Höhenflug und Rasenpflege Zum Abschied: Zirzensisches Theater im Olympiastadion

Julia Riedler fliegt ganz schwindelfrei los. Foto: Julian Baumann

Kammerspiele-Chef Matthias Lilienthal und sein Team verabschieden sich zirzensisch heiter im Olympiastadion.

 

München - Der Verlauf von Matthias Lilienthals fünfjähriger Intendanz an den Münchner Kammerspielen lässt sich leicht mit dem derzeitigen Wetter vergleichen: Äußerst wechselhaft war es, dunkle Wolken zogen schon kurz nach dem Start auf, heftige Gewitter folgten und am Ende wurde es im "Theater des Jahres" doch ganz schön heiter. Bis das Corona-Virus alles sturmhaft durcheinanderwirbelte.

Intendant Lilienthal: "Kleine Geste zum Abschied" im Olympiastadion

Lilienthal hat im Gegensatz zu dem vor einem Jahr schon scheidenden Resi-Intendanten Martin Ku(s)ej dezidiert nicht ein schwarzes, schweres Rückblicks-Buch auf das eigene Münchner Wirken vorgelegt – ein Buch übrigens, bei dem man noch heute fürchten muss, dass es aus dem Regal fällt und einem den Schädel einschlägt. Er hat es stattdessen bei einem charmanten, 144 Seiten starken Special in einem Magazin mit dem bezeichnenden Namen "Das Wetter" belassen. Das zeugt von einem Stilbewusstsein, das weniger dem von emeritierten Uni-Professoren als von sympathischen Hipstern im Glockenbachviertel entspricht.

Das jüngere Publikum hat Lilienthal wie kein anderer in die Kammerspiele gelockt, was einer der hervorzuhebenden Verdienste seiner Intendanz ist. Und ein wenig Spektakel sollte zum Abschluss dann doch sein: Auch wenn die Pandemie größere Premieren wie das 24-Stunden-Projekt "Olympia 2666" verhinderte, ließen es sich Lilienthal und sein Team nicht nehmen, zumindest eine "kleine Geste zum Abschied" im gar nicht kleinen Olympiastadion zu zeigen. Das Wetter erwies sich dabei bis kurz vor Performance-Beginn am Samstag um 16 Uhr als Zünglein an der Waage: Bis Samstagmittag regnete es durch, und man konnte schon befürchten, dass der letzte Streich ins Wasser fällt. Dann klärte sich die Lage ausreichend auf.

Unheimlich Zirzensisch: Dachkletterei und "Flying Fox"

Unter schweren, aber zurückhaltenden Wolken durfte ein Publikum von 400 genehmigten Zuschauerinnen und Zuschauern auf der Westtribüne des Olympiastadions Platz nehmen. Sie erlebten gleich zu Beginn einen Moment der Desorientierung, wie es später noch einige geben sollte in dieser einstündigen Performance, die Hausregisseur Toshiki Okada mit dem Ensemble plus dem ganzen Dramaturgie-Team innerhalb von nur fünf Tagen ausgeheckt hat. Julia Riedlers Stimme erschallt zu Beginn aus den Lautsprechern, lässt sich aber nicht einfach lokalisieren – bis man sie rechts oben auf dem Dach des Olympiastadions entdeckt: gekleidet in ein Superheldinnen-Cape und offenbar gesegnet mit einer Schwindelfreiheit, die womöglich von ihrer bergseligen Kindheit im Salzburger Alpenvorland rührt.

Bei steiler Dachkletterei und Zuschauerbegrüßung belässt es Riedler aber nicht, sondern gleitet mit dem "Flying Fox", der himmelhochjauchzenden Seilbahnrutsche des Olympiastadions, quer über die Arena. Etwas unheimlich Zirzensisches hatte die Lilienthal-Ära bei aller Orientierung an politischen Themen sowieso schon immer, man denke nur an die blutreichen Stunt-Shows von Florentina Holzinger.

"Opening Ceremony": Neuanfänge und Super Mario

Auf Julia Riedlers Höhenflug folgt aber eine meditative Übung in Rasenpflege: Mehrere Ensemblemitglieder begießen mit grünen Gießkannen das Gras und denken zur sphärischen Live-E-Gitarre von Kauzhisa Uchihashi über ein "globales Event" nach, das vielleicht stattfindet oder nicht.

Gemeint sind damit vor allem die Olympischen Spiele in Japan, die wegen des Corona-Virus auf 2021 verschoben wurden und zu deren Zeremonienmeistern auch Toshiki Okada zählt. In Yokohama hatte er bereits einen Teil der Show geprobt, bevor die Pandemie ausbrach. Nun führte er seine Arbeit in München fort, mit Texten, die er teils schon in Yokohama entwickelt hat. Der Titel des Olympia-Gigs, "Opening Ceremony", hat angesichts des Lilienthal-Finales durchaus eine gewisse Ironie, aber diese letzte Performance dreht sich tatsächlich eher um Neuanfänge, um das Wachsen und Wuchern des Grases und das Übertragen von Pollen, um Bienen und andere Insekten, um einen Helden wie Super Mario, der bevorzugt nach Pilzen jagt, um dadurch buchstäblich über sich hinauswachsen zu können.

"Alle Pannen dieser Welt" - "Repariert Mario!"

Gleich drei Versionen des Klempners aus dem Nintendo-Spiel tauchen im Olympiastadion auf: Zuerst Samouil Stoyanov, der mit dem Go-Kart auf den Rasen trebbelt und dabei gehörig ins Schleudern gerät. Im roten Overall macht Stoyanov ein paar Mario-Warmup-Übungen mit dem Publikum und bietet sich als Leitfigur an wie es auch Lilienthal war: einer, der auf die Münchner Kleidungsetikette herzlich pfiff und sein Wägelchen Kammerspiele trotz riskanter Schlenker letztlich auf Kurs hielt. Später taucht Damian Rebgetz als Mario auf, der Australier ein entspannter Flaneur mit falschem Bauch auf dem Rasen und wie so oft in seiner Kammerspiele-Zeit musikalisch eingestimmt. Sogar die Deutschlandhymne summt Rebgetz kurz an und lädt zum Call-and-Response ein: "Alle Pannen dieser Welt", ruft er. "Repariert Mario!", ergänzt das Publikum. Auf einen Chef, der die Dinge immer wieder ins Lot bringt, hofft jedes Ensemble, aber welcher Intendant kann schon wie der Papa alles richten?

Okadas Performance träumt sowieso davon, dass nicht nur eine Person die Szenerie bestimmt: "Vielleicht ist Mario gar nicht der Name eines Individuums, sondern einer ganzen Spezies", überlegt sich Jelena Kulic, auch sie eine der gewachsenen Größen in Lilienthals Ensemble und auf der Südseite des Olympiastadions Teil einer verstreuten Gruppe von Naturwesen, die mit ihren grünen Kostümen inmitten der grünen Sitze fast verschwinden. Zur Tarnung nehmen Insekten die Farbe ihrer Umwelt an, aber sie machen schon ihr eigenes Ding und könnten eines Tages den ganzen Laden übernehmen.

"Ein Theater geschenkt, das es hier noch nie gegeben hat"

Das apokalyptische Ökomärchen von der Natur, die sich eines Tages ihr Territorium von den fahrlässigen Menschen zurückerobern wird, mit dem Virus als Vorboten, liegt bei Okada in der Luft, aber konkret greifbar ist und war bei ihm schon immer wenig. Poesie entsteht in den Lücken, in Bewegungen, die man nicht konventionell dechiffrieren kann. Den Regiestil Okadas, so skurril-naiv wirkend und geschickt zugleich, konnte man in den letzten Kammerspiele-Jahren häufiger erleben, so wie Lilienthal insgesamt auf ein internationalisiertes Theater setzte, auf Kooperationen unter Leuten, die auch auf dem Rasen des Olympiaparks ganz bewusst unterschiedliche Sprachen sprechen und jede und jeder für sich seine individuelle sportliche (Tanz-)Einlage auf dem weiten Rasen genießt.

Dennoch wirken sie wie ein Team, ein gewachsenes Ensemble, das sich damals noch finden musste. Kam bei manchen Pannen die Reparatur vielleicht schlicht einen Tick zu spät? Lilienthal habe München "ein Theater geschenkt, das es hier noch nie gegeben hat", erklärte Kulturreferent Anton Biebl nach der Performance bei einem Empfang hinter den Rängen des Olympiastadions und erinnerte an den schweren Start des Intendanten. Lilienthal steht dabei in einigem Abstand, hört zu und bekommt nach Biebls Rede den verdienten, lang anhaltenden Applaus. Ein rührender Moment. Und durch die riesige dunkle Wolke hinter Lilienthal brachen doch tatsächlich Sonnenstrahlen durch.

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