"Ich kann nicht mehr zurück" Das steckt hinter Bierofkas Tränen-Abschied bei Sechzig

Servus, Biero, mach’s gut! Löwen-Fan und Allesfahrer Roman Wöll verabschiedet den Trainer. Foto: Ulli Wagner

"Ich kann nicht mehr zurück", schreibt der Trainer der AZ. Die Klubikone verlässt – zermürbt von Machtkämpfen – den TSV 1860. Investor Ismaik erhebt Mobbingvorwürfe: "Das ist eine Schande".

 

München - Bilder sagen mehr als tausend Worte. Dienstagnachmittag tauchte Nicole Bierofka am Trainingsgelände der Löwen auf. Sie weinte. Kurz nach 14 Uhr marschierte Ehemann Daniel aus der Geschäftsstelle der Sechzger, stieg mit Tränen in den Augen in sein Mercedes-Cabriolet und verließ das Vereinsgelände.

Das Vormittagstraining hatte der 40-Jährige noch geleitet und nach knapp einstündiger Einheit seine Mannschaft darüber informiert, was in Giesing einem Erdbeben gleichkommt: Bierofka will den TSV 1860 nicht mehr trainieren.

Fassungslosigkeit: Bierofka gibt auf

"Ich kann nicht mehr zurück", schrieb Bierofka der AZ per Whatsapp auf die Frage, ob er dem TSV tatsächlich den Rücken kehrt. Torjäger Sascha Mölders, Aaron Berzel und deren Frauen hatten sich am Löwenstüberl versammelt, um Bierofkas Gattin zu trösten.

Tim Rieder, eigenen Angaben zufolge zu großen Teilen wegen Bierofka vom FC Augsburg aus der Bundesliga gekommen, stand im gläsernen Treppenhaus und schüttelte den Kopf. Teammanager Fathi Aslan saß dort auf den Stufen, schlug seine Hände über den Kopf. Alle konnten sie es nicht fassen: Bierofka gibt auf. Sechzig verliert seine Vereinsikone.

Ein Abschied, den der Verein erst kurz vor Mitternacht in einer offiziellen Stellungnahme bestätigte. Wohl weil man nichts unversucht ließ, um Bierofka umzustimmen. Sogar nach AZ-Informationen war Ismaik am Montag nach München gereist, um Bierofka zu treffen und von seinem Vorhaben abzubringen – zu spät.

"Leider konnte ich ihn nicht mehr umstimmen. Es wird schwer die Lücke, die Daniel hinterlässt, zu schließen", ließ sich der Investor in der Mitteilung zitieren. 

Versteckte Angriffe von Präsident Reisinger

Wer Bierofka kennt, der weiß: Der Leidenschafts-Löwe braucht mehr als triftige Gründe, um bei seinem Herzensklub mitten in der Saison hinzuwerfen – und damit auch seinen langfristigen Vertrag bis 2022 aufzulösen. Doch die hatte der einstige Spieler, wie er bereits am Samstag nach dem 4:2-Sieg gegen Viktoria Köln erklärte.

"Lange schaue ich mir das nicht mehr an. Das weiß ich", sagte Bierofka und ließ durchblicken, dass er intern bekämpft werde. Wie die AZ aus dem Umfeld des Trainers erfuhr, machten ihm die Perspektivlosigkeit des Klubs (der Spieleretat soll von rund drei auf 2,4 Millionen gesenkt werden) ebenso zu schaffen wie mehr oder weniger versteckte Angriffe von Präsident Robert Reisinger und den Vereinsbossen. In einer Stellungnahme zu häufig gestellten Fragen von Fans hatten die Bosse seinen Abschied und sein Gehalt thematisiert – zwei Dinge, die kaum anders wirkten als eine Provokation.

Ist Gorenzel Bierofka in den Rücken gefallen?

Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel rückt in dieser Angelegenheit ebenfalls in den Fokus: Einst Bierofkas Vorschlag als Sportchef, hat das Verhältnis des 48-Jährigen zu Bierofka nach seiner Beförderung zu seinem Vorgesetzten nach AZ-Informationen gelitten. Sah doch Gorenzel die Einflussnahme Bierofkas über seinen Job als Trainer hinaus vermehrt kritisch. Ist er dem scheidenden TSV-Trainer gar in den Rücken gefallen? Gorenzel setzte sich zuletzt entschieden dagegen zur Wehr und betonte, Bierofka stets gestützt zu haben. Auf AZ-Nachfrage wollte sich Gorenzel nicht äußern.

Investor Hasan Ismaik setzte noch am Nachmittag schwere Vorwürfe ab: "Ich bin entsetzt, mit welchen Methoden Daniel Bierofka beim TSV 1860 beschädigt wird. Seit Monaten wird unser Trainer gemobbt", schrieb der Jordanier und bezeichnete die vermeintlichen Intrigen als "Schande". "Ich fordere die Personen auf, die mit ihrer hinterhältigen Taktik 1860 ganz bewusst schaden wollen, sich erkennen zu geben und die Gründe für ihr feiges Handeln zu nennen."

Wie es mit 1860 nun weitergeht, ist ungeklärt: Torjäger Mölders gilt als Vertrauensperson Bierofkas, viele Spieler waren ihm treu ergeben. Als Interimstrainer soll Assistent Oliver Beer einspringen, ihm droht nicht nur am Samstag bei Spitzenteam Halle eine Mammut-Aufgabe: Erste Fans rufen schon zum Heimspiel-Boykott auf. Vielen schwant nun Übles, doch für einige scheint es ein gewolltes Szenario: Ohne Bierofka droht Sechzig der Zusammenbruch.

Lesen Sie hier den AZ-Kommentar zum Bierofka-Aus: Unwürdig, unfähig!

 

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