Imam Benjamin Idriz im AZ-Interview "Islamfeindlichkeit findet sich überall in der Gesellschaft"

, aktualisiert am 19.04.2016 - 12:38 Uhr
"Extremismus gibt es innerhalb und außerhalb von Religion", sagt Imam Benjamin Idriz. Foto: imago

Der Penzberger Imam Benjamin Idriz spricht im AZ-Interview über Ausgrenzung, den Vergleich der AfD mit Adolf Hitlers NSDAP und gewaltverherrlichende Suren im Koran.

 

München - Am Montag verglich der Zentralrat der Muslime die AfD mit der NSDAP, der Partei Adolf Hitlers. Grund war unter anderem das Wahlprogramm der "Alternative für Deutschland", welches insbesondere den Islam ins Visier nimmt. Im AZ-Interview spricht der Penzberger Imam Benjamin Idriz unter anderem über diesen Vorfall.

AZ: Herr Idriz, was wird in den Moscheen Deutschlands gepredigt?

Benjamin Idriz: "Gott gebietet Gerechtigkeit und Gutes zu tun und Großzügigkeit gegenüber den Mitmenschen; und Er verbietet alles, was schmachvoll ist und Gewalttätigkeit. Er ermahnt euch. Vielleicht lasst ihr euch mahnen!" (Sure 16:90). Dieses Koranzitat ist zum Beispiel ein fester Bestandteil jeder Freitagspredigt.

Der Imam sollte in seiner Predigt die Quellen der Religion mit aktuellen Themen verbinden und die Gemeinde daran erinnern, dass gläubige Menschen eine besondere Verpflichtung haben, sich einzusetzen und mitzuhelfen, dass die Welt schließlich so wird, wie Gott sie haben möchte: ein respektvolles und friedliches Miteinander aller Völker, Sprachen, Hautfarben.

Dass in einigen deutschen Moscheen und in der salafistischen Szene gegen Frauen, dem Westen und „Ungläubige“ gehetzt wird, kann jedoch nicht geleugnet werden.

Dass es Extremisten gibt, die die Predigt und die Religion insgesamt dazu ausnutzen, um zu hetzen und Hass und Gewalt zu verbreiten, ist leider ebenso wahr, wie es Neonazis, Rassisten, Drogendealer, Mörder und andere Verbrecher gibt. Aber so wie Kriminelle nicht repräsentativ für die deutsche Gesellschaft sind, dürfen Hassprediger niemals als repräsentativ für Moscheen wahrgenommen oder dargestellt werden.

Im Koran lassen sich einige Gewalt-befürwortende Suren finden. Ist der Terrorismus ein Auswuchs des Islam oder nutzen die Terroristen bestimmte Zitate für ihre Zwecke?

Im Koran gibt es solche Stellen, die auf ganz bestimmte historische Situationen zur Lebenszeit des Propheten Mohammed hin offenbart wurden und solche, die allgemeine, zeitübergreifende Aussagen enthalten. Zu Letzterem gehört die Barmherzigkeit Gottes – die zentralste Aussage des Korans überhaupt – und was daraus folgt: nämlich Werte wie Menschenwürde, Freiheit, Achtung, Moral, gewaltlose Konfliktlösung wo immer möglich.

Die islam-missbrauchenden Extremisten und Terroristen (und die „Islamkritiker“ ganz genauso) behaupten, den Islam besonders genau zu kennen. In Wirklichkeit haben sie das A und O des Korans und des Islams nicht verstanden. Terror findet allerdings meist im Namen Allahs statt. Straftaten müssen als Straftaten verfolgt, und Verbrechen als Verbrechen geahndet werden, ob die Täter sich auf Religion berufen oder nicht. Extremismus gibt es innerhalb und außerhalb von Religion.

Ist der Islam in seiner jetzigen Form in die westlichen Wertvorstellungen integrierbar? Oder muss Europa seinen eigenen Islam kultivieren, wie CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer jüngst forderte?

Der ganz normale Islam ist mit den Wertvorstellungen im Europa des 21. Jahrhunderts nicht nur kompatibel, sondern er leitet diese Wertvorstellungen ganz selbstverständlich aus seinen eigenen Quellen ab, wenn man sie vernünftig auslegt. Dazu braucht es keinen „eigenen“ Islam, sondern es reicht, den Islam zu unterstützen und den Missbrauch des Islam zu bekämpfen – und vor allem: nicht das eine mit dem anderen gleichzusetzen!

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Junge muslimische Flüchtlinge sind besonders empfänglich für radikale Botschaften. Wie können sie vor den Terror-Rekrutierern geschützt werden?

Unser Vorschlag, an dem wir schon sehr lange engagiert arbeiten, ist: einen repräsentativen, sichtbaren Ort für den Islam, so wie er gemeint ist und wie ich ihn hier beschreibe, zu schaffen, sodass neu ankommende Muslime ganz selbstverständlich bei diesem Islamverständnis ankommen.

Und genau deshalb wäre das wichtigste und dringendste Interesse keineswegs nur für Muslime, sondern für die Stadt München und den Freistaat Bayern, sich jetzt in Wort und Tat und durchaus auch mit Geld für die Realisierung des Münchner Forums für Islam einzusetzen. Alles andere läuft sonst ganz akut Gefahr, als Aktivismus und Populismus entlarvt zu werden.

Der Islam hat bislang nicht den Körperschaftsstatus, ist also staatlich nicht anerkannt. Sie fordern ihn. Was würde sich damit ändern?

Alles. Der Staat hätte seine Ansprechpartner, deren Fehlen er immer beklagt. Muslime hätten Anlass daran zu glauben, dass die Beteuerungen von Gleichberechtigung und Religionsfreiheit wirklich ernst gemeint wären. Wir würden dem islam-missbrauchenden Extremismus viel Wasser abgraben und den Islam, so wie er gemeint ist, in die Mitte der Wahrnehmung rücken. Wir hätten die Voraussetzung für ein Miteinander auf Augenhöhe geschaffen.

Der Zentralrat der Muslime hat die AfD gerade mit Adolf Hitlers NSDAP verglichen – ist das nicht maßlos übertrieben?

Die Verbrechen der Nationalsozialisten hatten ohne Zweifel Dimensionen, die keine Vergleiche zulassen.

Hier geht es aber um die Vorgeschichte. Die gezielte Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, wie sie heute gegen Muslime stattfindet, erinnert tatsächlich an das Schüren von Angst, Misstrauen und Hass, das in Deutschland dem Holocaust vorausgegangen war.

Wer so eine Entwicklung zulässt, steuert auf Gewalt zu! Die Islamfeindlichkeit ist heute die am weitesten verbreitete Form des Extremismus in Deutschland, sie findet sich bei Rechtsextremisten und -populisten wie der AfD, aber auch überall in der Gesellschaft. Dagegen müssen wir gemeinsam vorgehen.

 

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