Germanwings-Absturz Trauer in Haltern: Eltern wollten tote Kinder anrufen

Kinder liegen sich in den Armen, herzzerreißende Zeichen den Anteilnahme, grenzenlose Trauer: In Haltern weinen Schüler und Lehrer um ihre toten Freunde. Die Bilder vom Joseph-König-Gymnasium. Foto: dpa

Einen Tag nach dem Germanwings-Absturz sind die ersten Schüler am Jospeh-König-Gymnasium angekommen. Bürgermeister aus Haltern: "Eltern versuchten, ihre Kinder auf dem Handy zu erreichen"

 

Haltern - Am Tag nach dem Absturz des Germanwings-Flugzeugs mit einer Schülergruppe aus dem westfälischen Haltern sind am Morgen die ersten Schüler und Lehrer an dem betroffenen Gymnasium eingetroffen.

16 Mitschüler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums waren an Bord der Unglücksmaschine, die über den französischen Alpen abgestürzt ist. Es handelte sich um Zehntklässler, die ihre Partnerschule besucht hatten. Es war der Gegenbesuch für einen Austausch von spanischen Schülern, der im Dezember stattfand. Am Morgen der Katastrophe hatten die spanischen Freunde und Familien ihre deutschen Partnerschüler noch an den Bahnhof gebracht und sich fröhlich verabschiedet, wie Bild.de berichtet.

Eltern versuchten noch, ihre toten Kinder anzurufen

Dann die Katastrophe. Der Airbus A320 zerschellt an einem Berg. Ein schreckliches Detail, welches das Drama plastisch macht: Eltern der verunglückten Schüler versuchten noch, ihre Kinder anzurufen. Bild.de zitiert dazu Bodo Klimpel (51), den Bprgermeister von Haltern: "Das ist der schwärzeste Tag in der Geschichte der Stadt. Die Eltern versuchten, als der Flieger nicht zum vereinbarten Zeitpunkt landete, ihre Kinder auf dem Handy anzurufen. Doch sie konnten niemanden erreichen".

Seit dem Abend waren auf der Schultreppe immer mehr Kerzen angezündet worden, am Mittwochmorgen brannte auf den Stufen ein Lichtermeer. Ein Schild mit der Aufschrift "Gestern waren wir viele. Heute sind wir allein" steht auf dem Schulhof an eine Tischtennisplatte gelehnt.

Nach Bekanntwerden des Unglücks war der Unterricht am Dienstagnachmittag abgesagt worden. An diesem Mittwoch ist die Schule aber wieder geöffnet. Es werde Gelegenheit geben, über das Schreckliche zu sprechen, hatte der Bürgermeister angekündigt. Auch Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) will das Gymnasium besuchen und dort ihr Mitgefühl bekunden. Seelsorger und Psychologen seien im Einsatz und würden Schüler und Lehrer in die Klassen begleiten, hatte am Dienstag ein Notfallseelsorger der evangelischen Kirche angekündigt.

Verweinte Augen, versteinerte Mienen und Entsetzen in Düsseldorf

Ihr Gesicht ist tränennass, die Frau weint, schluchzt, muss von einem Begleiter gestützt werden und wird rasch in einen abgeschirmten Bereich des Düsseldorfer Airports geführt. Rund 20 Menschen warten im Ankunftsbereich, als ihre Vorfreude auf das Wiedersehen ihrer Lieben und die Ankunft von Flug 4U 9525 aus Barcelona in fürchterliches Entsetzen umschlägt.

"Wir kontaktieren jetzt die übrigen Angehörigen"

15 Notfall-Seelsorger eilen herbei, betreuen sie, abgeschirmt vor neugierigen Blicken in einer VIP-Lounge, vor der gegen 14.00 Uhr ein Notarztwagen vorfährt. Der Flughafen hat einen Krisenstab eingerichtet. Sanitäter verschwinden in der Lounge.

"Wir kontaktieren jetzt die übrigen Angehörigen", sagt ein Lufthansa-Sprecher. "Das ist ein schwarzer Tag für die Luftfahrt." Immer wieder müssen die Helfer eintreffende Angehörige in den gesicherten Bereich führen und ihnen "in der vermutlich schwärzesten Stunde ihres Lebens" beistehen, wie Airportsprecher Thomas Kötter sagt.

Am frühen Mittwochmorgen gegen 0.25 Uhr landete dann mit großer Verspätung wieder ein Flug aus Barcelona in Düsseldorf. Unter den Passagieren ist auch die Spanierin Angeles Sala. Sie hatte überlegt, den Unfall-Flug vom Morgen zu nehmen - sich dann aber dagegen entschieden, weil dieser ihr zu früh war. "Und jetzt bin ich froh", sagt sie. Im Flugzeug sei es verhältnismäßig ruhig gewesen. Man habe versucht, das Thema Absturz zu vermeiden. "Die Leute wollten nicht über das sprechen, die Leute waren ruhig", erzählt sie.

Noch immer ist die Stimmung am Flughafen gedrückt

Noch immer ist die Stimmung am Flughafen gedrückt, die Szenen des Nachmittags präsent: Verweinte Augen, versteinerte Mienen, blankes Entsetzen. Ein Polizist nutzt seine Mütze als Sichtschutz vor Kameraobjektiven.

Etwas weiter wartet Jutta Lüdtke-Enking aus Düsseldorf mit rosa Blumen in der Hand und blass im Gesicht, auf ihre Schwestern, die in einem anderen Flieger aus Mallorca sitzen: "Ich bin die Strecke Barcelona-Düsseldorf mit Germanwings selbst oft geflogen. Da fehlen einem die Worte. Schrecklich."

Die Airport-Helfer des Krisenstabs tragen blaue Westen mit der Aufschrift "Airport Care Team". Vor dem Eingang der Lounge wird eilig ein weißer Sichtschutz aufgebaut.

Die Inhaberin einer Werbeagentur wartet in der Nähe auf einen Kunden und stellt sich die bohrende Frage: "Ist irgendjemand aus dem Bekanntenkreis gerade in Barcelona?" Zum Glück müsse sie heute nicht selbst fliegen, sagt sie.

Gegen 11.30 Uhr sei die Nachricht am Airport eingetroffen, dass Flug 4U 9525 über den französischen Alpen vom Radar verschwunden ist, berichtet der Airport-Sprecher. Auf den Ankunftstafeln ist der Flug noch lange angezeigt. Ohne Ankunftszeit, ohne Nummer für den Ausgang der Passagiere und ohne Hinweis auf seinen Verbleib.

"Wir haben selbst aus den Nachrichten davon erfahren"

Ein Stockwerk höher, in der Abflughalle, wissen viele Gäste gar nichts von der Katastrophe. Aber sie spricht sich schnell herum: "Was?", fragt eine Frau aus Duisburg ungläubig. Eine Rentnerin wartet auf ihren Flug nach Mallorca. Die Nachricht habe sie schon schockiert. Fliegen werde sie trotzdem, sagt sie und verschränkt die Arme.

Am Schalter von Lufthansa und Germanwings sind die Mienen der Mitarbeiter ernst. "Wir haben selbst aus den Nachrichten davon erfahren", sagt eine Mitarbeiterin.

 

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