Harte Kritik Scholl-Attacke auf EM-Held Gomez

Rechts: So sieht einer aus, der gerade sein bislang wichtigstes Tor für die Nationalmannschaft erzielt hat: Mario Gomez in Lemberg. Links: Mehmet Scholl Foto: AP/dpa

Mario Gomez rettet den deutschen EM-Auftakt mit seinem 1:0 gegen Portugal – und wird trotzdem von ARD-Experte Mehmet Scholl heftigst kritisiert. „Er könnte mehr, wenn er will. Die Frage ist: Will er?“

 

Lemberg - Es soll ja tatsächlich Menschen geben, die in diesen bewegten Tagen nicht Fußball schauen. Am Samstagabend waren es 4,5 Millionen Deutsche, die „Der Kriminalist“ (ZDF) sahen; 2,33 Millionen taten sich „Die ultimative Chart Show“ (RTL) an. Liebe Leute, ihr habt was verpasst! Nicht nur den Thriller von Lemberg, das spannende 1:0 des DFB-Teams gegen Portugal (ARD), sondern auch ein grandioses Nachspiel, das bei RTL wohl so heißen würde: „Das ultimative Mario-Gomez-Bashing – von und mit Mehmet Scholl“.

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22,33 Millionen TV-Zuschauer sahen den Auftaktsieg der Löw-Truppe. Das entspricht einem Marktanteil von 69,3 Prozent. Wer nach dem Schlusspfiff nicht gleich abschaltete, wurde noch mit einer Experten-Analyse belohnt, wie man sie im deutschen Fernsehen selten gehört hat. Der Ex- und Bald-wieder-Bayer Scholl zerpflückte die Leistung seines Klubkameraden Gomez. Seine Kernsätze: „Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss. Es war zwischenzeitlich wirklich extrem. Die Mittelfeldspieler und die Abwehrspieler wollten nach vorne spielen, sie wollten in die Spitze spielen, aber da war keiner.“ Pardauz!

Dem mittelprächtig entsetzten Moderator Reinhold Beckmann („Aber er hat doch das Tor gemacht!“) erklärte ARD-Experte Scholl das so: „Gomez hat zwei, drei Aktionen im Spiel – das ist es dann aber auch. Die Frage ist doch: Wie lange hält eine Mannschaft so was aus? Es geht ja nur solange, bis er drei, vier, fünf Mal nicht trifft. Dann geht auch die Diskussion los.“ Mit diesen deutlichen Worten hat Scholl eine Debatte eröffnet, die für Gomez nicht neu ist.

Häufig wird dem Torjäger ein Hang zum Phlegma unterstellt, dem er in dieser Saison 45 Treffer in 58 Pflichtspielen entgegenstellen konnte – zumindest beim FC Bayern. In der Nationalelf kam er selten am mittlerweile 34-jährigen Miroslav Klose vorbei. Solange es Klose gibt, wird sich Gomez mit Kritik auseinandersetzen müssen. Insofern verwunderte Gomez’ Antwort auf die Frage, wie gut es mal tue, Matchwinner in der Nationalmannschaft zu sein. „Was heißt „mal“?“, fragte Gomez forsch zurück und meinte: „Ich habe zwei erfolgreiche Jahre hinter mir. Es war ein weiter Weg bis hierhin. Ich bin sehr sehr glücklich darüber, dass der Trainer mir heute das Vertrauen geschenkt hat.“

Kurz vor dem 1:0 war die Geduld von Joachim Löw jedoch fast aufgebraucht: Klose stand schon zur Einwechslung bereit, als Sami Khediras Flanke Richtung Gomez segelte. „Es war von vornherein klar, dass Miro für die letzten Minuten noch kommt“, sagte Gomez, „ich hab’ gedacht: eine Chance kriegst du noch – so ist es im Fußball.“

Selten ist es aber so, dass der gefeierte Held sich Kritik wie die von Scholl anhören muss: „Er hat ja einen guten Satz gesagt, dass es die letzten zwei Jahre für ihn gut gelaufen ist. Ich würde mich freuen, wenn er noch mehr arbeiten würde“, meinte der ARD-Experte und in der neuen Saison Trainer der Amateure beim FC Bayern, „er könnte viel mehr Situationen haben, wenn er nur will. Die Frage ist, ob er will. Ich habe ihn noch nie 90 Minuten lang unterwegs gesehen. Ich habe ihn schon mal mehr laufen sehen, aber selten weniger. Man braucht heutzutage Stürmer, die auch nach hinten laufen. Das gibt es im modernen Fußball eigentlich nicht mehr, dass ein Stürmer nur zentral bleibt, keinen Ball kurz haben will, sondern nur auf Flanken hofft oder auf einen Laufweg, der sich auftut oder eine freie Straße, die er benutzen kann. Insgesamt ist das zu wenig.“

Bundestrainer Löw sah die Causa Gomez so: „Das Wichtigste ist das Tor. Es spricht für seine großartige Qualität, dass er aus einer Chance ein Tor macht. Mario hat vorne viel arbeiten müssen, den Pepe zumachen müssen. Da war ein bisschen Verschleiß, da braucht man dann frische Kräfte.“ Und auch Ex-Welt-Star Lothar Matthäus wollte im TV-Sender „Sport1“ nichts auf den Torjäger kommen lassen: „Ich finde die Kritik an Gomez nicht berechtigt. Er ist ein klassischer Strafraumstürmer, also wieso sollte er auf die Flügel ausweichen?“ Bündig befand Matthäus: „Ein Spiel, ein Tor – was will man mehr?“ Nun, natürlich will man mehr: Scholl. Sein nächster Einsatz: Dienstag, 20.15 Uhr, ARD

 

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