Interview mit dem Priester Rainer Maria Schießler: Der Münchner Kirchenstar

Rainer Maria Schießler und Dogge Bubi auf der Corneliusbrücke. Im Hintergrund St. Maximilian. Foto: Daniel von Loeper

Rainer Maria Schießler, einer der bekanntesten Gottesmänner der Stadt, füllt seine Kirchen nicht nur zur Weihnachtszeit. Sein Erfolg passt nicht allen in der Hierarchie.

München - Natürlich hat er Zeit. Auch noch kurz vor dem Fest. „Wer jetzt als Pfarrer noch nicht alles vorbereitet hat“, sagt Rainer Maria Schießler, „der kriegt’s nimmer hintereinander.“
Er kriegt alles hintereinander, so scheint es zumindest. Der 52-jährige Wuschelkopf ist vermutlich Münchens beliebtester Geistlicher, mit Sicherheit einer der bekanntesten Kirchenmänner des Landes. Und einer, der nicht auf die Hilfe von ganz oben setzen kann, um es höflich auszudrücken.

„Na, da kommen’S halt ins Pfarramt“, sagt Schießler auf die Frage, ob man nicht mal über Weihnachten reden kann, über München im Wandel und über die Kirche im Jahr 2012. Die Wände im Büro von St. Maximilian sind voll mit gerahmten Zeitungsausschnitten: Schießler mit Maßkrügen, Schießler über den Papst, Schießler über dies und das. Der Mann ist ein Medienstar, eine Talk-Show gab es auch schon mit ihm im BR. Er ist einer, der allen was zu sagen hat. Und alle hören fasziniert zu. Sogar Bubi: „Ruhig! Brav! Dableiben!“ Bubi ist ein Pflegehund des Pfarrers, „ein Schwund, eine Mischung zwischen Schwein und Hund“.

Mit ihm gehen wir spazieren, an der Isar entlang, „zu dem Platz, den ich am liebsten mag in der Stadt“. Also los: Was machen Sie Weihnachten? „Nachher ist noch Probe zum Krippenspiel“, sagt Schießler. „Wir ziehen die Geschichte ins heute“, hierher ins Viertel. „Da sind Yussuf und Ahamina. Sie kommen aus Syrien, sie suchen eine Unterkunft, und es gibt da die Wirtschaft, die zumachen muss, weil sie in die Capuccino-Lounge-Connection nicht mehr reinpasst“, fasst er zusammen: „Und ich bin der Wirt“, sagt Schießler. Am Ende singen alle „An Tagen wie diesen“.

Ein Pfarrer, der die französische Dogge eines Gemeindemitglieds ausführt, der aktuelle Themen ins Krippenspiel bringt; einer, der Zigtausende von Euros als Kellner auf der Wiesn verdiente, um sie in Aids-Projekte in Afrika zu stecken: So einer wird populär in München. Manchen zu populär: St. Maximilian, „die schweinskalte Kirch’“, ist voll, nicht nur zu Weihnachten. Seit einem Jahr hat er auch noch Heilig Geist dazu bekommen. Neben St. Max im liberalen Glockenbachviertel noch mal 3000 Schäfchen in der konservativen Innenstadt-Gemeinde. Ist das zu viel? „Ach was. Gebt’s mer no a paar.“ Manchen in der Diözese schien er zu übermütig, zu erfolgreich: Sieht er neue Arbeit als Sanktion? „Was kann ich denn dagegen haben?“ Heilig Geist sei doch erste Adresse in München: „Ich werde mich nie beklagen.“

Es klingt ein wenig nach Verdrängung, als gäbe es gar keinen Ärger, also: „In jeder Behörde gibt es ein paar Schnarchnasen.“ Solche, die den Weg zurück wollen. „Aber ich liebe diese Kirche. Sie hat mir alles beigebracht.“ Aber etwas hat sich verändert. „Als ich vor 25 Jahren geweiht worden bin, da hätten’s mich komisch angeschaut, wenn ich mit dem Priesterhemd auftreten wollte.“ Und heute? Schauen sie ihn komisch an in der Amtskirche mit seiner Bürgernähe, mit seiner 1200er BMW, mit seiner Sprache: „Solange ich noch Bock hab’, mach’ ich weiter“, sagt er: „Ohne Leidenschaft ist die Verkündigung wertlos.“ Und die Probleme mit den Oberen? „Ist mir wurscht“, sagt Schießler: „Mit erhobenem Zeigefinger, mit Kettenrasseln“ erreiche man nichts. „Jesus spricht von einem liebenden Vater und nicht von einem strafenden Gott.“

Aber der Kirche laufen die Mitglieder davon. „Das geht an die Substanz“, hat Schießler vor zwei Jahren gesagt. Und heute? „Dann werden wir halt kleiner, dann konzentriereren wir uns auf das Kerngeschäft, dann sparen wir uns Pop-Events wie den Weltjugendtag.“ Starker Tobak: „Die Kirche lebt in Zellen, dann entsteht ein leuchtendes Mosaik.“ Das ist ein Kontrast zum „Zentralismus“, der die Kirche heute präge: „Ich bin Generation Konzil. Heute herrscht Generation Benedikt.“

Er spricht von „Einheit in Vielfalt“, und dass er was richtig mache in seinen Gemeinden. „Ich glaube auch nicht daran, dass wir überrollt werden vom Islam oder sonst wem.“ Die Kirche sei „nicht dafür da, die Menschen zu beurteilen: Wir sind nicht im Justizpalast“. Er könne den Gläubigen nur raten: „Frage nicht den anderen nach seinem Glauben. Lebe so, dass die anderen dich nach deinem fragen.“

„Schwund“ Bubi hat uns auf die Corneliusbrücke geführt, zum Halbrondell in der Brückenmitte: „Hier ist was ganz Besonderes“, sagt der Pfarrer. „Ich bin nicht nur ein Münchner Kindl, sondern ein Kind der Münchner Geschichten.“ Die TV-Serie habe er geliebt. „Hier hat der Günther Maria Halmer gestanden.“ Das war ein Held. Und dann war da die Susi, die von Michaela May gespielt wurde. „Des war mei erste Nackerte“, erzählt Schießler, der mit 17 beschloss, Priester zu werden. In der Serie sei ja „ab und zu ein Stück Busen“ zu sehen gewesen. „Und da hinten ist die Kirche, in der ich schon 20 Jahre Pfarrer bin. Hier an diesem Platz, da schließt sich ein Kreis.“ Und Bubi knabbert derweil Triebe von den Pappeln.

Früher, „da war das schwerer an Weihnachten“, sagt Schießler. Vor allem am Nachmittag des Heiligabend, beim Warten auf die Messe: „Da habe ich mich schon gefragt: War’s das alles wert? Jetzt könnten da auch Kinder rumrennen.“

Aber er habe seine eigene Familie jetzt. „Beste Freunde, die auch damit umgehen können, dass ich zölibatär lebe.“ Mit denen werde er das Fest feiern. Und ja, Geschenke gibt es auch – am ersten Feiertag. Wichtig sei das nicht: „Die Botschaft von Weihnachten ist: Du bist wichtig.“

 

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