Internationaler Tag der Muttersprache Gott mit dir, du Sprache Bairisch

Bayern ist mehr als Gamsbärte, und Bayern ist auch mehr als nur Oberbayern. Foto: dpa

Heute ist „Internationaler Tag der Muttersprache“. Wenn man solche Gedenktage einführen muss, scheint die Sache bereits tot. Retten das Internet, die Volksmusik oder nur die Schule das Bairische?

Und, wia schaugt’s nachert aus, muss man also fragen. Düster, mit Lichtblicken.

DER ZUSTAND
Das Pseudotrachten-Inferno der Wiesn ist kein Zeichen für Vitalität von Tradition. Vielmehr ist das Bairische zur folkloristischen Einfärbung von Rundfunkwerbung, Bierreklame und Ähnlichem verkommen. Dialekt wird als „urig“ missbraucht und nicht mehr als Normalsprache empfunden.

HEIMATLOSIGKEIT
Dialekt braucht Familienstrukturen über Generationen, damit er als Muttersprache weitergegeben werden kann. Wenn in einer Stadt wie München nur noch ein Viertel der Bevölkerung hier geboren ist und mindestens einen einheimischen Elternteil hat, ist es aus. Mobilität, Wirtschafts-Boom, Bauernsterben und Massenmedien geben dem bairischen Dialekt den Rest.

DAS HOCHDEUTSCHE MISSVERSTÄNDNIS
Durch norddeutsche Medien-Dominanz („Tagesschau“, Axel-Springer-Verlag, „Spiegel“, „Zeit“) ist ein süddeutsches Minderwertigkeitskomplex-Phänomen entstanden: Die gleichwertig hochdeutsche Süd-Variante eines Wortes, wird als „weniger hochdeutsch“ empfunden: Warum sagt, wer hier Hochdeutsch spricht, „gucken“ statt „schauen“, „pusten“ statt „blasen“, „lecker“ statt „gut“, „Schornsteinfeger“ statt „Kaminkehrer“, „Klempner“ statt „Spengler“, „Bulle“ statt „Stier“. Es findet eine „Entmündigung“ des Süddeutschen statt. Selbst im Umgangs-Sprachgebrauch wird in Bayern heute bereits „nee“ und „nö“ mehr verwendet als „naa“.

SPRECHEN UND SCHREIBEN
Dialekt ist gesprochene Sprache, geschrieben wirkt er albern (zum Beispiel der „bairischer Asterix“). Wie schön aber bairisches Hochdeutsch funktioniert, kann man bei Oskar Maria Graf oder Lion Feuchtwanger nachlesen.

WAS NOCH ZU RETTEN WÄRE
Die Dialektfeinheiten, die zum Teil von Dorf zu Dorf variierten, kann man in Zeiten von Mobilität nicht mehr retten. Was aber noch funktionieren würde, ist, größere Sprachräume (wie das Oberbairische) in einer Art Einheitsdialekt zu stärken. Dazu müsste man aber in Grundschulen Fächer, die sich mit Geschichte, Heimat und Musik beschäftigen, im Dialekt unterrichten. Müsste an Kindergärten Dialekt zugelassen werden.

LICHTBLICKE
Lichtblick soll ausgerechnet das Internet sein, wo Videos auf Bairisch kursieren. Vor allem aber gibt es eine vital junge Volksmusikszene wie zum Beispiel die AZ-Sterne „Landlergschwister“. Wenn Bairisch wieder „pfenningguat“ statt cool ist, dann muss man auch nicht mehr „Tschüß“ zum Dialekt sagen, sondern am Ende „Pfüa di“ – was so viel wie „Gott mit dir“ bedeutet. Ein frommer Wunsch.

 

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