Geburtstags-Interview, Teil 2 Die Kessler-Zwillinge über Terror und Amok: "Wir haben keine Angst"

Zu zweit ist man stärker, sagen Ellen (l.) und Alice Kessler. Zu zweit in ihrem Pool wird man sie allerdings nie antreffen: "Dann ist es uns zu voll." Foto: API/Michael Tinnefeld

Im zweiten Teil des großen AZ-Geburtstags-Interviews sprechen Alice und Ellen Kessler über Terror und den Amoklauf in München.

 

Nur ein paar Fotos an den Wänden ihrer zwei Wohnungen im Grünwalder Haus erinnern an die goldenen Zeiten mit Elvis Presley, Dean Martin, Frank Sinatra.

Alice und Ellen Kessler, die weltberühmten Show-Stars, die am Samstag zusammen 160 werden, denken selten zurück.

Sie leben im Hier und Jetzt. Also reden wir auch darüber.

AZ: Liebe Alice, lieben Ellen, wie bekommen Sie die Flüchtlinge in Grünwald mit?
ELLEN: Gerade am Anfang haben wir jeden Flüchtling, den wir auf der Straße gesehen haben, angesprochen, woher er kommt und so. Das war immer sehr interessant. Aus Mali sind welche hier, Somalia.
ALICE: Ihr Camp ist vier Kilometer entfernt, 300 junge Männer leben dort. Probleme gibt es überhaupt nicht. Einmal die Woche kocht ein Flüchtling im Bürgerhaus afghanisch oder pakistanisch, da kann man hingehen und für zwei Euro essen. Das wollen wir jetzt mal ausprobieren. Die sind auch alle recht freundlich, grüßen nett und fragen uns: "Alles klar?"

Wie stehen Sie zu Merkels "Wir schaffen das"?
ELLEN: Aus heutiger Sicht ist es ein Fehler gewesen, aber sie konnte ja nicht wissen, wie viele Flüchtlinge kommen. Nach diesem Satz wollten eben alle zu Mutti Merkel, und das war nicht so gut. Jetzt kann sie aus der Nummer nicht mehr raus.

Wie haben Sie den Münchner Amoklauf mitbekommen?
ELLEN: Wir haben sofort den Fernseher angemacht. Die erste Reaktion war: Jetzt fängt es auch bei uns an. Davor haben wir gedacht und gehofft, dass Deutschland ein bisserl verschont bleibt. Ich glaube, wir haben den Dritten Weltkrieg des Terrors. Er ist so schlimm, weil man nicht mehr weiß...
ALICE: ...wo was passiert. Und wann.
ELLEN: Plötzlich passiert was Schlimmes in einer Kleinstadt. Nicht Frankfurt, Berlin, sondern Würzburg und Ansbach.
ALICE: Wenn man ängstlich ist, dürfte man nicht mehr vor die Haustüre gehen.

Sind Sie ängstlich?
BEIDE: Nein!
ELLEN: Wir haben keine Angst. Mit Angst kann man nicht leben.
ALICE: Ich gehe nicht zu Großveranstaltungen. Bin ich vorher aber auch nicht.
ELLEN: Die Wiesn ist eh nicht unser Fall.
ALICE: Bloß nicht.
ELLEN: Überall, ob in Paris oder Rom, stehen jetzt Männer mit Maschinenpistolen, das ist traurig und furchtbar. Wir sind im Krieg. Dieses Gefühl habe ich. Ich habe keine Angst, aber es ist extrem unschön.
ALICE: Trotzdem hat es keinen Sinn, sich verrückt zu machen. Wenn ich wohin gehe und Angst habe – ist doch schrecklich. Bringen tut’s auch nix.
ELLEN: Die Menschen machen sich zu viele Sorgen.
ALICE: Gerade wenn sie ins Bett gehen. Was ist morgen? Das muss man von sich schieben. Meine einzige Sorge ist, ob ich gut schlafen kann.
ELLEN: Nicht grübeln, zweifeln. Wir leben in einer schlimmen Welt, aber es macht sie nicht besser, wenn man sich das dauernd vor Augen hält.
ALICE: Gott sei Dank ist es hier nicht wie in Amerika, dass alle Waffen haben. Dann wäre es wirklich gefährlich.
ELLEN: Bei uns ist oft eingebrochen worden – damals in Rom. Fünf Mal. Wegen eines goldenen Telefons, das in Wahrheit aus Plastik war. Überall wurde rumgewühlt. Ich dachte, wenn ich den Einbrecher erwische und eine Waffe habe, ich würde schießen. Ich könnte schießen in dem Moment! Man ist aufgebracht und dadurch unberechenbar. Das ist die Gefährlichkeit, eine Waffe zu besitzen.
ALICE: Man würde sie irgendwann benutzen.

In den letzten 80 Jahren hat sich viel verändert – nicht nur zum Schlechten. Was waren die besten Entwicklungen?
ALICE: Die Entwicklung ist einmalig. Auf der anderen Seite ist sie fast zu schnell gegangen.
ELLEN: Beinahe beängstigend.
ALICE: Was heute alles möglich ist! Alles ist möglich.
ELLEN: Die Entwicklung mit Computern – fantastisch. Kein Mensch dachte anfangs, dass man Mails knacken kann.
ALICE. Die ersten Computer, da hieß es, das ist das Sicherste, was es gibt. Heute ist es mit das Unsicherste. Trotzdem toll.
ELLEN: Man muss keinen Brief mehr schreiben, die E-Mail ist sofort da. Wie kompliziert war das früher!
ALICE: E-Mails schreib ich gern, SMS ist oft mühsam, die Tipperei auf den kleinen Dingern.

Skypen Sie?
ELLEN: Kein Skype, kein Facebook. Es geht auch ohne. In den 60ern sind wir in der Oper in Catania auf Sizilien aufgetreten und wollten unsere Mutter anrufen. Da haben die gesagt: drei Stunden Wartezeit.
ALICE: Dann haben wir im Hotel einen Mafioso kennengelernt und hatten sofort unsere Mutter an der Strippe. Das war die Mafia. Einer hat mir mal gesagt, wenn wir aus New York eingeflogen werden und in Rom stoppen müssen, soll ich Bescheid geben, er kann die Maschine ohne Zwischenstopp nach Sizilien weiterleiten.

Warum lieben die Italiener Sie so sehr?
ELLEN: Weil wir wie Feen waren – groß, schlank, blond.
ALICE: Sie haben uns für das geliebt, wofür wir lange Komplexe hatten. Wir fanden uns zu groß, zu dünn, sind immer gebückt gegangen, um uns kleiner zu machen. Dazu dieses doppelte Dasein. 1961 war das was Besonderes.
ELLEN: Es war auch besonders hart. Als Zwilling muss man alles synchron machen. Wir haben manchmal sehr geflucht.
ALICE: Die eine, die auf der Bühne einen Fehler machte, war traurig, die andere sauer.

Das ist ja schrecklich.
Beide lachen.

Gab es viel Streit?
ALICE: Hin und wieder.
ELLEN: Es hat auch sein Gutes: Wir haben uns. Verheiratet zu sein, da waren wir nie scharf drauf. Das Schöne ist bis heute: Wir haben zuhause zwei Einheiten, können getrennt leben und doch haben wir nie, nie, nie das Gefühl der Einsamkeit. Das ist das Positivste, was man haben kann. Wenn man alleine wäre, wie andere Damen – das ist schon schwierig.
ALICE: Man würde schneller jemanden zu sich ins Haus holen, der gar nicht zu einem passt. Nur, um nicht allein zu sein.
ELLEN: Ich glaube, dass gar nicht so viele Männer auf uns zugetreten sind, weil wir sie eingeschüchtert haben. Zu zweit ist man stärker. Wir wirken wie eine Einheit.

Wie eine glückliche Einheit, der es an nichts fehlt.
ALICE: Genau. Da sind Männer sensibel und unsicher.
ELLEN: Männer sind muskelstark, aber sonst nicht so sehr.

Verheiratet waren Sie nie, verliebt schon – oder?
ALICE: Ja.
ELLEN: Verknallt.
ALICE: Ich schwärme noch sehr für Harry Belafonte.
ELLEN: Ich bin mehr für Papst Franziskus, der ist toll, so menschlich und natürlich.
ALICE: Aber warum dürfen die keine Frauen haben? Das ist eine blöde Religion.
ELLEN: Heimlich schon.

Stehen die Männer Schlange?
ALICE: In dem Alter steht niemand mehr Schlange.
ELLEN: Die meisten Männer, die wir kennen, sind schwul.
ALICE: Ich sehe keine tollen alten Männer um uns herum. Die Männer, die ich sehe, sind alt – aber nicht toll.

Und morgen lesen Sie in der AZ: Die Kesslers über die Weisheit des Alters, Helene Fischer und warum sie mit Spinnen reden.

 

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