Geld Die Melk-Kühe aus der Mittelschicht

BERLIN - Ökonomen warnen: Die Reichen werden immer reicher, die Armen werden immer ärmer, die Normalverdiener haben Angst vor Absturz. Das bedroht die gesellschaftliche Stabilität im Land.

 

Droht uns die Spaltung der Gesellschaft? Davor warnt jetzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

In einer groß angelegten Studie über die Einkommensentwicklung in Deutschland kommen die Forscher zu einem erschreckenden Ergebnis: Seit zehn Jahren werden in Deutschland die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Mittelschicht nimmt dagegen kontiniuerlich ab – und hat massive Abstiegsängste.

Als Mittelschicht definieren die Forscher vom DIW die Menschen, deren Nettoeinkommen zwischen 860 und 1844 Euro liegt (das sind allerdings bundesdeutsche Durchschnittswerte, in Metropolen wie z.B. München sind die Nettoverdienste oft höher).

Im Jahr 2000 gehörten noch 66,5 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht. Neun Jahre später sind es nur noch 61,5 Prozent. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Menschen mit einem niedrigen Einkommen (unter 860 Euro monatlich) von 17,8 auf 21,7 Prozent deutlich an. Der Anteil der Reichen stieg von 15,6 auf 16,8 Prozent an.

Die Ökonomen besorgt aber noch eine andere Entwicklung: Es gibt nicht nur immer mehr Arme – die Gruppe verdient auch in absoluten Zahlen immer weniger. Vor zehn Jahren hatte ein Single-Haushalt der unteren Einkommensgruppe im Monat noch 680 Euro, heute sind es nur noch 645 Euro. Die Reichen verdienen dagegen auch absolut mehr: Der mittlere Verdienst höherer Einkommensgruppen lag 2000 noch bei 2400 Euro, heute bei 2700 Euro. Der Abstand zwischen Arm und Reich wird also immer größer.

Und was bedeutet das für die Mittelschicht? Jan Goebel und Martin Gornig vom DIW warnen vor der so genannten „Statuspanik“: Anders als bei Reichen stützt sich der Status von Mittel-Verdienern fast nur auf ihr Einkommen. Reiche können Vermögen anhäufen – Immobilien kaufen, Geld anlegen, in Firmen investieren. Normalverdiener können das nicht in dem Maße – sie sind auf ihr monatliches Einkommen angewiesen, und haben deshalb größere Verlustängste als Wohlhabende.

Was ist die Folge? „Diese Verunsicherung der Mittelschicht kann mit der Tendenz einhergehen, eine andere Bevölkerungsgruppe für den Status-Verlust verantwortlich zu machen“, sagt Martin Gornig.

Im Klartext: Die Angst der Mittelschicht vor ihrem eigenen Absturz bietet den idealen Nährboden zum Beispiel für Extremismus, Ausländerfeindlichkeit und eine gesellschaftliche Spaltung. Die von FDP-Chef Guido Westerwelle vor wenigen Monaten angestoßene Hartz-IV-Debatte ist dafür nur ein Beispiel.

Eine immer schwacher werdende Mittelschicht gefährdet also doe Demokratie und die Stabilität der Gesellschaft, warnen die DIW-Forscher. Das werde man auch praktisch merken, zum Beispiel in der Stadtentwicklung: Die Wissenschaftler fürchten regelrechte Armen-Ghettos wie in manchen amerikanischen Großstädten. „Es bilden sich Quartiere heraus, denen das Stigma der Armenviertel anhängt. Das Leben dort ist dann von Resignation und Pessimissmus geprägt.“

Kein Wunder, dass die Wissenschaftler das geplante Sparpaket der Bundesregierung deshalb extrem kritisch beurteilen – es verschärft ihrer Ansicht nach die Lage: „Die bisherigen Vorschläge betreffen nur die unteren Einkommen“, sagt Jan Goebel. „Der Anteil der Reichen steigt aber stetig und die Reicheren verdienen auch immer besser. Da stellt sich schon die Frage, ob diese Gruppe nicht auch einen Sparbeitrag leisten sollte.“

Sogar der Bund der Steuerzahler hat sich jetzt für eine Vermögensabgabe ausgesprochen: „Angesichts der Zumutungen, die auf die Bürger zukommen, sollen auch die herangezogen werden, die in den letzten Jahren von Steuerreformen besonders profitiert haben“, sagte Chef Frank Neubauer. Die Koalition hält aber an ihrem Sparpaket fest – und will es jetzt ohne den Bundesrat durchpeitschen. A. Zoch

 

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