Ingo Wortmann im AZ-Kreuzverhör MVG-Chef über ÖPNV-Pläne: Auto-Verbot bei voller Innenstadt!

, aktualisiert am 23.08.2019 - 14:05 Uhr
Für neue Busspuren – und kritisch gegenüber der 24-Stunden-U-Bahn: Ingo Wortmann beim Besuch in der AZ-Redaktion. Foto: Daniel von Loeper

Beim Besuch in der AZ-Redaktion spricht MVG-Chef Ingo Wortmann über die vielen Probleme bei der U-Bahn, seine Pläne für neue Busse – und die Frage, was er tun würde, wenn er Münchner OB werden würde.

 

München - Ingo Wortmann im großen AZ-Interview: Der 49-Jährige ist seit 2016 Chef der MVG.

AZ: Herr Wortmann, wie sind Sie heute zu uns gekommen?
INGO WORTMANN: Mit dem Bus.

Und: pünktlich? Oder die übliche Verspätung?
Der Bus war pünktlich. Übrigens bin ich morgens fast immer pünktlich in der Arbeit. Von üblichen Verspätungen würde ich nicht sprechen.

Beim Abschied Ihres Vorgängers hat Dieter Reiter gesagt, er sei mit der MVG für den funktionierenden Teil des ÖPNVs zuständig – im Gegensatz zur S-Bahn. Inzwischen ist die U-Bahn ähnlich schlecht, oder?
Wir haben viele Probleme und Herausforderungen bei der U-Bahn. Aber ich würde nicht sagen, dass es schlecht läuft.

Sie selbst klangen kürzlich im Aufsichtsrat vernichtend, sprachen von einer "überwiegend veralteten Fahrzeugflotte", einer viel zu kleinen Werkstatt, einer Infrastruktur, die nicht auf den Takt ausgerichtet sei.
Ich habe im Aufsichtsrat dargestellt, welche Aufgaben wir vor uns haben. Wir müssen die Infrastruktur ausbauen, sie ist in die Jahre gekommen. Wir müssen zum Beispiel sehr viele Weichen erneuern und Stromschienen austauschen, um den höheren Strombedarf durch die dichteren Takte decken zu können. Wir müssen den Betriebshof in Fröttmaning sanieren – und brauchen dringend den zweiten Betriebshof in Neuperlach.

Viele Gleissperrungen in den nächsten Jahren

Klingt nach extremen Aufgaben – mit Folgen für die Fahrgäste.
Die U-Bahn wird in den nächsten zehn Jahren nicht die hohe Verfügbarkeit haben, die sie jetzt 20, 30 Jahre hatte.

Was heißt das konkret?
Wir werden sehr viel bauen müssen und dadurch Gleissperrungen haben.

Wie viele Gleiskilometer müssen Sie sanieren?
Wir müssen pro Jahr rund 3.000 Meter Gleis und fünf Weichen austauschen.

Wird das auch bedeuten, dass wochenlang Linien ausfallen?
Nein. Es werden Nacht- oder Wochenendsperrungen sein. Ganze Linien können wir gar nicht mit Bussen ersetzen, höchstens Abschnitte.

Wortmann über U9-Linie: "Bin hoffnungsvoll"

Kürzlich verkündeten Sie den Durchbruch bei den Bahnsteigtüren. Nun sollen sie 2023 kommen – an einer Station, als Test. Klingt irgendwie doch nicht nach dem großen Durchbruch.
Es ist sehr aufwendig, weil wir keine neuen U-Bahnhöfe bauen, sondern die Türen in vorhandenen Stationen nachrüsten. Dazu müssen wir erstmal vieles untersuchen, die Statik des U-Bahnhofs, was passiert, wenn eine Tür nicht funktioniert oder alle nicht funktionieren. Wir brauchen zudem einen Zulassungsprozess mit der Technischen Aufsichtsbehörde. Das kostet Zeit.

Ihre Kunden dürften auf jeden Fall wenig beeindruckt sein vom Zeitplan.
Das ist wohl leider so. Wir können es aber so schnell nicht ändern.

Sie gelten als Anhänger der neuen Innenstadt-Linie U9 Münchner Freiheit-Pinakotheken-Hauptbahnhof-Implerstraße. Sind Sie sicher, dass sie kommen wird?
Politisch beschlossen ist sie erst, wenn der Baubeschluss vom Stadtrat gefällt ist.

Also steht das Projekt noch auf sehr wackeligen Beinen.
Wenn 400 Millionen ausgegeben werden für die Vorabmaßnahmen für einen U9-Bahnhof am Hauptbahnhof, ist das ein deutlicher erster Schritt. Ich bin hoffnungsvoll. Wir brauchen die U9 dringend, um U2 und U3/U6 zu entlasten.

Taktverdichtung: Lieber mehr Nachtbusse

Ihr Vorgänger hat die U5-Verlängerung nach Pasing strikt abgelehnt. Glauben Sie auch, dass dort eines Tages der Bedarf gar nicht da sein wird?
Trotz zweiter Stammstrecke ist es vielleicht schon sinnvoll, noch eine West-Ost-Verbindung zwischen Pasing und Ostbahnhof zu haben. Wir hätten in jedem Fall ein Angebot, wenn die S-Bahn ausfällt oder gesperrt ist.

Jahrzehntelang hieß es, eine 24-Stunden-U-Bahn sei in München technisch nicht möglich. Jetzt wird sie im Rathaus diskutiert. Nur Wahlkampf-Getöse oder geht es plötzlich doch?
Unsere Empfehlung ist, dass wir uns erstmal den gesamten Nachtverkehr anschauen und uns nicht nur auf die U-Bahn fokussieren. Eine 24-Stunden-U-Bahn hätte Folgen für unsere Baustellen, wir müssten die Wartungspläne für die Fahrzeuge umstellen und bräuchten ein anderes Schichtsystem in den Werkstätten.

Der MVG-Chef hätte also lieber erstmal mehr Nachtbusse, mehr Nacht-Trambahnen?
Genau. Wir überlegen zum Beispiel auch, ob wir neue Nachtbus-Linien parallel zu den U-Bahnstrecken fahren lassen.

An vielen Stellen - wie etwa in Thalkirchen - wäre das wahrscheinlich gar nicht möglich, weil die Straßen zu eng für den Bus sind.
Genau solche Probleme schauen wir uns jetzt an. Wir stehen noch am Anfang unserer Planungen.

U-Bahnen: "Wir wollen den Zwei-Minuten-Takt"

Man weiß nicht erst seit Neuestem, dass immer mehr Menschen nach München ziehen, viele nicht mehr von 9 Uhr bis 17 Uhr arbeiten, Leute lang ausgehen. Wer hat all das verschlafen bei der Verkehrsplanung?
Verschlafen hat das niemand. Es gibt zu jeder Zeit Herausforderungen. Und wir nehmen uns dieser jetzt an, verdichten die Takte, bauen das Nachtnetz aus.

Sie sprechen von der Zehn-Minuten-Takt-Stadt als Ziel. Unter der Woche, nachts um zwei in Obermenzing: Ab wann komme ich garantiert innerhalb von zehn Minuten weg?
Wir wollen zunächst mal Metrobus- und Tramlinien bis Mitternacht oder ein Uhr nachts im Zehn-Minuten-Takt fahren lassen. Im Außenbereich soll dann unser Rufbus Isartiger mit einer maximalen Wartezeit von zehn Minuten kommen.

Und Dienstagfrüh um zwei in Obermenzing?
Wir müssen schauen, was wir zwischen ein und vier Uhr nachts machen. Da wird es vielleicht nicht die Zehn-Minuten-Takt-Stadt, sondern es wird ein 20 - oder 30-Minuten-Takt.

Wie eng kann der Takt bei den U-Bahnen noch werden?
Wir wollen den Zwei-Minuten-Takt. Aber das ist sehr schwierig, weil die alten U-Bahn-Wagen nicht auf schnelle Beschleunigung ausgerichtet sind. Bei den neuen Zügen hatten wir ein Software-Problem, das sich bis Herbst erledigt haben wird. Wir brauchen noch mehr neue Fahrzeuge, eine bessere Stromversorgung und ein neues Signalsystem.

Und Türen, die schließen.
Genau. Solche Störungen sind ein Problem. Wir haben jetzt manches umgestellt, tauschen bei alten Fahrzeugen Teile präventiv aus, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben – nicht erst, wenn sie kaputt sind.

Sie schimpften kürzlich intern, man sei "auf Verschleiß" gefahren. Meinten Sie das damit?
Bei weniger dichten Takten war eine Türstörung früher kein größeres Problem. Aber mit einem Zwei-Minuten-Takt geht es eben nicht mehr, da sorgt jede kaputte Tür für erhebliche betriebliche Störungen.

Neue Züge mit weniger Sitzplätzen

Was sind zum Beispiel Pläne für die nächsten Zug-Generationen?
Wir arbeiten gerade intensiv an dem Lastenheft für einen neuen U-Bahn-Zug. Es werden weniger Sitzplätze werden, weil wir mehr Kapazität brauchen.

Was sagt denn der Seniorenbeirat dazu?
Mit dem haben wir das ausführlich besprochen. Wir wissen, dass wir viele Menschen haben, die sich vielleicht ohne Gehhilfe bewegen können, aber in der Bahn sitzen müssen. Wir werden in den U-Bahnen kaum mehr Längsbestuhlung machen. Aber auch nicht wie früher 2+2-Sitze, sondern 2+1.

Kommt ein Altstadtring-Busnetz?

Was können Sie noch tun, damit man in der Rush Hour wieder in die U-Bahn reinkommt?
Wir wollen auf den Kurzstrecken in der Innenstadt parallel zur U-Bahn attraktive Busangebote schaffen, um die Leute an der Oberfläche zu halten. Dass man vom Goetheplatz zum Sendlinger Tor - zum Beispiel - Bus statt U-Bahn fährt.

Das wird konkret geplant?
Ja, wir arbeiten an einem Konzept. Es kommt ja der Altstadt-Radlring. Wir denken über ein Altstadtring-Busnetz nach.

Wie würden diese Busse fahren?
Möglicherweise bräuchte es Busspuren, man müsste sehen, wie man das dann auch mit der Radl-Infrastruktur zusammenbekommt. Ich kann mir zum Beispiel sehr gut Busse über die Lindwurmstraße Richtung Harras vorstellen.

Es wurden ein paar Expressbusse mit Busspuren beschlossen. Aber auf der Donnersbergerbrücke sitzt man im Bus immer noch jeden Morgen im Stau. Redet die Politik da gerne und viel, macht aber viel zu wenig?
Die entscheidende Erkenntnis ist: Wenn wir den ÖPNV in den nächsten fünf, sechs Jahren ausbauen wollen, dann geht das nur mit dem Bus. Die nächste Tramstrecke kommt 2025, die U9 erst in den 30ern.

MVG führt neues Leitsystem bei Anzeigen ein

Digitale Abfahrtsanzeigen an den Bushaltestellen funktionieren nicht. Schon mal überlegt, sie alle wieder abzubauen, weil sie die Fahrgäste nur frustrieren statt informieren?
Wir wollen die Anzeigen nicht abbauen, sondern die Intelligenz dahinter verbessern. Wir führen ein neues Leitsystem ein.

Haben Sie einen Zeitplan? Wann kommt wirklich der Bus, wenn er angekündigt ist?
2023 ist das neue System stadtweit im Einsatz.

Im Winter werden viele Zeitkarten günstiger. Rechnen Sie mit einem Ansturm, noch überfüllteren Bahnen?
Wir bauen unser Angebot auf jeden Fall weiter aus.

MVG-Chef wirbt für E-Garten-Tram

Kurz zu den E-Scootern: Der erste Eindruck ist, dass ihn eher betrunkene Touristen und überschwängliche Jugendliche zum Spaß nutzen als das Menschen dafür ihr Auto stehen lassen und zur Arbeit fahren.
Den Eindruck teile ich momentan. Leider. Aber wir wissen noch nicht, wie sich das dauerhaft entwickelt. Die Stadt könnte Flächen an U-Bahnhöfen ausweisen, damit die Leute die Roller dort abstellen. Vielleicht wäre es so weniger chaotisch und die Leute würden die E-Scooter für den täglichen Weg zur U-Bahn nutzen.

Sie können Erfolge verbuchen bei der Personalgewinnung. Die Leute müssen aber ausgebildet werden, was Zeit kostet. Im Winter fällt die U7 also wieder wegen Personalmangel aus?
Ich gehe davon aus, dass wir weniger fahrzeugbedingte Ausfälle haben werden als letztes Jahr. Beim Personal müssen wir schauen. Wir tun uns da bei der U-Bahn schwerer als bei Tram und Bus.

Glauben Sie eigentlich fest daran, dass die Tram durch den Englischen Garten kommt?
Ich kann nur dafür werben, sie zu bauen. Schon heute fährt da ein Bus auf einer recht breiten Straße. Eine Variante ist: Wir stellen die Straße mit einem hellen Asphalt wieder her, dann sieht sie aus wie ein Parkweg. In der Mitte sind zwei Straßenbahnschienen. Links und rechts haben Radler breite Wege. Wir haben gute Argumente.

Ist der Tunnel, den die Architekten Grub-Lejeune vorgeschlagen haben, eine Alternative, die Sie ernst nehmen?
Wir verfolgen drei Varianten gleichrangig. Die beschriebene mit der hell asphaltierten Straße, die ich aktuell für sehr konsensfähig halte. Aber auch eine Rasengleis-Variante und eben die Tunnelvariante. Alle haben Vor- und Nachteile, die wir jetzt zusammentragen.

Auto-Ausschluss aus der Innenstadt?

Nächstes Jahr wählen die Münchner neu. Wenn Sie OB wären für ein paar Monate, was wäre Ihr politisches Sofortprogramm für den ÖPNV?
Erstens wäre mir wichtig, die Abdeckung der finanziellen Aufwendungen für den ÖPNV dauerhaft zu sichern. Zweitens würde ich versuchen, mit der Stadtverwaltung ein schlüssiges Konzept für den motorisierten Individualverkehr vorzulegen mit dem Ergebnis, dass man in der Innenstadt Raum für Tram und Bus, aber auch für Radler schafft, indem man den Autoverkehr reduziert.

Reduziert oder weitgehend ausschließt?
In der Nähe der Altstadt könnte es tatsächlich ein weitgehendes Ausschließen sein. Man könnte untersuchen, wie viele Autos die Innenstadt verträgt, so dass der Verkehr noch fließt. Und dann, wenn die Innenstadt voll wäre, den Verkehr mit Signalanlagen regulieren. Mehr dürften dann nicht in die Innenstadt einfahren. Dort flösse dann aber der Verkehr und man hätte Potenzial für Trams, Busse und Radler.

Die Pendler würden den OB Wortmann hassen.
Mehr Pendler als heute müssten mit der Eisenbahn in die Stadt kommen, wenn wir den Klimaschutz und Luftreinhaltung ernst nehmen und Staus reduzieren wollen. Und U-Bahn fahren. Hierzu müssen wir alle im MVV gemeinsam die notwendigen Angebote schaffen.

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