Gift-Getränke in Supermärkten Polizei: Beschuldigte vergiftete auch Kinder im Gasteig

, aktualisiert am 25.06.2020 - 12:23 Uhr
Die Beschuldigte soll auch bei einer Veranstaltung im Gasteig Getränke vergiftet haben. Foto: Peter Kneffel/dpa

Der Verdächtigen, die mehrere Getränke in Münchner Supermärkten vergiftet haben soll, können weitere Taten zugeschrieben werden. Sie soll zwei Kinder im Gasteig vergiftet haben.

 

München - Im Fall der vergifteten Getränke in Münchner Supermärkten haben die Ermittler neue Erkenntnisse.

Der schon festgenommenen Verdächtigen können ältere Taten zugeschrieben werden. Dabei handelt es sich um einen Vorfall vom November 2018 im Münchner Gasteig.

Zwei Mädchen im Gasteig vergiftet

Bei einer dortigen Veranstaltung, die sich speziell an Kinder gerichtet hat, soll die Beschuldigte zwei Schwestern vergiftet haben, die damals sieben und zehn Jahre alt waren. Nachdem sie Apfelschorle getrunken hatten, klagten die Kinder über Schwindel, anschließend mussten sie sich erbrechen und fielen sogar in Ohnmacht. Die Mädchen verloren das Bewusstsein und wurden ins Krankenhaus gebracht. Eine Nacht blieben die Kinder in der Klinik zur Behandlung. Ein Bluttest ergab, dass ihre Getränke mit einem Lösungsmittel versetzt worden waren. "Bei den Kindern gibt es glücklicherweise keine Folgeschäden", sagte Josef Wimmer, Leiter der Mordkommission, bei einer Pressekonferenz am Donnerstag.

Bei den damaligen Ermittlungen schilderten Zeugen, dass sie eine ältere Frau wahrgenommen hätten, die sich "auffällig verhalten" hat. Bei der Veranstaltung gab es einen Getränkewagen auf dem Gläser standen – laut Zeugen soll die Beschuldigte immer wieder in der Nähe dieses Wagens gesehen worden sein. Konkrete Anhaltspunkte gab es damals allerdings noch nicht. Auch die weiteren Ermittlungen brachten keine neuen Erkenntnisse, der Fall galt als ungelöst. Zwar wurden die Untersuchungen laut Wimmer fortgeführt, jedoch gab es erstmal keine weiteren bekannten Vorfälle, die ähnlich verlaufen sind.

Manipulierte Flaschen in Supermärkten

Bis zum März und April 2020, als vier manipulierte Flaschen in zwei Münchner Supermärkten auftauchten. Drei Kunden hatten die vergifteten Flaschen gekauft und daraus getrunken. Zwei Frauen im Alter von 34 und 42 Jahren mussten laut Polizei sofort medizinisch behandelt werden. Auch einem 48-jährigen Kunden soll es nach dem Verzehr schlecht gegangen sein. Die Dosis des Gifts hätte nach Einschätzung der Ermittler tödlich wirken können.

Anfang Juni informierte die Polizei zum ersten Mal über die Gift-Vorfälle. Am 2. Juni wurde die Soko "Tox" gebildet, bereits drei Tat später konnten die Ermittler eine Verdächtige festnehmen. Die psychisch kranke Frau wurde wenige Tage nach Bekanntwerden der Taten festgenommen. Das Motiv der 56-Jährigen ist noch immer unklar. Die Frau befindet sich in der Psychiatrie, sie schweigt weiterhin zu den Vorwürfen. Ein Gutachter soll klären, ob die Verdächtige überhaupt schuldfähig ist und vor Gericht gestellt werden kann. Momentan wird gegen sie ermittelt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und gemeingefährlicher Vergiftung, so Anne Leiding.

Postkarte mit "wirren Sätzen" aufgetaucht

Die Polizei konnte die Taten im Supermarkt und im Gasteig miteinander in Verbindung bringen, da Zeugen von damals ein Bild der Frau gezeigt wurde. Ein Mann, der bei der Veranstaltung am Ausschank arbeitete, konnte die Verdächtige auf dem Foto wiedererkennen. Ihr Verhalten vor Ort beschrieb er als "sehr merkwürdig".

Die 56-Jährige soll nach der Wahnsinnstat im November 2018 sogar eine Ansichtskarte an einen ihrer Ärzte geschrieben haben. Darauf standen die Worte: Gasteig, Veranstaltung, Notarzteinsatz. Der Arzt übergab die Karte im Herbst vor zwei Jahren der Polizei. Die Karte trug zwar keinen Absender, doch er hatte eine bestimmte Patientin in Verdacht, die schon öfter wegen ihres wirren und merkwürdigen Verhaltens in der Praxis für Ärger gesorgt hatte. Eine konkrete Straftat konnte die Kripo der 56-Jährigen aus München zunächst nicht nachweisen. Die Ermittlungen verliefen im Sande. Doch inzwischen haben die Informationen eine ungeahnte Brisanz erlangt.

"Mit dem heutigen Wissensstand liest sich die Karte und deren Inhalt natürlich ganz anders", sagt Josef Wimmer, Chef der ermittelnden Mordkommission K 11. Die 56-Jährige belastet sich zudem selbst mit der Karte. "Denn sie beweist, dass die Verdächtige zur Tatzeit im Gasteig war", betont Josef Wimmer. Mehr noch, sie kannte Details, die kaum jemand wusste, denn die Polizei hatte den Fall der vergifteten Schwestern nie öffentlich gemacht. Das geschah gestern im Präsidium.

"Wir können die Taten klar der Beschuldigten zurechnen", so Wimmer. Seit mindestens 2018 würde sie also mit Giften hantieren, dabei "weiter wahllos und ohne erkennbares Motiv" handeln. Eine Abgrenzung kann die Polizei jedoch jetzt schon vornehmen: Ähnliche Vorfälle, die sich Hinweisen zufolge in Clubs und Diskotheken ereignet haben, können nicht der Verdächtigen zugeschrieben werden. Die 56-Jährige sei nie spätabends unterwegs gewesen, heißt es.

Leiding: "Der Horror aller Eltern"

Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins betonte, die Frau sei nicht nur im Raum München unterwegs gewesen, sondern auch überregional. Die 56-Jährige reiste viel, auch ins Ausland. Ihr Leben finanzierte sie mit unterschiedlichen, wechselnden Jobs, ein Studium hatte sie vor langer Zeit abgebrochen. Zuletzt war sie arbeitsunfähig und Frührentnerin. Konkrete Hinweise von Vergiftungsfällen außerhalb Münchens sind laut Wimmer allerdings noch nicht eingegangen. 

Anne Leiding von der Staatsanwaltschaft München I spricht bei dem Vorfall aus dem Gasteig vom "Horror aller Eltern". Für die Staatsanwaltschaft handelt es sich bei den Vergiftungen im Supermarkt laut Leiding um "mehrere Fälle des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit gemeingefährlicher Vergiftung".

Ob die 56-Jährige noch weitere Taten begangen hat, ist aktuell noch unklar. Leiding zufolge sind Polizei und Staatsanwaltschaft deshalb weiterhin auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Sachdienliche Hinweise können an das Kommissariat 11 (Soko Tox) des Polizeipräsidiums München, Tel. 089/2910-0 oder auch an jede andere Polizeidienststelle weitergegeben werden.

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