Hoeneß-Ziehsohn verlässt Bayern Scholl zieht aus

Mehmet Scholl macht Schluss als Trainer des FC Bayern II - gegen den Willen von Uli Hoeneß, der in ihm einen Ziehsohn sieht. Nach 21 Jahren trennen sich ihre Wege. Das Ende einer ganz innigen Beziehung.

 

München - Diesmal war Mehmet Scholl schneller. Sein Entschluss stand, nun musste er noch an den Mann gebracht werden. Was wohl die schwierigere Komponente war, denn der Mann hieß Uli Hoeneß (61). Ihn sieht auch Mehmet Scholl, 42, als den Mr. FC Bayern, faktisch Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender.

Dass Scholl seinen Job als Trainer der Regionalliga-Mannschaft nach Ende der laufenden Saison – und damit ein Jahr vor Ende seines Vertrags – aufgebe, habe er „schon vor zwei Wochen Präsident Uli Hoeneß mitgeteilt“, verrät der Ex-Profi. Perspektivisch will er Trainer bleiben, doch zunächst seinen Vertrag als ARD-Experte bis 2014, inklusive der WM in Brasilien, erfüllen.

Der entscheidende Nachsatz: Er gehe, „obwohl der Präsident gesagt hat, dass er meine Entscheidung nur zur Kenntnis nimmt, aber nicht akzeptiert“.

Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Als Scholl während einer Trainer-Auszeit 2011 mit dem Gedanken spielte, sich nach der durchaus erfolgreichen Spielzeit 2009/10 noch einmal als Trainer der zweiten Mannschaft zu versuchen, wurde er von Hoeneß vor vollendete Tatsachen gestellt. Bei einem Fanklub-Besuch zur Adventszeit plauderte er Scholls Absichten aus. Er rief Hoeneß an, fragte, warum er das getan habe, er sei sich doch noch nicht so ganz sicher. „Er antwortete mir: Weil es so ist. Da habe ich gesagt: ,Okay, dann ist es so. Ja, Papa.’“ Scholl kehrte zurück.

19 Jahre liegen zwischen Hoeneß und Scholl, was rein rechnerisch möglich wäre, ist auf emotionaler Ebene, tatsächlich so. Als Hoeneß, damals Bayern-Manager, 1992 den schmächtigen Scholl als 21-Jährigen nach München holt, entwickelt sich über die Jahre eine Vater-Sohn-Beziehung. Hier Talent Scholl, sportlich unberechenbar, aber auf dem Weg zum deutschen David Beckham, außerhalb lausbubenhaft bis unreif, dort Hoeneß.

Der Teenie-Posterboy der frühen 90er, aufgewachsen in einer 78-Quadratmeter-Wohnung im sechsten Stock eines Neubaus am Rand von Karlsruhe, erlag den Verlockungen der Großstadt. Es gab kein Regulativ. Sein türkischer Vater hatte die Familie im Stich gelassen, sein Stiefvater blieb in Karlsruhe. Zu den sechs Millionen D-Mark Ablöse ergänzte Hoeneß 1992: „Das ist so einer wie wir damals waren, der Paul Breitner und ich. Der will nach oben um jeden Preis.“

Der Preis waren Verletzungen, auch seelische. Mit 26 trennte sich Scholl von seiner Frau. Sein Zorn entlud sich in einer Disco in Zürs am Arlberg, als er einen Gast attackierte. Sein Heldenstatus war verzockt. Da rief ihn Uli Hoeneß an. Sein Monolog, geschrien vorgetragen, dauerte nur eine Minute: „Wenn du so weitermachst, verlierst du auch noch den letzten Freund, den du beim FC Bayern hast. Haben wir uns verstanden?“

Hatte Scholl und nahm das Angebot an, bei Familie Hoeneß zur Untermiete einzuziehen. Samt eines Lebenscrashkurses. Hoeneß’ Ehefrau Susi setzte sich stundenlang hin, um mit dem Heranwachsenden die Dinge des Lebens zu diskutieren. Das saß. Scholl verstand, seine Leidenschaft und Extravaganz nur noch auf dem Platz auszuleben.

Als er 2007 seine aktive Karriere nach 15 Jahren und zahllosen Titeln (acht Mal Meister, Champions-League-Sieger, Europameister) beendete, schluchzte Hoeneß bei der Verabschiedung mehr als nach dem verlorenen Finale dahoam gegen Chelsea 2012.

Nun gehen sie wieder getrennte Wege. Weil Scholl es so will. Oder war es am Ende doch der Impuls der von Uli Hoeneß ausging, der ihm den Weg wies? Ende Juli hatte er ihm mit auf den Weg gegeben: „Wenn er Trainer bei uns bleibt, wird er den Vertrag bei der ARD nicht verlängern.“ Hat er auch noch nicht. Dennoch zieht er sich zurück. Womöglich wollte er seinem Ziehvater mit diesem Schritt mitteilen: Schau her, ich bin lernfähig.

 

4 Kommentare