"Heiraten Sie doch eine Frau" AZ-Report: Homosexuelle Flüchtlinge und rechtelose Mütter

David hat einen Teil seiner Haare gefärbt – in seiner Heimat ein Zeichen dafür, dass jemand schwul ist. Foto: Menrad

Ein junger Mann soll abgeschoben werden und künftig heimlich schwul leben und eine Frau hat keinen Kontakt zu ihrem Kind mehr. Teil zwei der AZ-Serie zur Pride Week.

München - In Bayern gibt es Menschen, die nicht dieselben Rechte haben wie die meisten von uns. Geflüchtete etwa, die noch im Asylverfahren sind. Für einige von ihnen ist das Leben besonders schwer, weil sie als LGBTI* in den Massenunterkünften homophobe Gewalt erfahren. 

Die Bayerische Staatsregierung aber findet, dass Schwule, Lesben und Trans weiter in diesen Unterkünften leben müssen, um die anderen Geflüchteten an LGBTI* zu gewöhnen. Thomas Michael, Koordinator bei refugees@sub ärgert das maßlos, zumal er und andere Unterstützer gerne mehr geschützten Wohnraum für geflüchtete LGBTI* schaffen möchten. Doch die Staatsregierung bremst sie aus. Die Aktivisten jedoch wollen nicht klein beigeben.

Zwei Jahre lang gekämpft hat auch Maria – um den gemeinsamen Sohn mit ihrer Ex-Frau. Weil die das Kind ausgetragen hat, ist Maria nicht als Mutter anerkannt.

In der Abendzeitung erzählen diese zwei starken Menschen ihre Geschichte. Morgen lesen Sie zur Pride Week über HIV-Kranke, die gegen die Stigmatisierung ihrer Krankheit in der Gesellschaft kämpfen und einen Mann, der aus dem Job gemobbt wurde, weil er schwul ist.

Homosexuelle Flüchtlinge: "Schwule in den Camps haben Angst"

David ist aus Sierra Leone geflohen, auch in Deutschland ist er nicht sicher.

David war schlicht überwältigt, als er das erste Mal ins Sub, das schwule Kulturzentrum in der Müllerstraße, kam. "Ich habe mich frei und glücklich gefühlt", sagt David (22).

In seiner Heimat Sierra Leone stehen homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Schwule leiden zudem extrem unter der Homophobie ihrer Mitmenschen. Männer, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen, sieht man in Sierra Leonie nie. Auch David liebte heimlich in seiner Heimat, bis er von der Polizei erwischt wurde.

Aus Angst vor der Strafe floh der damals 15 Jahre alte David, ohne sich von seiner Familie und seinen Freunden verabschieden zu können. Drei Jahre dauerte seine mittellose Flucht und endete 2014 in München in der Bayernkaserne.

Der Arzt rät: Niemals alleine unterwegs sein

Mit wechselnden Zimmergenossen lebt David dort in einem Viererzimmer. Hier will er sich nicht verstecken, erzählt den anderen, weshalb er geflohen ist. Er bleibt ein Außenseiter, trifft keine anderen Geflüchteten, die in der Bayernkaserne geoutet sind. "Schwule in den Camps haben Angst."

Von dieser Angst erzählt er auch dem Arzt in der Bayernkaserne. Sein Rat: Er solle zusehen, dass er niemals allein unterwegs ist.

Mehrmals muss David umziehen, ist in zwei Camps im Landkreis Ebersberg, zuvor in Ingolstadt. Mit ihm zieht die Angst vor Attacken um. Einzig im Sub fühlt er sich sicher. Durch eine Zufallsbekanntschaft landet er in dem schwulen Zentrum. Einmal im Monat treffen sich hier die Rainbow Refugees. "Andere schwarze Schwule zu treffen und mit ihnen darüber zu sprechen, was wir erlebt haben, ist sehr wichtig für mich." Ein anderer Mann aus Sierra Leone, der in Augsburg lebt, hat es ihm besonders angetan. "Wir telefonieren jeden Tag. Es ist, als würden wir uns schon immer kennen."

Einmal wird er daheim so verprügelt, dass die Polizei kommen muss

Doch das junge Paar trennen knapp 100 Kilometer. David lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft in Vaterstetten. "Ich gehe so oft wie möglich raus, denn zu Hause halte ich es nicht aus." David macht eine Ausbildung zum Koch in einem bayerischen Gasthaus, doch wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt, erwarten ihn Hass und Homophobie.

Ein Mann hetzt die ganze Unterkunft gegen ihn auf. Einmal ging er so schlimm auf David los und prügelte auf ihn ein, dass die Polizei kommen musste. Seitdem hat David wenigstens ein eigenes Zimmer. Doch wenn er auf die Toilette, ins Bad oder mal in die Küche geht, begleitet ihn immer die Angst vor einem neuen Angriff – körperlich oder verbal.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat seinen Antrag auf Asyl im ersten Verfahren abgelehnt. Die generelle Bedrohungslage in Sierra Leone ist für die Behörde nicht ausschlaggebend, David müsse beweisen, dass sein Leben in Gefahr sei. David erzählt auch, dass ihm ein BAMF-Mitarbeiter den Tipp gegeben hat, in Sierra Leone eine Frau zu heiraten und heimlich Männer zu treffen. Auch wenn David gut Deutsch spricht weiß er nicht, was er dazu sagen soll.

AZ-Hintergrund: Staat vs. Stadt - Geschützte Unterkünfte

Der Europäische Gerichtshof sieht geflüchtete LGBTI* als schützenswerte Gruppe. Deshalb haben viele Bundesländer extra Unterkünfte für sie eingerichtet. Allein in Dresden, Leipzig und Chemnitz gibt es jeweils über hundert Plätze für geflüchtete LGBTI*. 

Bayern hat entschieden, dass es geschützte Unterkünfte nicht braucht, die Städte München und Nürnberg aber schon. In München gibt’s 17 Wohnplätze für LGBTI*, ist aber jemand erst mal in einer staatlichen Unterkunft, ist es fast unmöglich, in eine städtische, geschützte umzuziehen.


Stiefkindadoption: Einmal Mutter, immer Mutter

Zwei Frauen bekommen ihr Wunschkind, doch dann muss eine um ihren Sohn kämpfen.

Das eigene Kind nicht mehr sehen zu dürfen ist der Albtraum jeder Mutter. Maria (32, Name geändert) musste ihn durchleben.

Maria und ihre Partnerin sind seit zwei Jahren verheiratet, als sie sich ihren größten Wunsch erfüllen: ein gemeinsames Kind. Lange suchen sie einen Spender, sehen sich Profile von Männern bei einer dänischen Samenbank durch und finden einen Kandidaten, der Maria ähnlich sieht und dessen Profil und was er über seine Werte und Interessen schreibt, das Paar berührt.

Marias Frau trägt das Kind aus, doch Maria ist immer an ihrer Seite: Sie macht sich selbstständig als Projektmanagerin, um für ihre Familie flexibler zu sein und nimmt sich drei Monate Elternzeit. Doch mit dem Elternsein beginnen auch die Probleme in der Beziehung.

Denn nur Marias Lebenspartnerin ist als Mutter des Kindes eingetragen. Maria muss beim Jugendamt ihren Sohn adoptieren. "Das ist ein entwürdigendes Verfahren, in dem ich intimstes preisgeben musste – etwa, dass meine Eltern getrennt sind, meine finanziellen Verhältnisse und was ich dem Kind bieten möchte." Maria und ich ihre Frau wollen dem Kind ein liebevolles Umfeld bieten, doch die Adoption zehrt an beider Nerven.

Nach einem halben Jahr kündigt sich das Jugendamt zu einem Besuchstermin an. Dass das Paar total gestresst ist, weil sie die Wohnung perfekt präsentieren wollen, ihr Sohn aber wegen einer Bronchitis im Krankenhaus war, trauen sich die Frauen nicht zu sagen. "Wir hatten Panik, dass das Jugendamt irgendetwas auszusetzen hat. Die Nerven lagen blank."

Zu dieser Zeit beginnt Marias Frau ihr bei Streits um Erziehungsfragen zu drohen, dass sie die Adoption stoppen wird. "Meine Ex-Frau hatte immer die Oberhand, weil das Kind rein rechtlich nicht meines ist." Die Behörden verschleppen die Adoption, es dauert und dauert. Das Paar streitet sich über Kleinigkeiten und die großen Themen.

Als der Bub eineinhalb Jahre alt ist, zieht Marias Partnerin von heute auf morgen aus. 400 Kilometer trennen Maria jetzt von ihrem Sohn, der rechtlich nicht ihr Sohn ist. Doch Maria kämpft.
Zwei Jahre lang ist sie in ständigem Kontakt mit ihrer Ex-Frau, ihrem Sohn und den Behörden. Letztere sagen ihr, sie sei nun kein Elternteil mehr, weil sie nicht mehr in einer Beziehung sei. Doch einmal Mutter, immer Mutter.

Schließlich ist auch das Jugendamt überzeugt, die Adoption wird anerkannt. Maria und ihre Ex-Frau haben nun beide das Sorgerecht, jetzt kämpft Maria um das Umgangsrecht. Sie möchte ihren Sohn nicht nur alle zwei Wochen für zwei Tage, sondern auch in den Ferien sehen. Denn er ist ihr Sohn.

AZ-Hintergrund: Wenn Lesben Kinder bekommen – Die rechtliche Situation

Wenn Ehefrau und Ehemann ein Kind bekommen, gilt automatisch der Ehemann als Vater. Ist ein Mann-Frau-Paar nicht verheiratet, kann der Mann die Vaterschaft unkompliziert anerkennen. 

Wenn ein Kind in eine lesbische Ehe hineingeboren wird, gilt nur die biologische Mutter als Mutter, ihre Partnerin muss das Kind erst noch aufwendig adoptieren, Stiefkindadoption nennt sich das. 

Bis die Adoption durch ist, ist die nicht-gebärende Mutter als Mutter rechtlos.


Erklärung: LGBTI* - Das * für alle

LGBTI ist die Abkürzung für die englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transexual/Transgender und Intersexual (deutsch: lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell/Transgender und intersexuell). Manche Menschen wollen jedoch nicht auf einen der Buchstaben in LGBT festgelegt werden. Um der von ihnen gewünschten Uneindeutigkeit in sexueller und sozialer Geschlechtsidentität gerecht zu werden, wird darum auch ein Sternchen angehängt: LGBTI*.

Weil das niemandem wehtut und die Abendzeitung niemanden ausschließen will, verwenden auch wir das Sternchen.

Lesen Sie hier Teil eins der Serie: LGBTIQ in München - Gleichberechtigt? Nicht ganz!