Für Stafverfolgung nahezu wertlos Missbrauchsstudie der katholischen Kirche hat fast keine Konsequenzen

Missbrauch in der katholischen Kirche - strafrechtliche Folgen wird die Studie für die wenigsten der Beschuldigten haben. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

2018 erschütterte die katholische Kirche die Öffentlichkeit mit ihrer großen Missbrauchsstudie. Die Unterlagen - so das Versprechen - sollten an die Staatsanwaltschaften weitergeleitet werden. Dort zeigt sich nun: Strafrechtlich sind die Dokumente nahezu wertlos.

 

München – Im Herbst 2018 machte die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche mit erschreckenden Zahlen Schlagzeilen: Mindestens 3.677 Minderjährige wurden in den Jahren 1946 bis 2014 von 1.670 Klerikern missbraucht. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) - allen voran ihr Vorsitzender, Kardinal Reinhard Marx, - sprach von Entsetzen, Abscheu und Scham und kündigte an, die Akten an die Behörden weiterzuleiten.

Anderthalb Jahre später ist nun klar, was Kritiker der sogenannten MHG-Studie von Anfang an befürchteten: Strafrechtliche Konsequenzen wird es für die Täter wohl kaum geben.

Schwere Vorwürfe gegen Kardinal Marx

"Das war alles nur Show – mehr nicht", kritisiert der Kriminologe Christian Pfeiffer im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Er sollte die Studie ursprünglich leiten - und fordert nun den Rücktritt von Kardinal Reinhard Marx vom DBK-Vorsitz. Sein Vorwurf: Marx habe eine ehrliche, transparente Aufarbeitung des Skandals verhindert.

In Bayern, dem nach Bevölkerung zweitgrößten und womöglich katholischsten Bundesland, haben die Staatsanwaltschaften anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung der Studie in keinem einzigen Fall Anklage erhoben. Fast alle Ermittlungen gegen verdächtige Kirchenleute wurden dort eingestellt, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter den drei Generalstaatsanwaltschaften in München, Bamberg und Nürnberg ergab. Vier Ermittlungen laufen bayernweit noch, einige wenige Fälle wurden an Staatsanwaltschaften außerhalb Bayerns weitergeleitet. Alle anderen wurden zu den Akten gelegt.

Kein Kommentar von der Bischofskonferenz

Die Bischofskonferenz will das Ermittlungsergebnis in Bayern nicht kommentieren. Und deutschlandweite Zahlen lägen ihr dazu nicht vor. Auch in den Bundesländern wird nicht einheitlich erhoben, wie viele Ermittlungsverfahren nach der Veröffentlichung der MHG-Studie laufen oder abgeschlossen sind.

DBK-Sprecher Matthias Kopp weist Pfeiffers Vorwürfe aber entschieden zurück: "Herr Pfeiffer wiederholt einen Vorwurf, zu dem wir bereits 2013 Stellung bezogen haben. Damals wie heute ist deutlich geworden, dass von der Verhinderung einer transparenten Aufarbeitung in keiner Weise die Rede sein kann." Ein Sprecher der Erzdiözese München-Freising unter der Leitung von Kardinal Marx teilt mit: "Mit unserer engen und umfänglichen Kooperation mit den Ermittlungsbehörden verfolgen wir Transparenz, eine lückenlose Aufklärung und umfassende Aufarbeitung von Missbrauch im Bereich der katholischen Kirche."

Der Passauer Strafrechtsprofessor Holm Putzke sagt dagegen, die katholische Kirche habe sich "redlich darum bemüht, damit die in ihren Reihen massenweise begangenen Verbrechen an Kindern inzwischen nicht mehr verfolgbar sind". Er stellte nach der Veröffentlichung der MHG-Studie gemeinsam mit einigen Kollegen Anzeige gegen Unbekannt und stieß damit die staatsanwaltlichen Ermittlungen an.

Viele der Taten sind bereits verjährt 

321 beschuldigte Kleriker wurden den Staatsanwaltschaften im Freistaat von den sieben bayerischen Bistümern gemeldet. 312 konnten namentlich identifiziert werden, 124 von ihnen waren allerdings schon tot. Von den noch lebenden 188 Beschuldigten wurden die Akten in 34 Fällen direkt an die Bistümer zurückgegeben, weil, so ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft München, "nach erster Sichtung offensichtlich keine Straftat im Raum stand". Blieben bayernweit noch 154, wie aus den Zahlen hervorgeht, die der dpa vorliegen.

Und auch diese Ermittlungen wurden - bis auf die wenigen noch ausstehenden Ausnahmen - alle eingestellt. Entweder waren die Tatvorwürfe bereits bekannt, geprüft und gegebenenfalls auch abgeurteilt. In vielen Fällen war die Tat schlicht verjährt oder es ergaben sich nicht genügend Anhaltspunkte für eine Straftat oder einen hinreichenden Tatverdacht.

Aus Sicht Putzkes lief die Aufarbeitung bei den einzelnen Staatsanwaltschaften unterschiedlich: "Manche haben den Bistümern nach unserer Anzeige sehr deutlich gemacht, dass die relevanten Akten herauszugeben sind oder sonst Konsequenzen drohen, manche haben eher zurückhaltend appelliert, andere pauschal jeden Tatverdacht verneint, mit der fadenscheinigen und abwegigen Begründung, es gebe keine konkreten Täter, weshalb kein Anfangsverdacht vorliege."

Auch zwischen den Bistümern habe es Unterschiede gegeben: "Manche arbeiten eng und mustergültig mit den Staatsanwaltschaften zusammen, etwa das Bistum Passau, andere haben nur zögerlich reagiert und geben nur das heraus, was ohnehin schon bekannt ist", sagt Putzke.

Kritiker: Kirche hat "jahrzehntelang vertuscht"

Der Sprecher der Reformbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner, sagt: "Aus Sicht der Betroffenen ist es bedauerlich, ja höchst enttäuschend, dass bis jetzt in keinem einzigen Fall in Bayern Anklage erhoben worden ist oder aufgrund der Verjährung erhoben werden konnte." Die Studie sei darauf angelegt gewesen, "nur generalisierte Ergebnisse zu bringen, um die Anonymität sowohl der Täter als auch der damaligen Verantwortlichen in der Kirchenleitung (...) zu schützen."

Auch Putzke kritisiert, die Kirche habe "jahrzehntelang vertuscht, Akten in Geheimarchiven verschwinden lassen und für die Ende September 2018 vorgestellte "Missbrauchsstudie" der Kommission nur zuvor gefilterte Unterlagen übergeben". Es ist ein Vorwurf, den er mit dem Kriminologen Pfeiffer teilt: Die Daten, auf denen die Studie basiert, wurden Pfeiffers Angaben nach nämlich nicht von unabhängigen Wissenschaftlern erhoben - sondern von der Kirche selbst. Darum sei die ursprünglich geplante Zusammenarbeit zwischen der Kirche und dem Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) abgebrochen worden, dessen Direktor Pfeiffer war.

Pfeiffer spricht von "Zensur" - die DBK dagegen von "Datenschutz" und davon, dass das "Vertrauensverhältnis" zu Pfeiffer "zutiefst erschüttert" gewesen sei. Die DBK verwahrte sich 2013 in einer Stellungnahme gegen den Vorwurf der "Zensur- und Kontrollwünsche". Aktuell wollte die Bischofskonferenz sich zunächst nicht äußern.

Marx und Ackermann "völlig unglaubwürdig"?

Pfeiffer ist überzeugt, Marx habe Forschern den uneingeschränkten Zugang zu Akten verweigert und so eine unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung bewusst verhindert - um sich selbst und Papst Benedikt zu schützen, der von 1977 bis 1982 Bischof von München und Freising war. "Das Beste wäre, Kardinal Marx würde von seiner Funktion als Sprecher der Bischofskonferenz zurücktreten und einräumen, was da gelaufen ist - ebenso Bischof Ackermann als Missbrauchsbeauftragter. Beide haben sich völlig unglaubwürdig gemacht."

Allerdings hat der Missbrauchsskandal nicht nur strafrechtliche Verfahren angestoßen, auch kirchenrechtliche. Ein Beispiel aus dem Bistum Trier des DBK-Missbrauchsbeauftragten, Bischof Stephan Ackermann: Seit Bekanntwerden des Skandals wurden dort nach Angaben eines Sprechers 36 noch lebende Priester des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Bis auf noch vier kirchenrechtliche Verfahren seien alle abgeschlossen. In insgesamt zwei Fällen seien Priester wegen Missbrauchs aus dem Klerikerstand entlassen worden. In einem weiteren Fall habe der Betroffene von sich aus darum gebeten.

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