Interview mit BR-Informationsdirektor BR: Auf der Suche nach der Jugend

Der 1968 in Aurich geborene Journalist war zweiter Chefredakteur der ARD-Nachrichten und ist seit dem 1. Mai 2014 für Hörfunk, Fernsehen und Online zuständiger Informationsdirektor im Bayerischen Rundfunk Foto: dpa

Der Bayerische Rundfunk gestaltet seine Zukunft: Bald soll eine Programmschemareform verabschiedet werden. Und ab 2017 entsteht das neue trimediale Redaktionszentrum in Freimann.

 

Schon am 9. Juli sollte bei der letzten Sitzung des Rundfunkrats die neue Programmschemareform vorgestellt werden. Aber dazu kam es nicht – aus Zeitgründen. Manche BR-Mitarbeiter hatten zuvor ihrem Unmut über eine Veränderung Luft gemacht, es werden schließlich auch Sendungen entfallen. Am 30. Juli steht die Reform erneut auf der Tagesordnung. Im AZ-Interview erläutert BR-Informationsdirektor Thomas Hinrichs, wie der Bayerische Rundfunk seine Zukunft gestalten wird.

AZ: Herr Hinrichs, warum muss der Bayerische Rundfunk eigentlich bei stabilen Einnahmen permanente Sparrunden drehen?

THOMAS HINRICHS: Die Einnahmen sind, wie Sie richtig sagen, inzwischen stabil – nur wurde der Rundfunkbeitrag seit 2009 sechs Jahre lang nicht erhöht, sondern, im Gegenteil, im April sogar um 48 Cent gesenkt. Gleichzeitig steigen seit Jahren die Tarifgehälter und die Kosten insgesamt. Und wenn man bei steigenden Kosten immer mit derselben Summe auskommen muss, dann ist klar, dass die Tischdecke kürzer ist als der Tisch – und dass sie immer kürzer wird. Deshalb müssen wir gegensteuern. Die Haushaltsabgabe hat aber mehr Geld erbracht, als die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs dies vorher vermutet hat. Die Sender bekommen aber deswegen nicht mehr Geld. Unser Etat ist seit 2009 eingefroren, die Mehrerträge müssen nach KEF-Vorgaben auf Sperrkonten zurückgelegt werden, auf welche die Rundfunkanstalten keinen Zugriff haben. Nur die Politik kann entscheiden, was mit diesem Geld geschieht.

Der Bayerische Rundfunk plant den Umbau des Fernsehstandorts Freimann in ein Zentrum für alle Redaktionen, die dort künftig unter einem Dach Radio, Fernsehen und Internet machen sollen. Den Finanzrahmen haben Sie mit rund 160 Millionen Euro angesetzt. Wie will der BR das bezahlen?

Das Bauvorhaben wird voraussichtlich über Kredite fremdfinanziert. Dabei wird der BR die historisch niedrigen Kreditkonditionen für die Zukunft sichern. Der jetzige Spardruck hat aber nichts mit dem Neubau zu tun, dessen Baubeginn wir erst bis Ende 2017 anstreben.

Aber die Zinsen und die Tilgung müssen Sie dann über einen sehr langen Zeitraum abbezahlen. Wird dann doch verstärkt am Programm gespart?

Bei uns hat das Programm immer Priorität. Der Neubau wird das Programm unterstützen, weil er konzentriertes und effizienteres, trimediales Arbeiten ermöglicht. In Freimann entsteht ein modularer Funktionsbau mit optimalen Veränderungsmöglichkeiten, passend zu einer Medienlandschaft, die sich permanent ändert. Ein Neubau bedeutet auch geringere Energiekosten, denn neue Gebäude sind energieeffizienter. Außerdem werden die derzeit drei BR-Standorte künftig auf zwei Standorte reduziert, was weniger Fläche beansprucht und Kosten spart.

Wird sich der BR an den Kosten des wohl doch entstehenden neuen Konzertsaales für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks beteiligen?

Es gilt das Wort unseres Intendanten Ulrich Wilhelm. Der BR kann sich beispielsweise an rundfunktechnischer Ausstattung, wie Licht, Kameras oder Mikrofone beteiligen, die der Erfüllung des Programmauftrags dient. Außerdem kann der BR für die Miete und für ein Erstbelegungsrecht aufkommen.

Warum wird es nun eine Programmschemareform im Bayerischen Fernsehen geben?

Unser Publikum wünscht sich seit Jahren noch mehr vertiefte Berichterstattung aus Bayern. Außerdem wollen wir noch deutlich mehr jüngere Zuschauer erreichen, das gehen wir jetzt an.

Bekannt ist bislang, dass das Bayerische Fernsehen die „Tagesschau“ um 20 Uhr übernehmen will.

Das ist geplant und hat drei Gründe: Die bayerischen Zuschauer sind die treuesten „Tagesschau“-Zuschauer, viele schalten um 20 Uhr um ins Erste. Wir wollen es Ihnen in Zukunft leichter machen. Sie können dann ihre Lieblingsserie „Dahoam is dahoam“ sehen, die wir auf 19.30 Uhr vorziehen wollen, und gleich danach die „Tagesschau“. Zweitens: Der BR finanziert die Tagesschau zu ganz erheblichen Teilen mit. BR-Korrespondenten berichten aus vier exzellenten Studios in Istanbul, in Rom, in Tel Aviv und in Wien. Je nach Weltlage kommt es vor, dass diese vier Studios manchmal fast allein die „Tagesschau“ bestreiten. Ich finde es sinnvoll, sie auch im Bayerischen Fernsehen zu senden. Und der dritte Punkt ist die bayerische Kompetenz – die wollen wir journalistisch vertiefen. Wenn wir die „Tagesschau“ einführen, dann kann sich die „Rundschau“ noch intensiver um bayerische Themen kümmern, so wie es unser Publikum wünscht.

Also wird die „Rundschau“ eine rein bayerische Nachrichtensendung?

Das Wichtigste aus Bayern und der Welt für Bayern, kompetent und verlässlich – dafür steht die „Rundschau“. Heute und auch morgen. Ein Beispiel: Die Abstimmung neulich über das dritte Hilfspaket für Griechenland im Bundestag. Interessiert das die bayerischen Zuschauer? Ich denke ja. Die neue „Rundschau“ könnte in solch einem Fall das Thema aus bayerischer Sicht beleuchten und unterschiedliche Standpunkte, etwa der Bundestags-Abgeordneten aus Bayern hintergründig analysieren. Man könnte aufzeigen, wie sich die Krise auf bayerische Unternehmen auswirkt, die Geschäftsverbindungen nach Griechenland haben. Das bekommen Sie nicht in der „Tagesschau“ unter, es bietet aber für die „Rundschau“-Zuschauer vertiefenden Mehrwert. Der Inhalt wird dadurch nicht „provinzieller“, sondern die Auswirkungen internationaler Politik auf Bayern werden noch greifbarer.

Den Erfolgsdruck, mehr junge Zuschauer zu gewinnen, macht sich der Bayerische Rundfunk doch selbst.

Das sehe ich anders. Wir haben jedem Beitragszahler gegenüber einen Auftrag und müssen auch dem 20-Jährigen ein adäquates Angebot machen. Kennen Sie unsere neue Nachrichten-App BR24?

Nein.

Die müssen Sie haben, die ist wegweisend, regional und personalisierbar, da bestimmen wir wie sonst nur noch die BBC das Tempo. Die App gibt es seit Juni, wir erreichen mit ihr das mobile Publikum und ganz sicher auch viele junge Menschen. Dieser Weg ist erfolgsversprechend, das zeigen viele Beispiele. Die „Tagesschau“ beispielsweise erreicht im linearen Programm neun Millionen Zuschauer, Durchschnittsalter: 61 Jahre. Die „Tagesschau“-App hat mit denselben Inhalten, mobil zur Verfügung gestellt, neun Millionen Downloads, Durchschnittsalter: 37 Jahre. Über andere Ausspielwege gibt es also durchaus die Möglichkeit, ein jüngeres Publikum anzusprechen. Deswegen geht der Bayerische Rundfunk den trimedialen Weg. Wenn wir das jüngere Publikum nicht mehr erreichen, verlieren wir unsere Legitimationsbasis.

Gibt der BR auf diesem Gebiet das Tempo vor für die anderen ARD-Anstalten?

Ja, wir geben hier den Takt vor und das steht dem Bayerischen Rundfunk gut an. Wir sind die erste große ARD-Anstalt, die eine umfassende trimediale Reform auf den Weg bringt. Diesen Weg werden auch andere gehen müssen.

Volker Isfort

 

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