"Gemeinsamer Nenner" Deutsche Tugenden 2.0: Das Erfolgsgeheimnis der Wunderknaben

Haben auch in Abwesenheit der zahlreichen geschonten Weltmeister beim Confed-Cup-Auftakt Grund zum Jubeln: Shkodran Mustafi (l.), Julian Draxler (r.) und Co. Foto: firo/Augenklick

Dass sich viele junge Profis in der Nationalelf schnell zurechtfinden, liegt auch an einer einheitlichen Spielauffassung beim DFB bis in die U-Teams. 

 

Als Deutschland im Sommer 1990 auf dem Weg zur Wiedervereinigung den WM-Triumph der Fußball-Nationalmannschaft in Rom bejubelte, war Joachim Löw ein junger Mann von 30 Jahren. Als Stürmer des FC Schaffhausen ließ er seine Spielerkarriere langsam ausklingen und bereitete sich gedanklich auf eine Laufbahn als Trainer vor. Und so hörte er genau hin, als der damalige Teamchef Franz Beckenbauer prophezeite, die DFB-Elf sei "über Jahre hinaus" unschlagbar.

24 Jahre später hatte Löw in Rio selbst den Thron erklommen – und erinnerte sich an Beckenbauers berühmten Satz. Er wollte diesen Fehler nicht wiederholen – und machte sich mit Assistent Hansi Flick daran, gegenzusteuern. Flick wurde bald Sportdirektor und entwickelte unter dem Motto "Unser Weg" ein sportliches Leitbild, dem alle Teams – von der Nationalelf bis zur U15 – unterworfen wurden.

Flick wurde inzwischen von Horst Hrubesch abgelöst, das Leitbild hat den Wechsel überdauert. Als 64-seitige Broschüre dient sie Auswahlspielern wie -trainern als Blaupause für die Zukunft. "Wer meint, nach einem Erfolg so weitermachen zu können wie bisher, hat bereits Schritte Richtung Niederlage zurückgelegt", heißt es in Flicks Vorwort.

Flick und Löw hätten sich 2014 gefragt: "Wofür steht der DFB?", erklärt Meikel Schönweitz, sportlicher Leiter der U-Nationalmannschaften und Hrubeschs rechte Hand, die Ausgangslage. "Auf einem weißen Blatt Papier" sei damals eine einheitliche Spielauffassung, eine Philosophie erstellt worden. Das Ziel laut Schönweitz: "Ein gemeinsamer Nenner, der überdauert." Unabhängig von Personalien in der sportlichen Leitung.

"Ein gemeinsamer Nenner, der überdauert"

Dass sich viele der jungen Spieler beim Confed Cup unter Löw so schnell zurechtfinden, liegt auch daran, dass sie schon in den U-Teams unter diesem "Nenner" ausgebildet wurden. Die Basis, erläutert Schönweitz, stellen zehn "deutsche Tugenden 2.0" dar. Werte wie Respekt, Disziplin, Leidenschaft oder Teamgeist seien "nichts, wofür wir uns schämen müssen, auch wenn es sich preußisch anhört".

Darauf baut eine "Spielvision" als roter Faden für alle auf. "Da spricht Jogi Löw genauso zu seiner Mannschaft wie der U15-Trainer", sagt Schönweitz. Löws Assistent Marcus Sorg meint, die Stärke dieser Spielvision liege in ihrer "Reduktion aufs Nötigste", was er beispielhaft an der für alle Teams gleichen Spielauffassung erklärt. Diese laute immer: "So tief (spielen) wie möglich, so breit wie nötig."

Dazu kommen sieben Leitlinien wie: Wir wollen den Ball! Wir gestalten das Spiel! Wir coachen uns gegenseitig! Diese Ideen werden ergänzt durch eine je nach Spielermaterial und Gegner unterschiedliche Spielkonzeption.

"Wir haben versucht, den Fußball auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runterzubrechen, damit Fußballer aus unterschiedlichen Vereinen das schnell verwirklichen können", sagt Sorg. Seine feste Überzeugung: Die Mannschaft gewinnt am wahrscheinlichsten, die "immer ihrer Idee und ihren Prinzipien folgt". Wie der FC Barcelona, der auch bei Rückstand in der 95. Minute den kurzen Pass sucht.

Das System sei dabei nur "Mittel zum Zweck" und nicht entscheidend, betont Sorg. Der "deutsche Weg" führe nicht zwingend zum Erfolg, ergänzt er, aber er ist "eine Hilfe für die Spieler, die weitgehend sicherstellt, dass diese ihre bestmögliche Leistung abrufen". Auch, wenn sie neu bei der Nationalelf sind – wie aktuell so viele in Löws Perspektivteam.

 

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