule und noch jemand Backe. Nur: Macht der Deutsche da mit seinem Neidfaktor mit? Klar, jeder will sich gesund ernähren. Aber das kann auch Verzicht bedeuten. Da muss noch ein großer Wandel stattfinden.

Info: Holger Stromberg: „Iss einfach gut”, Systemed Verlag, 18,99 Euro.

 

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