Gutjahr - Die Kolumne Freies Internet für freie Bürger

Internet zum Mitnehmen? In vielen Ländern bieten Cafés und andere öffentliche Orte freies Internet für ihre Gäste an - In Deutschland ist das verpönt, meint Richard Gutjahr. Foto: Ronald Zimmermann

Richard Gutjahr schreibt jeden Freitag für die Abendzeitung über digitalen Lifestyle - das Leben mit Computer. Heute: WLAN im öffentlichen Raum.

 

Der heutige Text wird Ihnen möglich gemacht von Boya, meinem Stamm-Lokal in Israel, malerisch gelegen an der Hafen-Promenade von Tel Aviv. Hier gibt es nicht nur leckeren Falafel oder Humus. Hier gibt es etwas, was man in deutschen Gaststätten vergeblich sucht: freies Internet. Ob im Fischrestaurant von Haifa oder in der Knesset, Israels Parlament in Jerusalem; an jeder Straßenecke in Israel gibt es kostenloses WLAN. Sogar die öffentlichen Busse sind mit Internet-Hotspots ausgestattet. Damit lassen sich auch als Tourist schnell mal E-Mails, Landkarten oder Webseiten abfrufen. Gratis.

Für Israelis ist der freie Zugang zum Netz so etwas wie ein Grundrecht. 30 Prozent aller WLAN-Netzwerke des Landes sind frei zugänglich. Viele Privathaushalte verzichten auf Passwörter, Trittbrettsurfen gilt nicht als Schmarotzertum, es ist sogar erwünscht, eine zeitgemäße Form von Nachbarschaftshilfe. Anders bei uns in Deutschland: Von meinem Arbeitszimmer in München-Schwabing aus empfange ich ein gutes Dutzend Funk-Netzwerke meiner Nachbarn, alle Passwort-gesichert (sofern man das Netzwerk von den Meiers gegenüber als geschützt bezeichnen möchte: Idioten-Passwort „123456“).

Selbst in den deutschen Gasthäusern hat die Gastfreundschaft ihre Grenzen. Wer freies Internet anbietet, gilt nämlich nach deutschem Recht als „Störer“. Schuld daran ist die sogenannte „Störerhaftung“, ein Gesetz, das Anbieter öffentlicher Hotspots dafür verantwortlich macht, wenn ein Dritter über dieses Netzwerk Straftaten begeht, z. B. illegal Musik herunterlädt. Kommerzielle Netz-Riesen wie Telekom & Co. sind von einer solchen Haftung ausgenommen, nicht aber kleine Café- und Kneipenbesitzer. Die Digitale Gesellschaft aus Berlin hat jüngst einen Gesetzentwurf formuliert, der mit dieser Ungerechtigkeit Schluss machen soll, Privatpersonen und Gewerbetreibende mit den Telekommunikations-Unternehmen gleichstellen will. Freies Internet für freie Bürger? Ein solches Gesetz bedarf natürlich sorgfältiger Prüfung und wird vom Deutschen Bundestag nicht mal eben im Eilverfahren während eines Fußballspiels durchgewinkt. Soll mir recht sein. Verbringe ich halt noch ein paar Tage in meinem „Büro“ am Mittelmeer, schaue hinaus aufs Meer und schicke Ihnen diesen Text hier aus der Ferne. Für lau.

 

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