Fortuna-Sportvorstand im AZ-Interview Lutz Pfannenstiel: "Das Gefängnis war schlimmer, als auf dem Platz zu sterben"

"Es war eine extreme Situation, unschuldig im Gefängnis zu sitzen", sagt Lutz Pfannenstiel. Foto: AZ-Montage, EPA/HOW HWEE YOUNG /Federico Gambarini/dpa,

Sportvorstand Lutz Pfannenstiel von Fortuna Düsseldorf spricht im AZ-Interview über die Zeit im Gefängnis in Singapur, seine Karriere als Weltenbummler, sein bewegtes Leben und das Bayern-Duell. "Ich war am Abgrund", sagt er über seine schwere Zeit in Singapur.

 

München - Der 45 Jahre alte Ex-Torhüter spielte für 25 Vereine in 13 Ländern. Seit Dezember arbeitet er als Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf.

AZ: Herr Pfannenstiel, Sie kommen ja aus Zwiesel, einem kleinen Ort im Bayerischen Wald. Wann war Ihnen klar, dass Sie nicht – sagen wir – in der Glasindustrie arbeiten wollen?
LUTZ PFANNENSTIEL: Mein Vater war auch schon ein nicht gerade schlechter Torhüter im Profibereich. Außerdem war meine Familie gut mit Klaus Fischer und Sepp Weikl von Fortuna Düsseldorf befreundet. Für mich war eigentlich immer klar, dass ich Profi werden möchte. Ich weiß noch, als der Pfarrer bei meiner Kommunion danach gefragt hat. Die anderen wollten alle Lokführer, Flugkapitäne oder sonst etwas werden. Ich habe geantwortet: Nationaltorwart. (lacht)

Das haben Sie im Nachwuchsbereich schnell geschafft.
Ich war in fast allen Jahrgängen in der Nationalmannschaft. Dann bekam ich Angebote aus Nürnberg, Bochum, Stuttgart und vom FC Bayern – allerdings im damaligen Amateurbereich. Irgendwie hat sich da aber innerlich in mir etwas gesträubt.

Warum?
Ein gewisser Oliver Kahn war gerade zu den Bayern gekommen und ich war ein junger Torwart mit der Ambition, die Nummer eins werden zu wollen. Ich wusste, dass ich dieses Ziel bei den Bayern nie erreichen würde. Und die BayernAmateure haben damals in der Bayernliga gespielt. Es wäre kein Schritt gewesen, mit dem ich meinem Ziel, Profi zu werden, nähergekommen wäre.

Lutz Pfannenstiel erklärt seine vielen Vereinswechsel

Sie haben dann in 25 Vereinen in 13 Ländern gespielt. Warum sind Sie so rastlos?
Ich bin jetzt nicht ständig in der Früh wachgeworden und wollte unbedingt den Verein wechseln. Das war den Umständen geschuldet. Einmal wurde der Trainer entlassen, dann ging der Verein Pleite oder ich saß zu oft auf der Bank. Aber ich habe auch sechs Jahre lang (2001-2006; d. Red.) in Neuseeland beim gleichen Verein gespielt, der zwischenzeitlich umbenannt wurde. In der Liga wurden nur sechs Monate im Jahr gespielt und ich wollte meinem Verein nicht auf der Tasche liegen. Deshalb habe ich mich in der spielfreien Zeit immer wieder ausleihen lassen. Diese vielen Wechsel haben sich einfach so ergeben.

Neuseeland war Ihre längste Station, auch Ihre schönste?
Eine der schönsten war für mich Brasilien, weil ich dort mit dem Spiel im Maracanã den Weltrekord aufgestellt habe: Ich war der erste Spieler, der auf allen sechs Kontinenten gespielt hat. Südamerika hat mir damals noch gefehlt. Dann kam ich ausgerechnet im Maracanã zum Einsatz. Es war mein Kindheitstraum, mal für Flamengo im Maracanã zu spielen. Das Spiel für meinen Klub CA Hermann Aichinger war ein besonderer Moment. Aber eigentlich habe ich an die meisten Länder sehr positive Erinnerungen.

Haben Sie mal eine Entscheidung bereut?
Meine Zeit in Singapur – das ist schon eine sehr dunkle Erinnerung. Das hat mich als Mensch und als Fußballer ganz nahe an den Abgrund gebracht und mich fast zerstört. Es war eine extreme Situation, unschuldig im Gefängnis zu sitzen.

Sie wurden wegen Verdachts auf Sportwetten-Betrug festgenommen, weil sie "auffallend gut" gehalten hatten. Waren diese 101 Tage im Gefängnis Ihre schwierigste Zeit?
Definitiv. Das war sogar noch mal eine Stufe schlimmer, als auf dem Platz zu sterben. Da konnte ja niemand etwas dafür. Das war ein Unfall, aber auch eine harte Situation. Ich war klinisch tot und musste drei Mal von unserem Physio wiederbelebt werden.

Pfannenstiel: "Da wird man fast zwangsläufig Bayern-Fan"

Ihre schwangere Freundin schaute Ihnen 2002 bei dem Vorfall im Spiel mit Bradford Park Avenue zu.
Mein Gegenspieler wollte über mich drüberspringen, landete mit seinem Knie aber direkt auf meinem Solarplexus. Ich lag auf dem Rasen mit zusammengefallener Lunge, Herzstillstand und ohne Puls. Nach vier Stunden im Krankenhaus bin ich wieder aus dem Koma aufgewacht und habe das Gott sei Dank schadenfrei überstanden. Seitdem feiere ich den Tag als meinen zweiten Geburtstag.

In Brasilien gab es mal eine gefährliche Situation mit einem Affen, oder?
Das war ein sogenannter Brüllaffe. Unser Stadion war relativ nahe am Regenwald. Bei den Spielen, wenn viel los war, kam er eher selten vorbei. Beim Training saß er aber öfter mal auf dem Dach der Tribüne oder sogar auf der Torlatte bei mir – und hat dort uns Spieler bedroht. Wir sind dann in die Kabine geflüchtet und haben gewartet, bis er sich wieder zurückgezogen hat.

Mal ein etwas anderer Gegner.
Der war auf jeden Fall etwas bissiger. (lacht)

Waren Sie als Kind eigentlich Fan des FC Bayern?
Wenn man in Niederbayern aufgewachsen ist, wird man fast zwangsläufig Bayern-Fan, auch, wenn ich die Sechziger ebenfalls gerne mag. Alle Jugendmannschaften aus der Ecke fahren einmal im Jahr zu einem Spiel des FC Bayern. Ich habe das immer sehr genossen.

Düsseldorf freut sich auf "Spiel des Jahres" gegen FC Bayern

Sie haben eine verrückte Reise hinter sich. Ist Bundesliga mit Düsseldorf die nächste?
Nach acht Jahren als Scout in Hoffenheim war es für mich einfach der nächste Schritt, bei Fortuna zum Sportvorstand aufzusteigen.

Was erwarten Sie nun von dem Duell mit dem FC Bayern am Sonntag (15.30 Uhr/Sky und im AZ-Liveticker)?
So ein 3:3 wie im Hinspiel würde ich sofort wieder unterschreiben. Der FC Bayern ist selbstverständlich der haushohe Favorit. Der Druck liegt beim FC Bayern, der ja noch um die Meisterschaft spielt. Wir wollen unsere Leistung, die wir in München abgeliefert haben, bestätigen und am liebsten gegen Bayern den Klassenerhalt rechnerisch klarmachen.

Düsseldorf spielt auch noch gegen Dortmund. Fortuna wird also das Meisterschicksal mitbestimmen, oder?
Wir haben den Meisterkampf gar nicht im Kopf und wollen beide einfach so gut wie möglich herausfordern. In der Hinrunde haben wir zuhause gegen Dortmund gewonnen und in München 3:3 gespielt. Jetzt daheim gegen den FC Bayern – das ist für uns das Spiel des Jahres. Davon haben doch die meisten Spieler schon als Kind geträumt.

Lesen Sie auch: Das sagt Niko Kovac zur Trainingsschlägerei

Lesen Sie hier: Erneuter Bayern-Schreck? Zwei Fortuna-Stürmer im Check

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading