Im AZ-Interview - privat wie nie! Alice und Ellen Kessler: Jünger ohne Männer

45 Minuten trennen sie: Alice (r.) und Ellen Kessler gehören zu den berühmtesten Zwillingen der Welt. Die AZ hat sie in Grünwald besucht. Foto: API/Michael Malfer

Am Mittwoch werden die Weltstars jeweils 78. Im zweiten Teil des großen AZ- Geburtstagsgesprächs reden sie über ihr Single-Leben und ihre Anti-Diät.

 

AZ: Liebe Alice, liebe Ellen, ist es zu zweit doppelt so schön, älter zu werden – oder doppelt so schwer?

ELLEN: Keine Ahnung, ich war nie allein.

ALICE: Ich kenn es ja auch nicht anders.

Was halten Sie von der 78?

ELLEN: 77 fand ich schöner. Zwei Mal die 7.

ALICE: Ich mag gerade Zahlen viel lieber.

Eine andere wichtige Zahl ist bei Ihnen die 45. 45 Minuten trennen Sie – was noch?

ALICE: Wir sind in Wahrheit völlig verschieden.

ELLEN: Deshalb ergänzen wir uns so gut. Ich bin die Aktivere, Spontanere, mach mehr Fehler.

ALICE: Ich muss immer ewig überlegen.

ELLEN: Einkaufen gehen mit ihr, ist daher ziemlich unlustig. Trotzdem haben wir viele Gemeinsamkeiten. Das ist klar – wie beim alten Ehepaar, das seit 30 Jahren zusammen ist.

ALICE: Und wir sind ja noch viel, viel länger zusammen. Wir sind quasi seit 78 Jahren miteinander verheiratet (lacht).

ELLEN: Übrigens hat es unseren Vater früher sehr genervt, wenn wir ihn fragten, wann wir denn geboren sind, wie viel Minuten Alice älter ist als ich, aber er wusste es nicht. Damit Ruhe ist, behauptete er irgendwann einfach 28 Minuten.

ALICE: Vor paar Jahren hat uns der Bürgermeister aus unserem Geburtsort in Sachsen den Hebammen-Bericht geschickt. Dann wussten wir es endlich. Wir hatten den früher angefordert, als noch die Mauer stand.

ELLEN: Daraus wurde natürlich nichts. Da hat niemand geantwortet.

Wie sind Ihre Erinnerungen an den Osten?

ALICE: Ich hab kaum welche.

ELLEN: Ich schon. Das sind Erinnerungen, die nicht schön sind. Deshalb verdrängt man sie. Krieg, Nachkrieg, die Angst vor den Russen, gibt’s genug zu Essen, überall Spione – all diese Dinge schiebe ich weit von mir.

ALICE: Wir konnten nie Kind sein. Durch den Krieg haben wir schlimme Sachen erlebt. Aber ich bin gar nicht undankbar dafür, weil es einen prägt und man Dinge viel mehr schätzt. Die Kinder heute kennen keinen Hunger, haben alles und wollen noch mehr. Wenn zum 18. kein Porsche vor der Tür steht, sind sie beleidigt. Alles ist total selbstverständlich.

Lesen Sie hier Teil 1 des großen AZ-Interviews mit den Kessler-Zwillingen!

Wie modern sind Sie?

ELLEN: Facebook und Twitter machen wir nicht. Keine Lust.

ALICE: Mailen reicht.

ELLEN: Ich hab’ ein iPhone.

ALICE: Ich hab’ so ein altes Ding, ohne Internet.

ELLEN: Für den Notfall ist es gut, ein Handy dabei zu haben. Und zum Fotografieren.

ALICE: Unsere Freundin Bibi Johns hat sechs Handys, da würde ich verrückt werden.

Bibi Johns schwärmt ständig von Ihren Kochkünsten!

ALICE: Da muss ich mal was sagen. So lieb wir die Bibi haben, aber sie passt mit 85 so auf, isst nur Obst oder Huhn ohne Soße, geht nie in die Sonne, trinkt null Alkohol. Das ist doch fad.

ELLEN: Sie trinkt Kamillentee zum Abendessen – eine furchtbare Vorstellung.

ALICE: Wir essen und trinken alles.

ELLEN: Gerne scharf. Ich tu immer Chili rein, wenn ich koche.

ALICE: Ab und zu gehen wir zum Haxnbauer, da lieben wir die Kruste. Ich ess die bis zum letzten Krümel auf, das ganze Fett, alles – und wenn mir von dem Fett etwas übel wird, trinke ich danach einen Schnaps. Herrlich. Überall muss Fett dran sein, sonst schmeckt es nicht. Lieber Rib-Eye als Filet.

ELLEN: Diät ist nichts für uns. Wir machen auch diesen Vegan-Trend nicht mit, da wüsste ich nicht, was ich kochen sollte.

ALICE: Dieser Bio-Hype ist auch Quatsch. Manchmal kaufe ich Bio-Obst und ärger mich, weil es sofort schlecht wird.

ELLEN: In unserem Alter braucht man kein Bio mehr.

ALICE: Was wir auch lieben, . . .

ELLEN: . . . das versteht niemand, . . .

ALICE: . . . sind gekochte Schweinefüße. Gut für die Gelenke. Essen gehört zum Leben, zur Freude am Leben. Leute, die Diät machen, nerven mich.

Sie beide sind trotzdem superschlank. Wie kommt’s?

ELLEN: Wir sind nervöse Typen, ständig in Action. Gut, ich lese auch mal ein Buch, aber nach anderthalb Stunden muss ich aufstehen.

Können Sie heute noch einen Spagat?

BEIDE: Klar.

ALICE: Ohne Aufwämtraining. Muss an den Schweinefüßen liegen (lacht).

Wollte sich eine von Ihnen mal optisch von der anderen unterscheiden?

ALICE: Ich hätte gerne ein bisschen längere Haare, weil ich sie gerne hochbinde.

ELLEN: Ich hätte gern ‘ne Dauerwelle.

ALICE: Wir hatten doch mal eine Dauerwelle, das war schrecklich. Wir sahen aus wie aufgeplatzte Polsterstühle.

ELLEN: Ich würde mich gern verändern. Aber auf der Bühne oder im TV erwarten die Leute, dass wir gleich ausschauen.

Ihnen beiden sieht man nicht an, dass Sie 78 werden.

ALICE: Wir schauen jünger aus, weil wir ohne Männer leben. ELLEN: Wir müssen keine Kompromisse machen, können so lang schlafen, wie wir wollen, niemand neben einem, der schnarcht. Im Bett kann ich mich breit machen, ach, das ist toll. Wir reden miteinander, wenn wir es wollen, nicht, weil wir es müssen und jemand beleidigt sein könnte. Ja, etwas Egoismus ist äußerst gesund.

Bereuen Sie es, dass Sie keine Kinder haben?

ELLEN: Ich bin froh, dass ich keine Kinder habe. Ehrlich. Klar sagen viele, Kinder schenken einem besondere Momente. Aber dieses Schreien! Man kann es ihnen nicht verbieten, es gehört dazu. Nix für mich.

ALICE: Wo hätten wir die Kinder abgeben können, wenn wir auf der Bühne waren? Unser Elternhaus war nicht intakt. Anders als bei Heidi Klum, wo immer die Mama dabei ist.

Wollen Sie 100 werden?

ALICE: Nein, warum will man das? Man sieht nichts mehr, kann nicht mehr alleine gehen, muss sich füttern lassen. Wie bei Jopie, der mit 107 noch am Piano lehnte. Ich will das nicht. Das Gerechte am Altwerden ist es, nein zu sagen. Wir sind die totalen Nein-Sager geworden.

Haben Sie Angst vorm Tod?

ELLEN: Ich habe nur Angst davor, künstlich am Leben erhalten zu werden, weil ich Erste-Klasse-Patient bin.

ALICE: Deshalb haben wir Patientenverfügungen. Alles ist geregelt. Das Schönste wäre: gesund sterben. Aber das geht nur durch einen Unfall. Der Sekundentod. Eine von uns wird zuerst gehen, außer wir haben einen Flugzeugabsturz.

ELLEN: Diese traurigen Sachen ziehen einen runter. Deshalb denken wir darüber nicht nach. Bringt nur schlechte Laune.

 

 

0 Kommentare