Indexmiete: "Legal aber nicht gerecht" Vermieter hebeln Mietspiegel aus

Die so genannte Indexmiete, deren Höhe an die Steigerung der Lebenshaltungskosten gekoppelt ist, wird zum Standard in München – denn so lässt sich der Mietspiegel aushebeln

 

München - Er soll die Mieter vor Wucher schützen, die große Preisexplosion stoppen und verhindern, dass sich nur noch Reiche das Wohnen in dieser Stadt leisten können: der Mietspiegel. Die darin aufgelistete „ortsübliche Vergleichsmiete“ gilt als Mietpreisbremse. Doch ein Münchner Anwalt sagt nun: Der Mietspiegel ist nichts wert. Die Indexmiete heble ihn aus.

Bemerkt hat Martin Begel (Name geändert) das selbst bei der Wohnungssuche. Dem Juristen fiel auf, dass ihm nur Indexmietverträge angeboten wurden, also Verträge, wonach sich die Miete mit der offiziellen Lebenshaltungskostenstatistik des Bundes erhöht (siehe Texte unten).

Er fragte bei den Wohnungsunternehmen nach, ob er auch einen anderen Vertrag haben könne. „Da hieß es überall: Nein!“, sagt Begel. „Mir wurde mitgeteilt, dass man komplett auf Indexmietverträge umgestiegen sei.“ Das machte den Anwalt stutzig. Denn die Lebenshaltungskosten steigen nicht so rasch, im Schnitt zwischen etwa ein und zwei Prozent im Jahr, also höchstens sechs Prozent in drei Jahren. Die Kappungsgrenze ließe in diesem Zeitraum eine Erhöhung um 15 Prozent zu. Wieso wollen Vermieter dann unbedingt Indexmietverträge abschließen?

Der Grund liegt im Münchner Wohnwahnsinn. Da die Mieten hier bereits sehr hoch sind, begrenzt oft nicht die Kappungsgrenze, sondern die ortsübliche Vergleichsmiete die Erhöhungen. Wird eine Wohnung nun zu einem Preis vermietet, der am oberen Ende des Mietspiegels oder – nach erlaubtem Maß – darüber liegt, dann kann der Vermieter die Miete auf absehbare Zeit nicht mehr mit Verweis auf die ortsübliche Vergleichsmiete erhöhen.

Deshalb werden Staffelmieten oder Indexmieten vereinbart, denn hier steigt die Miete garantiert – egal, wie hoch sie schon am Anfang ist. „Das haben große bayerische Wohnungsunternehmen mir gegenüber auch offen zugegeben“, sagt Martin Begel. „Nur so kann man überteuerte Mieten in absehbarer Zeit noch weiter erhöhen. Die Begrenzung durch die ortsübliche Vergleichsmiete wird einfach umgangen.“ Mit anderen Worten: Damit ist der Mietspiegel nichts mehr wert.

Die AZ fragt bei großen München Unternehmen nach, die Wohnungen vermieten – und erhält eine klare Antwort: Indexmietverträge sind mittlerweile die Regel.

Einige, wie etwa die Versorgungskammer Bayern oder die Versicherungskammer Bayern, begründen die Praxis damit, dass so „reale Werte geschaffen“ werden und die Anleger kein Geld an die Inflation verlieren. Andere wie etwa die Allianz oder die zur Munich Re gehörige MEAG verweisen darauf, dass Indexmietverträge besonders rechtssicher und mit wenig Aufwand verbunden sind.

Das sagt auch der Deutsche Mieterbund. Dessen Sprecher, Ulrich Ropertz, kennt den Trend zur Indexmiete in angespannten Wohnungsmärkten wie München: „Hier bestimmt wegen der großen Nachfrage eben der Vermieter, welche Verträge abgeschlossen werden.“

Mit der Indexmiete könne tatsächlich die ortsübliche Vergleichsmiete umgangen werden. „Das ist legal, aber nicht gerecht.“ Ulrich Ropertz hofft, dass die geplante Mietpreisbremse der Bundesregierung auch dieses Problem anpackt.

So lange will Anwalt Martin Begel aber nicht warten. Der Jurist hat Briefe an städtische Behörden und an Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) geschrieben. Darin fordert er: „Die Stadt München soll in Gesprächen mit den institutionellen Vermietern auf eine freiwillige Selbstverpflichtung hinwirken, den Mietspiegel nicht durch Indexmieten zu umgehen.“ Eine Zusage hat er bisher nicht.

Stattdessen sucht er weiter nach einer Wohnung ohne Indexmietvertrag. Um die neue Methode des Wohnwahnsinns nicht zu unterstützen.

 

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