Formensprache der Märklin-Welt Im MUCA: Moderne Idylle statt Fachwerkkitsch

Schweizer Alpenmoderne: Die Villa Guscetti in Ambrì im Tessin. Foto: Hagen Stier

Nachkriegsmoderne für Modelleisenbahn: Der Architektursalon im MUCA zeigt "Märklin Moderne – Vom Bau zum Bausatz und zurück".

 

München - Sie gelten als Inbegriff des Spießertums: die Modelleisenbahn im Hobbykeller und die Basteleien der Möchtegern-Eisenbahner. Ist das nur ein Klischee?

Die erstmals im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und jetzt in der Münchner Altstadt, im AIT-Architektursalon in der Hotterstraße beim Färbergraben, gezeigte Ausstellung mit dem Titel "Märklin Moderne - Vom Bau zum Bausatz und zurück" geht der Sache auf den Grund.

Und fördert Erstaunliches zutage. Fachwerkhäuser, Ritterburgen in Felsenlandschaften und der dunkle Nadelwald sind und waren nur eine Variante auf der Modellplatte – und nicht einmal die vorherrschende. In der Wirtschaftswunderzeit der 50er bis 70er Jahre zeigten sich die Deutschen im Kleinformat richtig modern.

Wie kam die moderne Formensprache in die Modellwelt?

Jedenfalls diejenigen, die Kunststoffspritzguss-Bausätze der Hersteller Faller, Vollmer, Vero, Pola oder Kibri neben ihren Schienen und Eisenbahnen verbauten: Da finden sich auch Hochhäuser mit Rasterfassaden, eine Tanke mit kreisrundem Panoramarestaurant, auf dem sich der Mercedes-Stern dreht oder eine moderne Kirche und ein fast avantgardistischer Bahnhof.

Wie kam die moderne Formensprache in die Modellwelt, wer hat sie erfunden? Die Kuratoren der Schau von "moderneREGIONAL", einem Online-Magazin zur Baukultur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, fragten sich das. Und sie sind dem Thema mit Akribie nachgegangen.

Dabei stellte sich heraus, dass es für zahlreiche Bausätze wie etwa "Bahnhof Neustadt", "Auto-Rast" oder "Hochhaus" viel mehr reale Vorbilder gab als gedacht.

"Bahnhof Neustadt" steht in Wirklichkeit in Goch

Denn die Bausatz-Hersteller und ihre Kreativen zogen sich nicht in ihre vier Wände zurück und überlegten: Was lässt sich gut als Modell verkaufen? Sie hielten vielmehr die Augen offen, wenn sie durch die Lande fuhren, und ließen sich von der real gebauten Umwelt inspirieren

Denn die wachsende Traumwelt im Keller musste ja einen Bezug zur Realität, dem Alltag der jungen Bundesrepublik haben. Ein wichtiges Kriterium: Das Versprechen auf eine bessere Zukunft zu zeigen.

Echte avantgardistische Architektur aber hätte womöglich die Kundschaft verschreckt. Man orientierte sich daher an typischen, charakteristischen Bauten, die auch die Alltagserfahrungen der Bastler und Eisenbahn-Spieler hervorriefen und die sie sich in ihrer Umgebung vorstellen wollten.

Das Ergebnis der Recherchen präsentiert die Schau, die außerdem mit mehreren großformatigen Modellanlagen aufwartet, an Hand großer Farbfotos: Modell und Original im Vergleich, dazu der Bausatz.

Man erfährt, dass etwa "Postamt Badenweiler" wirklich dem Postamt in Badenweiler im Schwarzwald nachempfunden ist. Oder: Das heute fast vergessene und absolut aus der Mode gekommene "Nurdach-Haus" (der Firma Nurda) füllte ab den späten 60er Jahren viele Ferienparks, erinnerte als steiles Satteldach ohne Haus drunter auch an ein fest gebautes Zelt. Die ikonische Form weckte menschliche Urinstinkte - und war auch als günstiges Faller-Modell zu kaufen.

Der modernistische "Bahnhof Neustadt" steht in Wirklichkeit in Goch am Niederrhein. Während sich die aus verschachtelten Kuben mit Schmetterlingsdächern komponierte "Villa im Tessin" fürs Geschichten erzählen eignet: Auf seiner Reise zum Ferienhaus am Lago Maggiore fuhr der Modellsatz-Fabrikant Hermann Faller in Ambri im Tessin vorbei, ließ sich von einer futuristischen Villa der Architektenbrüder Alberto und Aldo Guscetti komplett in Bann schlagen.

Wohnhochhäuser besitzen desöfteren keinen Eingang

Am Firmensitz in Gütenbach ließ er sich ein dem schweizerischen Vorbild fast zum Verwechseln ähnliches Wohnhaus in einen Schwarzwaldhang hinein bauen – und gleichzeitig einen Kunststoff-Bausatz für die Modelleisenbahn-Austattung seiner Firma. Der hat sich für 4,75 Mark seit 1961 fast 500.000 Mal verkauft.

Warum? Die Miniatur wirkt wie die High-End-Version des damals so ersehnten bundesdeutschen Bungalows, erinnerte auch an den von Sep Ruf gebaute "Kanzlerbungalow" in Bonn und vielleicht am Wichtigsten: Das Modell ließ den Traum vom Wohnen wie ein Hollywoodstar wahr werden: im Maßstab 1 zu 100.

Man erfährt in der Ausstellung auch, was das alles mit dem unvergessenen, 1972 von Klaus Staeck gestalteten Wahlplakat zu tun hat, auf dem der ironische Satz steht: "Deutsche Arbeiter: Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!" 

Außerdem lässt sich an den vielen Modellbeispielen auch erkennen, warum viele Architekten, die ja selbst Modelle bauen mussten, Modelleisenbahnbau so sehr verachteten: Da gibt es keine Regeln, keine Gesetze der Statik, keine DIN-Norm, keine Material- und vor allem keine Maßstabsgerechtigkeit. Wohnhochhäuser besitzen – wenn man genau hinschaut – öfters keinen Eingang.

Sockel- und Dachgeschoß passen maßstäblich nicht zu den stereotypen 25 Wohngeschossen dazwischen. Die viel zu groß wirkenden Einfamilienhäuser und Bushaltestellen scheinen für Giganten gebaut, die Geschosswohnbauten für Zwerge.

Was im pittoresken Traum den realitätsfernen Reiz ausmacht, muss sich halt vom echten Leben und dessen mitunter harten Begleiterscheinungen deutlich unterscheiden.

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Joachim Goetz, Architektursalon im MUCA, Hotterstraße 12, Telefon 21 55 24 310, bis 4. Februar, Mittwoch bis Montag, 10 bis 20 Uhr, während der Messe BAU (14.01.-17.01.) bis 22 Uhr. Am 19. Januar (Lange Nacht der Architektur) bis 24 Uhr. Katalog: Jovis Verlag, 28 Euro)


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