Helferin im AZ-Interview Flüchtlinge in Idomeni: "Vergesst diese Seelen nicht!"

"Wenn du mal vor Ort gewesen bist, bricht dir das Herz": Die Münchnerin mit zwei Flüchtlingskindern bei ihrem ersten Besuch in Idomeni. Foto: privat

Die Münchnerin Brigitte Kümpfel (29) war gerade in Idomeni. Seit Dienstag wird das Elendscamp geräumt. Die AZ hat mit ihr gesprochen.

Idomeni - Brigitte Kümpfel ist Sozialpädagogische Assistentin bei der Arbeiterwohlfahrt München-Stadt. Sie ist bereits mehrmals als freiwillige Helferin im Flüchtlingscamp in Idomeni gewesen, das jetzt geräumt wird – zuletzt an diesem Wochenende. In der AZ spricht sie über ihre Erlebnisse.

AZ: Frau Kümpfel, Sie klingen mitgenommen.

BRIGITTE KÜMPFEL: Es ist für mich auch kaum zu ertragen, dass ich wieder in München hocke, wo die Situation dort so wahnsinnig tragisch ist.

Wie war die Situation im Camp, als sie dort waren?

Es war furchtbar. Die Leute haben überhaupt keine Kohle mehr, weder für Essen noch für Wasser. Wie da die "Bild"-Zeitung auf die Idee kommt, es gebe Prostitution im Camp, verstehe ich nicht. Das kann sich ja keiner leisten. Und wir lassen sie einfach hängen, wir lassen Griechenland hängen.

Wen meinen Sie mit "wir"?

Deutschland und die EU. Es ist untragbar, dass sich da drüben nur Freiwillige darum kümmern, dass die Leute etwas zu essen bekommen. Die Griechen haben da nicht zugeschaut: Die Bewohner von Idomeni haben das Bisschen, was sie in den Kühlschränken hatten, rausgegeben. Und die Helfer mussten das Essen mehr oder weniger ins Lager reinschmuggeln.

Gespendete Süßigkeiten: Ein kleines Glück inmitten des Elends.

"Eine Frau wünschte mir einen schönen Urlaub. Ein Schlag ins Gesicht!"

Warum schmuggeln, hat jemand die Ausgabe verboten?

Nein, nein, nicht, weil es verboten war. Sondern weil man überrannt worden wäre, wenn zu viele gesehen hätten, dass man Essen mitbringt. Jeder hat versucht, noch irgendeine Brotrinde zu kriegen.

Sie haben mit Vielen dort gesprochen. Wie geht es ihnen?

Wie geht es einer Mama, die ihr zwölf Tage altes Baby einer wildfremden Frau in die Hand drückt und sagt: "Bitte nimm’ sie mit nach Deutschland, damit es ihr gut geht"? Die ist 19 Jahre, der Mann 24. Er sah total fertig aus, hat vor mir seine Taschen ausgeleert. Da waren drei Euro drin. Drei Euro, um seine Familie durchzubringen.

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Unvorstellbar.

Ist es offenbar wirklich, vor allem von Deutschland aus. Ich hatte letzte Woche in München ein Gespräch mit einer Dame, die überhaupt nicht wusste, was Idomeni ist. Eine andere wünschte mir, als ich sagte, ich fahre dorthin: einen schönen Urlaub. Sowas ist doch ein Schlag ins Gesicht!

Es ist nicht für jeden selbstverständlich, sich ständig mit Geflüchteten auseinanderzusetzen.

Aber wenn sie es sehen würden! Wenn du mal vor Ort gewesen bist, bricht dir das Herz. Es sind so viele Kinder dort, so viele unbegleitete Jugendliche. Die haben die Hölle hinter sich gelassen und sind in der Hölle gelandet. Ich traf eine Mutter mit einem sechs Monate alten Kind, die mir erzählte: Sie will zurück nach Syrien. Ich fragte sie: "Du hast ein Baby, warum willst du zurück dahin, wo Menschen sterben?" Sie sagte: "In Syrien wäre ich wenigstens schnell gestorben."

Brigitte Kümpfel mit einer Campbewohnerin und deren Baby. "Sie wollte mir ihre Tochter geben, damit ich sie nach Deutschland mitnehme."

"Das ist nicht Afrika, das ist die EU, und wir diskutieren hier über Jan Böhmermann"

Das Camp in Idomeni wird ja auch wegen der menschenunwürdigen Zustände evakuiert, die Migranten sollen in andere Lager gebracht werden.

Ja, es ist Land unter da unten, aber die neuen Lager werden auch nicht besser sein.

Wie meinen Sie das?

Die bringen die Menschen jetzt in Armee-Camps unter. Die bestehen abgesehen von ein paar Klos und ein paar Duschen nur aus Zelten, ohne Kochstelle darin. In Idomeni hatten die Familien wenigstens noch eine Feuerstelle, wo die meisten sich aus Müll Küchenutensilien gebastelt haben, mit denen sie was kochen konnten. Es gab in Idomeni eine von Ehrenamtlern organisierte Schule, einen Kindergarten. Da konnten wir wenigstens helfen.

Hilfsorganisationen sind aber sicher nicht verboten im neuen Camp.

Nein. Ich habe gehört, dass dort ein paar Nichtregierungsorganisationen arbeiten dürfen.

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Werden Sie auch versuchen, dort zu helfen?

Ich wollte eigentlich etwas langsamer machen, ich war ja jetzt mehrmals dort, arbeite in München seit acht Monaten im Grunde ohne Pause, um zu helfen, auch in unserer Gemeinschaftsunterkunft in Sendling mit 700 Bewohnern. Aber ich kann einfach nicht weniger machen. Idomeni ist nur zweieinhalb Stunden von uns entfernt! Das ist nicht Afrika, das ist die EU, und wir diskutieren hier über Jan Böhmermann und ein Gedicht, während das dort geschieht!

Dass sich von hier niemand um die Geflüchteten kümmert, ist ja aber auch nicht wahr.

Nein, das stimmt. Es gibt viele freiwillige Helfer, die in Deutschland und dort unterstützen, auch solche von kleinen Vereinen wie Heimatstern oder Welcome Help, und der German Alliance. Ich werde nur wütend, wenn ich darüber nachdenke, wie gut es den Menschen hier geht und wie mühsam es war, in München Spenden zu sammeln. Und dann kommt eine Flüchtlingsfamilie aus unserer Unterkunft zu mir. Und der Vater holt ein paar Euro aus seiner Tasche und sagt: "Es ist nicht viel, aber bitte kaufe den Menschen dort was zu essen."

Haben Sie es angenommen?

Ich wollte nicht, aber er hat darauf bestanden. Die Leute in Idomeni haben sich sehr gefreut, als ich ihnen davon erzählt habe. Aber es ist so unverhältnismäßig, dass es unseren Staat nicht interessiert, was dort passiert, weil es nicht der Hauptbahnhof in München ist. Mein Aufruf an die Menschen hier wäre deshalb: Vergesst auch diese Seelen nicht!

 

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